Das Besondere des Menschen zeige sich in seiner Seele, die dem Körper gleichsam von Gott ein­gehaucht werde und unsterblich sei. So lehrt es das Christentum. Es waren Philosophen wie René Descartes, die im frühen 17. Jahrhundert den mensch­lichen Geist, das «Ich denke, also bin ich», enger definierten und an das Gehirn koppelten. Doch lange blieb unklar, was eigentlich passiert in unserem Denkorgan, in dem die materielle Welt in ihr Gerüst zerlegt und analysiert werden kann.

Tausende von Forschern machten sich auf die Suche, das Geheimnis der Wechselwirkung von Geist und Körper zu entschlüsseln. Immer neue Erkenntnisse wurden uns präsentiert. Heute erlauben bildgebende Verfahren faszinierende Einblicke in die Aktivitäten des Hirns. Endlich, postulieren viele, können wir dem Denkapparat quasi bei der Arbeit zuschauen und lernen, wie er funktioniert.

Bereits arbeiten Neurowissenschaftler des Projekts Blue Brain an der ETH Lausanne an der «digitalen Rekonstruktion von Gehirnstrukturen». Erst kürzlich meldeten sie euphorisch, sie könnten Teile eines Rattenhirns per Computer simulieren.

Aber ist das Gehirn wirklich nur eine Art Rechenapparat? Haben wir die Prozesse genügend verstanden, um der Frage näher zu kommen, wie Informationen gespeichert und Schlüsse gezogen und nicht nur errechnet werden? Oder gar: wie etwa ein Gedanke oder Gefühle entstehen in unserem Hirn?

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«Das Geistige entzieht sich bis heute dem Forscherblick – vielleicht suchen wir die Antwort zu sehr eingeengt in biochemischen Prozessen.»

Andres Büchi, Chefredaktor

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Grundsätzliches nicht verstanden

In unserer Titelgeschichte «Es geht auch (fast) ohne Hirn» (jetzt am Kiosk) zeigen wir Ihnen Erkenntnisse der Hirnforschung, die mindestens so spektakulär, aber in der Öffentlichkeit weit weniger bekannt sind. Und die kaum passen zu den gängigen Interpretationen der Neurowissenschaft.

Felix Hasler, Neuropharmakologe und Wissenschaftsautor, stellt Erkenntnisse vor, die Neurologen bis heute rätseln lassen. Der berühmteste dieser Fälle sorgte bereits 1980 in der Fachliteratur für Diskussionen. Er zeigt die Computertomografie eines Mathematikstudenten, dessen Gehirn zum Erstaunen der Fachwelt zu 95 Prozent nur mit Hirnflüssigkeit gefüllt war. Dennoch kam er auf einen bemerkenswerten IQ von 126.

Auch wenn das Gehirn Aufgaben von fehlenden oder ausgefallenen Hirnteilen übernehmen kann, erklärt das doch nicht, wie ein solch krasser Fall möglich ist. Es gibt eine «grundlegende Erklärungslücke zwischen Gehirnprozessen und Bewusstsein», belegt Hasler mit zahlreichen anderen Fällen. Und er kritisiert die Deutungshoheit über das Menschsein durch die Neuroforschung als «nicht gerechtfertigt, solange grund­legende Arbeitsprinzipien des Gehirns nicht verstanden sind».

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Das Geistige, oder eben die Seele, entzieht sich bis heute dem Forscherblick – vielleicht suchen wir die Antwort zu sehr eingeengt in biochemischen Prozessen.

Der neue Beobachter ist da

Lesen Sie die Titelgeschichte «Das grosse Rätsel: Es geht (fast) auch ohne Hirn» in der aktuellen Ausgabe des Beobachters.

Weitere Themen des Hefts:  Es kann jeden treffen: Wie eine Frau in den Schulden-Teufelskreis gerät und obdachlos wird / Gleichstellung: Viel hat sich seit 1991 nicht getan / Die 2. Säule wird zur teuren Lotterie  / Wann müssen Eltern ihr Kind «abklären» lassen?

Der Beobachter 12/2016 erscheint am Freitag, 10. Juni. Sie erhalten die Ausgabe am Kiosk, als E-Paper oder im Abo.

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