Ich hatte immer ein eher distanziertes Verhältnis zum Fasten und der dazu­gehörigen esoterischen Begleitmusik. Denn ein Hochofen, bei dem schädliche Schlacke abgestochen werden müsste, bin ich definitiv nicht. So dachte ich lange Zeit. Bis ich merkte, dass ich ein Vorzeige-Fastender bin: weil ich während der Woche kein Frühstück esse und bei mir der Zmittag auf den Znacht folgt. Neuerdings gilt mein vermeintlich desolater Essstil als gesund. Er hat sogar einen Namen: intermittierendes Fasten.

Das Aha-Erlebnis hatte ich vor drei Jahren – bei den Recherchen zu einer Geschichte über hochaltrige Menschen. Dabei verschlug es mich nach Schlieren, ins Labor des Alz­heimerforschers Lawrence Rajendran. Meine Frage an ihn war denkbar einfach: Warum werden so viele Menschen, die unterernährt sind oder längere Mangelperioden erlebten, hundert und mehr Jahre alt?

Quelle: Christian Schnur
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«Neuerdings gilt mein vermeintlich desolater Essstil als gesund.»

Martin Vetterli, stv. Chefredaktor

Rajendran untersuchte damals, wie sich die verschiedenen Formen des Fastens auf die Alzheimerkrankheit auswirken. Zwischen zwei Redeschwallen hielt er mir zwei Blätter vors Gesicht. Sie zeigten Hirnzellen: die eine war voller Schmutzpartikel, die andere sauber und rein. Das Fasten hatte jene Ablagerungen aus den Gehirnzellen verschwinden lassen, die die alzheimertypische Plaquebildung begünstigen.

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Die Erklärung dafür: In den Hirnzellen läuft ein Prozess ab, den man im Kühlschrank nachstellen kann. Wenn man ihn täglich neu füllt und die alten Lebensmittel einfach nach hinten schiebt, verschwinden sie zwar aus dem Blickfeld. Aber irgendwann melden sie sich in Form von Schimmelpilz und brauner Sauce zurück. Fasten dagegen wirkt wie ein Kaufstopp. Man leert den Kühlschrank, bevor man ihn neu auffüllt.

Unser Körper ist auf Mangel programmiert

Mein Schlieremer Erlebnis hat mich nicht mehr losgelassen. Und mit der Geschichte habe ich Freundinnen und Freunde so lange genervt, bis ich sie selber fast nicht mehr glauben konnte. Zum Glück hat jetzt meine Kollegin Susanne Loacker bei den Recherchen für unsere Titelgeschichte zum Thema Fasten die Erkenntnisse von Rajendran und seinen amerikanischen Forscherkollegen aufgenommen. Sie kann minuziös nachzeichnen, dass das, was ich mir etwas dilettantisch ausgemalt hatte, im Grundsatz richtig ist. Kurz-Fasten ist rundum gesund. Und hilft nicht nur gegen das Vergessen im Alter.

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Das ist so, weil wir Menschen auf Mangel programmiert sind. In den Jahrtausenden, bevor wir sesshaft wurden und Ackerbau und Viehzucht für einigermassen sicheren Nahrungsnachschub sorgten, gab es in kurzer Folge immer wieder Perioden des Hungers. Das wirkt bis heute in uns nach. Wir sind nicht für Dauerluxus gebaut. Und die fast wöchentlich neu entwickelten Diäten gegen überschüssige Pfunde haben unseren Blick getrübt.

Das alte Wissen, das wir in uns tragen, wäre fast vergessen gegangen: dass Fasten uns fit fürs Leben macht.

Zur Titelgeschichte

 

1x täglich essen vergessen

Fasten macht gesund. Es kann gegen Alzheimer, Demenz und Brustkrebs helfen. Und Genussmenschen sei gesagt: Es lässt sich leicht in den Alltag integrieren. 

zum Artikel

Quelle: Yves Roth
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