Bis in die achtziger Jahre schickten die Herren der ehrenwerten Gesellschaft ihre schmutzigen Drogengelder mit Vorliebe an die Zürcher Bahnhofstrasse 4. Von dort kamen sie als gewaschene Franken zurück zur Mafia. Das Haus, in dem heute die Schweizerische Nationalbank residiert, war «Knotenpunkt des internationalen Drogenhandels». So stand es in der Anklageschrift des legendären Pizza-Connection-Prozesses.

Möglich war diese Geldwäsche dank laschen Richtern und Schweizer Gesetzen, die vor allem die Privatsphäre der Cosa Nostra schützten. Das begann sich erst 1997 zu ändern, als die Schweiz ein Geldwäschereigesetz einführte. Die Finanzbranche ver­klärte es prompt zum härtesten Gesetz der Welt, um ihr Bankgeheimnis zu retten.

Dabei hatte sich die offizielle Schweiz jahrelang um alle Warnungen aus Süditalien foutiert. Man wollte nicht zur Kenntnis nehmen, wovor der 1992 von der Cosa Nostra ermordete Richter und Mafiabekämpfer ­Giovanni Falcone seine Schweizer Kollegen gewarnt hatte: dass nach den Mafiageldern auch die Mafiosi ins Land kommen werden.

Martin Vetterli

Quelle: Holger Salach

«Die 'Ndrangheta ist auch in der Schweiz lebensgefährlich.»

Martin Vetterli

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Doch selbst das war eine optimistische Einschätzung, wie der italienische Staats­anwalt Antonio De Bernardo meinen Kollegen Gian Signorell und Peter Johannes Meier an seinem Amtssitz in Reggio Calabria jetzt erklärte. Aus seinen Ermittlungsakten geht hervor, dass die Spuren der italienischen Mafia schon seit 40 Jahren in den Thurgau, den Kanton Baselland und ins Bündnerland führen. Und das Geschäft der Schweizer Paten hat sich seither nie verändert. Es besteht aus Drogenhandel und Geldwäsche.

Was passieren kann, wenn sich die Mafia ungehindert ausbreitet, sieht man in Mexiko, wo der Drogenkrieg Tausende von Toten hinterlassen hat. Der US-Autor Don Winslow hat das Morden in seinem Tatsachenroman «Tage der Toten» eindrücklich nachgezeichnet. Und nachgewiesen, dass das Geschäft der Kartelle nur dank dem Verbot der Drogen funktioniert. Erst diese Verbote machten das Landwirtschaftsprodukt Kokain zu einem der lukrativsten Handelsgüter überhaupt.

Mit Kokain zu Milliardengewinnen

In diesem Milliardengeschäft hat eine Mafiaorganisation in Europa die Nase ganz vorn: die kalabresische ’Ndrangheta. Sie hat früh auf die Businessdroge Kokain gesetzt und so die einst erfolgreichere sizilianische Cosa Nostra ausgebootet. Denn die hat sich auf die Verliererdroge Heroin spezialisiert.

Das Geschäft hat die ’Ndrangheta steinreich gemacht. Es ermöglicht ihr, in Italien ganze Verwaltungen und Teile der Justiz zu beherrschen. In der Schweiz sind wir zum Glück noch meilenweit davon entfernt. Trotzdem ist die ’Ndrangheta auch hierzulande lebensgefährlich. Aber es reicht nicht, sie nur die Härte des Gesetzes spüren zu lassen. Wir müssen auch darüber nachdenken, wie wir das Geschäft der Mafia zerstören können, das auch dank Drogenverboten so floriert.

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Weitere Themen des Hefts: Essen der Zukunft – Wird Bio genmanipuliert, ohne dass wir es wissen? / Der Fall – Eine Frau wird zwangsoperiert, um «gesellschaftsfähig» zu werden / Grösste Apotheke der Schweiz – Geschichten von Abführkapsel zu Zeckenzange

Der Beobachter 11/2016 erscheint am Freitag, 27. Mai. Sie erhalten die Ausgabe am Kiosk, als E-Paper oder im Abo.

Quelle: Beobachter .

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