Das Bild zeigt einen fast provokativ dünn besiedelten Strand und so viel Meeresblau, dass man fast die Salzbrise riechen kann. Dazu steht in der Mail an die Kollegen bloss: «Bin zurück in zwei Wochen.»

Brauchen wir das wirklich? Oder sind ­solche Bilder nur eine schillernde Hoffnung, die sich zerschlägt, kaum sind wir am Ferienziel angelangt? Und sind die frohgemut ­verkündeten Grüsse vom Strand nicht der Beweis, dass mancher auch fern der Heimat doch nur an zu Hause denkt?

Es wird höchste Zeit, über den Sehn­suchts­katalog hinauszublicken in die wahre Welt der Ferien und die Sonnen- wie Schattenseiten der angeblich besten Wochen des Jahres gründlicher zu inspizieren. Nicole Krättli und Susanne Loacker haben das für unsere Titelgeschichte «Hilfe, die Ferien kommen!» getan. Ihr Fazit: ­Ferien könnten wirklich die schönste Zeit des Jahres sein, wenn wir nur nicht so viel falsch machen würden.

Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.

«Wir müssen uns auch selber erlauben, wirklich abzuschalten.»

Andres Büchi,Chefredaktor

Anzeige

Doch von vorn. Das deutsche Wort Urlaub kommt von «urloup», was so viel hiess wie «Erlaubnis» und seinen Ursprung im Mittel- oder Althochdeutschen hat. Der Lehnsherr gewährte seinem Ritter eine Auszeit, abseits der Kontrolle. Weil Ferien heute längst ein Grundrecht sind, braucht es dafür natürlich keine explizite Erlaubnis mehr. Ferien stehen uns zu, lediglich der Termin muss vom ­Arbeitgeber bewilligt werden. Nur: Wir müssen uns auch selber erlauben, ­einmal wirklich abzuschalten.

Und das fällt uns offensichtlich schwer. Laut einer Umfrage lesen vier von fünf ­Reisenden während der Ferien ihre Mails. Drei Viertel der Befragten schreiben gar ­zurück. Wir bleiben damit gefangen im ­permanenten Empfangs- und Sendemodus, immer woanders als in der unmittelbaren Gegenwart. Stets auf Stand-by statt im Off-Modus. Überall ein bisschen mit unseren ­Gedanken und nirgends richtig; und dadurch weiter fremdbestimmt durch Pflichten und Erwartungen.

Alle Zeit für gar nichts

Gerade davon müssen uns die Ferien aber befreien. Ferien heisst, sich loszusagen von Uhr und Agenda und den ewigen Gedanken daran. Versuchen Sie mal, dem eigenen ­Bewusstsein mehr Zeit zu geben, indem Sie das tun, wozu Sie sonst nie kommen: jeden Moment ganz und voll wahrzunehmen, ihn mit allen Sinnen zu spüren und weder an gestern noch an morgen zu denken.

Egal, ob Sie Tennis spielen, durch Felswände kraxeln oder einfach nur am Strand liegen und das Salz auf Ihrer Haut spüren. Richten Sie die Aufmerksamkeit einfach voll auf jeden Moment in Ihren Ferien und nicht aufs Handy oder auf Ihren Koffer voller Pläne. Sie werden Ihren Kopf befreien, die Auszeit doppelt geniessen und jede Zelle Ihres ­Körpers mit neuem Leben füllen.

Anzeige

Mehr zum Thema

Titelthema: Hilfe, die Ferien kommen!

Ferien, aber kein Stress: Das ist gar nicht so schwer. Ausser man macht alles falsch.

zum Artikel

Quelle: Martin Parr/Magnum
Anzeige

Der neue Beobachter ist da

Lesen Sie die komplette Titelgeschichte «Hilfe, die Ferien kommen!» in der aktuellen Ausgabe des Beobachters.

Weitere Themen des Hefts: Brexit – Die wachsenden Zweifel an der Demokratie / Urheberrecht – so schützt man Erfindungen / Besuch im Babygefängnis Hindelbank BE

Der Beobachter 14/2016 erscheint am Freitag, 8. Juli 2016. Sie erhalten die Ausgabe am Kiosk, als E-Paper oder im Abo.

Quelle: Gettyimages