Chancengleichheit in der Bildung ist das Zauberwort jeder modernen Gesellschaft. Es verspricht Gerechtigkeit für alle. Nicht nur die Reichen sollen es an die Spitze von Wirtschaft und Staat schaffen, sondern alle klugen Köpfe. Und wer dafür besorgt sein soll, ist auch klar: die Schule. Damit machen wir sie zur Heilsbringerin einer fairen Gesellschaft. Ein Anspruch, den sie unmöglich einlösen kann.

Dass alle die gleichen Bildungschancen haben, diese Utopie hat als Erster Johann Valentin Andreae in seiner Schrift «Christianopolis» formuliert, um 1619. Darin entwarf der schwäbische Dichter und Theologe eine Gesellschaft mit einem professionellen Schulsystem, in dem alle Kinder ohne Rücksicht auf Geschlecht und sozialen Status die gleiche Ausgangslage haben. Das erhoffte Resultat: eine harmonische Gesellschaft ohne Verlierer.

Martin Vetterli, stv. Chefredaktor.

Quelle: Holger Salach

«Auch das raffinierteste Bildungssystem kann soziale Ungerechtigkeit nicht abbauen.»

Martin Vetterli

Ohne dieses Ideal vor Augen wäre es nicht dazu gekommen, über die Jahrhunderte hinweg ein derart ausgeklügeltes Bildungssystem zu schaffen, wie wir es heute kennen. Auch wenn Sparpolitiker jetzt wieder den Rotstift ansetzen, bleibt es das fairste, das wir je hatten. Mit seiner hohen Durchlässigkeit haben auch Verlierer immer wieder neu die Chance, doch noch zu reüssieren. Mehr sei gar nicht möglich, sagt der Zürcher Bildungsforscher Urs Moser. Auch das raffinierteste Bildungssystem könne soziale Ungleichheit nicht vollständig abbauen.

Mosers Erkenntnisse waren für Susanne Loacker und Jessica King wie ein Leitfaden bei ihren Recherchen zu unserer Titelgeschichte «Gleiche Chancen? Fehlanzeige». Die beiden haben sich neue Konzepte zur Frühförderung angeschaut und sich vor Ort ein Bild von den ersten Schweizer Gehversuchen mit dem Mentoringsystem gemacht. Ein vielversprechendes Konzept. Gebildete Erwachsene stehen chancenlosen Schülern als Gotte und Götti zur Seite. Deutsche Studien zeigen, dass damit die Chancen armer Kinder, die Hürden fürs Gymnasium zu nehmen, um volle elf Prozent steigen.

Nach Schulschluss beginnt der Unterricht

Die Schweizer Realität sieht anders aus. Mit privaten Nachhilfestunden pushen reiche Eltern ihre Kids durchs Gymi an die Uni. Das Nachsehen haben Kinder von Eltern, denen das Kleingeld für Privatstunden fehlt. Ein Nachhilfelehrer, der anonym bleiben muss, berichtet im Beobachter ungeschminkt, was nach Schulschluss in Kinderzimmern von Besserverdienern abgeht.

Wenn heute zwei von drei Gymischülern nicht mehr ohne Nachhilfe auskommen, verkommt das Streben nach Chancengleichheit zur Farce. Und wenn Bildung käuflich geworden ist, können wir das Ziel begraben, das uns Johann Valentin Andreae vor 400 Jahren vorgegeben hat: eine harmonische Gesellschaft ohne Verlierer.

Der neue Beobachter ist da

Lesen Sie die vollständige Titelgeschichte «Warum die einen Schüler Erfolg haben – und die anderen nachsitzen» in der aktuellen Ausgabe des Beobachters.

Weitere Themen des Hefts: Firmenbestatter – Wie Geschäftemacher Millionenschäden verursachen / Gotthard – Was der Nationalberg bedeutet / Abfall – warum die Schweiz Weltmeisterin ist

Der Beobachter 8/2016 erscheint am Freitag, 15. April. Sie erhalten die Ausgabe am Kiosk, als E-Paper oder im Abo.

Quelle: Holger Salach

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Quelle: Sebastian Kaulitzki/123RF