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EditorialMusik hat Wurzeln, keine Grenzen

Was macht das Schweizerische aus? Und woher kommt unsere Volksmusik, der Ländler? Gedanken zur neuen Beobachter-Titelgeschichte von Martin Vetterli, stv. Chefredaktor.

Der Ländler ist eigentlich urbane Musik, eine Erfindung entwurzelter Städter.

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Ich sage es offen: Mit Ländlern habe ich nichts am Hut. Dieses Auf und Ab der Melodien, diese zur Schau gestellte Fröhlichkeit ist das Gegenteil von coolem Sound. Meine Heimat ist elektrischer. Ich bin mit Rockmusik gross geworden, mit Folk, der irgendwann World hiess und nicht aus Meiringen, sondern aus Mali stammt. Ich habe quasi lokal gelebt und global gehört. Musikalisch gesprochen bin ich mehr angelsächsisch als schweizerisch sozialisiert.

Heimat spüre ich eher bei Songzeilen wie «The ice age is coming, the sun is zooming in […] Engines stop running, but I have no fear». Dann erlebe ich dieses Gefühl des heroischen Widerstands gegen das langweilig genormte Bürgerleben. Ein bisschen verlorene Jugend, viel Sozialkitsch, aber richtig schön hart.

Hudigäggeler dagegen beschwören in mir nicht einmal das Bild der untergegangenen Welt der Bauern und Hirten herauf, sondern von kleinbürgerlichem TV-Mief zu Zeiten des Wysel Gyr. Der Boom mit Schwingen, Jodeln und Trachten kommt mir deshalb vor wie die moderne Abwehr gegen das Moderne.

Martin Vetterli.

Quelle: Holger Salach

«Diese Städter haben der Musik vom Land alles Widerspenstige ausgetrieben.»

Martin Vetterli, stv. Chefredaktor

Als ich aber die Titelgeschichte «Der Kult um unsere Bräuche» meiner Kollegin Yaël Debelle las, realisierte ich schlagartig: Der Ländler, den ich kenne, ist urbane Musik. Er ist eine Erfindung entwurzelter Städter, die in den zwanziger Jahren die Suche nach der verlorenen Identität mit kommerziellem Kitsch ausgefüllt haben. Diese Städter haben der Musik vom Land alles Widerspenstige ausgetrieben. So gründlich, dass sich die unreinen Töne, wie sie dem Naturjodel eigen sind, darin kaum mehr finden. Solche Klänge stehen im Widerspruch zu dieser wohltemperierten Stimmung, die seit dem 18. Jahrhundert die Musikwelt dominiert. Die heutigen Ländler genauso wie die Musik, die in meinen Ohren so rau und wild klingt.

Plötzlich geschah Wunderliches mit mir

Und doch bin ich jedes Mal tief berührt, wenn ich den warmen Klang eines Alphorns höre. Oder wenn eine Ländlerformation aufspielt – wie kürzlich am 1. August, als ich bei Wurst, Höhenfeuer und Ansprache hoch über Zürich die Urnäscher Jungstriichmusig Alder erlebte. Unprätentiös, gemütlich, Appenzellermusik halt, dazwischen eine «ungarische Weise» wie das jidische «Bei mir bist du schejn». Zwischen zwei Stücken kamen wir ins Gespräch: Walter Alder jun., Bauernsohn aus Urnäsch, und ich, ein Studierter aus Zürich.

Nachdem wir geredet und die Jungstriichmusik zu einem neuen Lied angesetzt hatte, geschah Wunderliches in mir. Ich fand diese Musik richtig schön. Sie kam mir vor wie ein lebendiges Stück Heimat. Hinterher las ich: Appenzellermusik ist keine herkömm­liche Ländlermusik. Sie beruht zu grossen Teilen auf Musik des 19. Jahrhunderts, ist gelebte Tradition. Vielleicht hat sie mich deshalb berührt. Auch wenn sie aus Urnäsch und nicht aus London oder Bamako stammt.

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Quelle: Yaël Debelle

Der neue Beobachter ist da

Lesen Sie die vollständige Titelgeschichte «Der Kult um unsere Bräuche» in der aktuellen Ausgabe des Beobachters.

Weitere Themen des Hefts: Mein Brieffreund sitzt in der Todeszelle / Die Tragödie um den Selbstmord von Sherian (17) / Defibrillatoren: Zu selten eine Hilfe?

Der Beobachter 17/2016 erscheint am Freitag, 19. August. Sie erhalten die Ausgabe am Kiosk, als E-Paper oder im Abo.

Quelle: Yaël Debelle
Veröffentlicht am 16. August 2016