Elektroschocks in der Psychiatrie haben ein miserables Image. Das hat seine Gründe: Über Jahrhunderte wurde in sogenannten Irrenanstalten und ihren Vorläufern das Selbstbestimmungsrecht der Patienten systematisch missachtet. Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden die Elektroschocks, die sich seit den 1930er Jahren als Behandlungsmethode etablierten, auch gegen den Willen der Kranken eingesetzt – zuweilen sogar als Strafe für unbequemes Verhalten.

Elektroschocks als sadistische Methode, den Willen von schwierigen Menschen zu brechen – dieses Bild beherrscht bis heute die öffentliche Wahrnehmung. Übrigens waren die Folgen auch im Beobachter spürbar. Als mein Kollege René Ammann in einer Redaktionssitzung davon sprach, eine Geschichte über die positiven Effekte der Elektrokrampftherapie zu schreiben («Heilsamer Schock»), gab es prompt Stirnrunzeln und den Hinweis, unbedingt einen kritischen Ansatz zu wählen.

Bei Elektroschocks denken viele sofort an den Film «Einer flog über das Kuckucksnest» von 1975. Dort sollten die Stromstösse die rebellische Hauptfigur Randle Patrick McMurphy, gespielt von Jack Nicholson, gefügig machen. Der Erfolg des Films führte dazu, dass Psychiater die Elektrokrampftherapie zwar nicht ganz aufgaben, aber sie eher zurückhaltend praktizierten – und dies noch zurückhaltender kommunizierten.

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Matthias Pflume, stv. Chefredaktor.

Quelle: Getty Images

«Eine Methode, die so gewaltige Veränderungen im Kopf auslösen kann, hat immer auch etwas Unheimliches.»

Matthias Pflume

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Anders ist die Haltung der Patienten. Bei schwersten Depressionen mit Suizidgedanken zeigt sich die Elektrokonvulsionstherapie (EKT), wie Ärzte sie nennen, oft wirkungsvoller als der Einsatz von Antidepressiva.

Der Strom, der durchs Gehirn fliesst, löst einen epileptischen Anfall aus. Dabei werden alle Muskeln aktiviert, weshalb die Patienten früher am ganzen Körper zuckten. Heute erhalten sie muskelentspannende Medikamente, und da die Behandlung unter Vollnarkose stattfindet, bekommen sie von den Stromstössen gar nichts mit. Relativ häufig treten allerdings Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen oder ein vorübergehender Gedächtnisverlust auf.

Wichtig ist das Selbstbestimmungsrecht

Was genau während der EKT passiert und warum sie überhaupt gegen schwerste Depressionen hilft, ist nicht völlig klar. Eine Methode, die so gewaltige Veränderungen im Kopf auslösen kann, hat immer auch etwas Unheimliches. Umso wichtiger ist es, dass das Selbstbestimmungsrecht der Patienten stets gewahrt bleibt. Die Ärzte befinden sich dabei in einem Dilemma: Depressive können oft nicht entscheiden, ob sie eine EKT wollen oder nicht. Dennoch müssen sie das letzte Wort haben – und nicht wie früher die Vertreter einer Institution.

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Der neue Beobachter ist da

Lesen Sie die vollständige Titelgeschichte «Heilsamer Schock - Warum Elektroschocks bei Depressionen helfen können» sowie die Erfahrungen einer Patientin mit der Elektrokrampftherapie.

Weitere Themen des Hefts: Unruhezustand - Pensionäre die ihr Passion gefunden haben. Durchsetzungsinitiative - die gravierenden Auswirkumgen bei einer Annahme.

Der Beobachter 2/2016 erscheint am Donnerstag, 21. Januar. Sie erhalten die Ausgabe am Kiosk, als E-Paper oder im Abo.

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