Über mangelnde Gelegenheit, ihren demokratischen Willen zum Ausdruck zu bringen, können die rund 2800 Reformierten von Winterthur-Töss wirklich nicht klagen. In fünf Jahren waren sie achtmal aufgerufen, neue Mitglieder ihrer Kirchenpflege zu küren. Kandidierende sind rar; gewählt ist am Ende die Person, deren Name sich am häufigsten in der Urne findet. Einmal reichten zum Wahlsieg bereits drei Stimmen. Kein Zweifel: Unser Milizsystem hat schon bessere Zeiten gesehen.

Dabei sind die Vorteile unbestritten: Ohne das Ehrenamt bei öffentlichen Aufgaben wäre das hiesige Mass an Dezentralisierung undenkbar. Das Milizsystem senkt Kosten, sorgt für Bürgernähe und fördert, wie es der Politologe Andreas Ladner ausdrückt, «eine gute Nutzung des beruflichen und menschlichen Potenzials aus dem zivilen Leben». So weit die Theorie.

Dass die Praxis oft ganz anders aussieht, belegt unsere Titelgeschichte (siehe Artikel zum Thema: «Laiengremien - von Amts wegen hilflos»). Die Misere des Milizsystems zeigt sich schon bei der Rekrutierung schliesslich sind 150000 Posten und Pöstchen zu besetzen. Je kleiner die Kommune, desto aufwändiger die Demokratie: In Gemeinden mit weniger als 250 Einwohnern ist durchschnittlich jeder Achte ein Amtsinhaber. Stimmberechtigt, qualifiziert, engagiert und beruflich nicht überlastet Leute mit diesem Profil wollen erst einmal gefunden sein.

Das ist nicht das einzige Problem. Fachlich stossen die Amateure im Amt zunehmend an Grenzen kein Wunder angesichts eines immer dichteren Gestrüpps von Gesetzen, Verordnungen und internationalen Richtlinien. Mangel an Sachverstand kann da teuer werden. Befinden Laien gar über menschliche Schicksale, hat Überforderung schnell tragische Folgen.

Abhilfe tut Not. Eine höhere Entschädigung könnte das Milizamt attraktiver machen, eine Verkleinerung der Behörden die Kandidatensuche erleichtern. Auch inhaltlich gibt es Reformbedarf: Je mehr die Profis Routineaufgaben übernehmen, desto mehr Zeit bleibt den Laien für strategische Fragen. Doch Professionalisierung heisst auch Zusammenarbeit über Gemeindegrenzen hinweg. Welchen Widerstand das auslöst, demonstriert derzeit das Thurgauer Kantonsparlament: Es widersetzt sich dem Bundesrat, der weniger, aber professionellere Zivilstandsämter vorschreibt. Ein Ansinnen, das die Mehrheit der Milizparlamentarier für einen Eingriff in Thurgauer Kompetenzen hält und damit natürlich für unzumutbar.

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