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Editorial«Auch ich bin ein Schmarotzer»

Unser Autor ärgert sich über Jungpolitiker, die behaupten, dass alte Menschen nur abkassieren und es sich auf Kosten der Jungen bequem machen.

Jede Generation nimmt – und jede Generation gibt. Wieso also um den «Generationenvertrag» streiten?
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aktualisiert am 21. Juli 2017

Das Ende naht schon wieder. 

Diesmal wegen 70 Franken. Die sollen die Neurentner mit der AHV erhalten. Pro Monat. Zu viel, sagen die Kritiker der Al-tersreform 2020, über die wir am 24. September abstimmen. Die 70 Franken strapazierten den Generationenvertrag über Gebühr. Einige Jungpolitiker wollen ihn daher aufkündigen.

Das lässt mich schmunzeln. Nicht weil man einen Vertrag, der nie unterzeichnet wurde, nicht kündigen kann. Auch nicht, weil mir die Pensionskasse Anfang Jahr die Rente um ein paarmal 70 Franken gekürzt hat, indem sie den Umwandlungssatz unter 5 Prozent drückte. Sondern weil mir die Jungpolitiker ein so bedeutungsschweres Wort um die Ohren hauen, dass mir fast schwindlig wird.

Generationenvertrag. Das ist die Erweiterung des «Contrat social», des Urvertrags, der unser Zusammenleben regelt. Jean-Jacques Rousseau hat ihn vor gut 250 Jahren entworfen. Für den Genfer Philosophen zentral war die Idee des Gemeinwillens. Übertragen auf uns heisst das: Entscheidend ist nicht, was mir am meisten nützt, sondern was uns als Gemeinschaft am meisten bringt. Das gilt auch für die Abstimmung über die Altersreform.

Aber um die geht es hier gar nicht. Sondern um den stillen Vorwurf, der in der Rentendiskussion immer wieder mitschwingt: dass die Alten nur abkassieren und es sich auf Kosten der Jungen bequem machen.

«Auch die Wirtschaft wird merken, dass die jungen Alten der Wachstumsmarkt der Zukunft sind.»


Martin Vetterli, stv. Chefredaktor

Wer so argumentiert, hat ein antiquiertes Bild vom Alter. Voll fit bis 64 und ab 65 auf dem Weg ins Altersheim – so funktioniert es längst nicht mehr. Weil wir immer älter werden. Das hat die Perspektive auf das Alter völlig verändert. Den Grossteil dieser Extrajahre werden wir nicht in der Matratzengruft verbringen, sondern als aktive Menschen, die weiter arbeiten, wenn sie wollen, und für die jüngeren Generationen vielfältige Dienste übernehmen. Und wir werden glücklich leben. Denn die Zufriedenheitsquote ist erst bei den 70-Jährigen auf dem Höhepunkt. 

Die Gründe sind offensichtlich: gesicherte Verhältnisse, gute Gesundheit, noch relativ viel Lebenszeit und viele Möglichkeiten, das Leben frei zu gestalten.

Jede Generation gibt, und jede nimmt 

Auch die Wirtschaft wird merken, dass die jungen Alten der Wachstumsmarkt der Zukunft sind. Bis 2030 werden die über 60-Jährigen für 59 Prozent des Konsumwachstums sorgen, hat das Beratungsunternehmen McKinsey ausgerechnet.

Mein Kollege Bernhard Raos, der Autor unserer Titelgeschichte «Wer schröpft da wen?», ist selber Jungrentner. Und nervt sich über das Gerede von den alten Schmarotzern. Aber statt zu lamentieren, hat er Berge von Statistiken durchgeackert, Volkswirtschaftler und Sozialpolitiker befragt und mit Jungen und Rentnern gesprochen.

Er kommt zum Schluss: Die Sache mit den Generationen ist komplex. Jede Generation gibt, und jede Generation nimmt.

Deshalb ist es Quatsch, wenn ein paar Jungpolitiker behaupten, der Generationenvertrag stehe wegen 70 Franken auf der Kippe.

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Tina Berg, Online-Redaktorin

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