Der umstrittene Lehrplan 21 sagt nicht mehr zwingend, dass Schulleistungen in Noten gemessen werden müssen. Die Frage steht damit im Raum: Kann ein anderes Bewertungssystem dazu beitragen, dass Schüler bessere Lernerfolge erzielen als mit Noten von 1 bis 6? Birthe Homann und Daniel Benz sind dieser Frage in unserer Titelgeschichte «Sind Noten überflüssig?» nachgegangen.

Fazit: Es gibt keine einzig gültige Wahrheit im teilweise dogmatisch geführten Glaubensstreit um die ideale Schulform. Es gibt auch kein ideales System, das sich über die Schule stülpen liesse und nur um­gesetzt zu werden braucht, um jedem Kind den optimalen Lernerfolg zu garantieren. Schule funktioniert anders.

In jedem Klassenverband gibt es unterschiedlichste Charaktere mit verschiedensten Begabungen und Voraussetzungen. Die einen brauchen etwas Druck, um vorwärtszukommen und ihre Möglichkeiten auszuschöpfen. Sie fühlen sich angespornt durch Noten und wachsen am Wettbewerb.

Andere werden durch zu harte Vorgaben verunsichert und gebremst. Sie ziehen sich bei Misserfolg zurück, werden demotiviert. Solche Schüler funktionieren besser, wenn sie ihre eigenen Fortschritte messen statt ihren Abstand gegenüber den Besten.

«Noten von 1 bis 6: Bringt ein anderes System vielleicht mehr Lernerfolg?»

Andres Büchi, Chefredaktor

Der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie hat in seiner 2008 erschienenen Studie «Visible Learning» (Sichtbare Lernprozesse) unter Einbezug von über 50'000 internationalen Einzeluntersuchungen nachgewiesen, dass kein Königsweg fürs wirkungsvollste pädagogische Programm existiert. Entscheidend ist die Kompetenz der Lehrperson, auf die individuellen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler möglichst gut einzugehen.

Selbsterkenntnis durch Selbstverantwortung

Unsere Recherche verdeutlicht am Beispiel der Sekundarschule in Niederhasli ZH einige vielversprechende Ansätze, die genau in diese Richtung gehen. Die Schüler legen dort in Kernfächern ihr persönliches Notenziel selbst fest. Wie sie es erreichen, fliesst dann in die Beurteilung ein. Die Schüler fühlen sich dadurch mitverantwortlich für die Zensuren. Und sie fühlen sich dem Bewertungssystem weniger ausgeliefert. Zudem lernen sie viel darüber, wie sie selbst funktionieren, und können sich an ihren eigenen Einschätzungen messen. Die Oberstufenschüler werden zu «Experten ihres Lernens», wie es der Schulleiter ausdrückt.

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So ist es am Ende gar nicht so wichtig, ob die Leistungsbeurteilung in einer Zahl oder in Worten ausgedrückt wird. Wichtig ist, dass sie verstanden wird. Mehr Selbst­organisation der Schüler heisst auch, mehr Selbstverantwortung fürs eigene Vorwärtskommen zu übernehmen, Vertrauen in seine eigenen Möglichkeiten zu gewinnen. Eine Kompetenz, die einem später im Leben nur nützen kann.

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Noten
Quelle: Janosch Abel

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