Mein Rücken schien auseinanderzubrechen. Der Schmerz war heftig. Ein Bandscheibenvorfall hatte mich lahmgelegt. Das Sprunggelenk war taub, ich zog den rechten Fuss nach. Es war an der Zeit, meinen Rücken operieren zu lassen.

Der Arzt und ich entschieden uns dagegen. Zum Glück. Die Lähmung löste sich. Als ich Wochen später im Meer stand, schoben die kräftigen Wellen den Rückenwirbel an seinen richtigen Platz. Es tat wahnsinnig weh, aber das Gefühl kehrte zurück.

Es sollte ein anderthalb Jahre langer Kampf zurück in die schmerzfreie Zone werden, mit Physiotherapie und täglichem Rückentraining. Und ich habe über die Jahre gelernt, was hilft, wenn mein Rücken rebelliert. Entspannungsübungen, starke Schmerzmittel, gute Haltung, Kältepackungen und viel Schlaf. Wissenschaftliche Literatur bestätigt den Verdacht: Eingriffe an der Bandscheibe sind in vielen Fällen weniger hilfreich als Gymnastik und Pillen.

Martin Vetterli.

Quelle: Holger Salach
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«Ärzte greifen flink zum Skalpell. Manchmal etwas gar flink.»

Martin Vetterli, stv. Beobachter-Chefredaktor

Meine Geschichte ist nur eine unter vielen, die mein Kollege Gian Signorell während seiner Recherchen zu unserer Titelgeschichte «Der fatale OP-Wahn» zu hören bekam. Und es zeigte sich: Gerade bei Erkrankungen des Bewegungsapparats sind konservative Therapien oft erfolgreicher als der Einsatz des Skalpells.

Sicher, im Einzelfall finden sich schnell gute Gründe für eine Operation. Aus Studien weiss man aber, dass die Zahl der Rückenoperationen vor allem mit einer weiteren Zahl zusammenhängt: wie viele Rückenärzte es in der Region gibt. Das hat der deutsche Mediziner Marcus Schiltenwolf nachgewiesen. Er hatte die Öffentlichkeit bereits in den neunziger Jahren mit einem anderen Befund aufhorchen lassen: dass Orthopäden höchstens in jedem zweiten Fall ihrer eigenen Empfehlung, zu operieren, folgen würden.

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So einfach reparieren wie ein Auto?

Selbstverständlich lassen sich solche Zahlen nicht eins zu eins aufs weite Feld der Medizin übertragen. Sie sind trotzdem ein klarer Fingerzeig. Ärzte greifen flink zum Skalpell, manchmal etwas gar flink. Aber auch wir Patienten müssen uns an der Nase nehmen: Wir haben eine Werkstatt-Mentalität entwickelt und glauben, unser Körper liesse sich vom Arzt so einfach reparieren wie ein Auto.

Wir müssen wieder mehr Verantwortung für uns und unsere Gesundheit übernehmen und auch etwas dafür tun. Das heisst nicht, dass man Ärzten grundsätzlich misstrauen muss. Doch es ist oft sinnvoll, kritisch zu bleiben und vor Eingriffen bei einem anderen Arzt eine Zweitmeinung einzuholen.

Man muss ja nicht gleich so weit gehen wie der Dichter und Arzt Gottfried Benn, der den medizinischen Fortschritt mit spitzer Feder verspottete: «Nichts gegen die Ärzte, grossartige Leute. Früher, bei einem Mückenstich, kratzte man sich. Heute können sie Ihnen zwölf Salben verschreiben und keine nützt, aber das ist doch Leben und Bewegung.»

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Der neue Beobachter ist da

Lesen Sie die vollständige Titelgeschichte «Der fatale OP-Wahn» in der aktuellen Ausgabe des Beobachters.

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Der Beobachter 15/2016 erscheint am Freitag, 22. Juli. Sie erhalten die Ausgabe am Kiosk, als E-Paper oder im Abo.

Quelle: Niko Guido/iStockphoto
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