Zum Autor

Patrick Rohr arbeitete als Zeitungs- und Radiojournalist, bevor er von 1992 bis 2007 Moderator und Redaktor verschiedener Sendungen des Schweizer Fernsehens war (u.a. «Schweiz aktuell», «Arena» und «Quer»). Heute arbeitet er als Kommunikationstrainer und -berater sowie als Moderator, Referent und Fotograf.

Er ist Autor der in der Beobachter-Edition erschienenen Ratgeber «Reden wie ein Profi», «So meistern Sie jedes Gespräch» und «Erfolgreich präsent in den Medien».

Quelle: Thinkstock Kollektion

 

Vor vielen Jahren wurde ich von der Radio- und Fernsehgesellschaft Oberwallis (RFO), einem der Trägervereine der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG SSR, eingeladen, an meiner alten Mittelschule Kollegium Spiritus Sanctus in Brig ein Referat zu halten. Ich war damals Redaktionsleiter und Moderator der Politdiskussionssendung «Arena» im Schweizer Fernsehen, und das vorgegebene Thema lautete «Vom Kollegiumsschüler zum Arena-Moderator».

 

Der Vortrag sollte in der Aula des Kollegiums Spiritus Sanctus stattfinden, an jenem Ort also, wo ich als Mittelschüler in Brig im Rahmen des Deutschunterrichtes meine ersten Referate hielt. Eingeladen waren, neben den Mitgliedern der RFO, auch die breite Öffentlichkeit.

 

Ich freute mich sehr über diese Einladung: Eine Rede zu halten an dem Ort, an dem ich vor Jahren meine Matura gemacht hatte, war für mich Ehre und Anerkennung zugleich.

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Nicht für die Schule, sondern fürs Leben

 

Allerdings schien mir das vorgegebene Thema «Vom Kollegiumsschüler zum Arena-Moderator» etwas zu dünn: Zu erzählen, wie ich als ehemaliger Gymnasiast mit abgebrochenem Studium zuerst zum Radio, dann zum Fernsehen und dort nach einigen Stationen zur «Arena» kam, schien mir zu wenig interessant. Ich entschied mich eigenmächtig, den vorgegebenen Referatstitel mit dem lateinischen Untertitel Non scholae, sed vitae zu ergänzen – auf Deutsch «Nicht für die Schule, sondern für das Leben (lernen wir)».

«Und dann stellte ich noch die rhetorische Frage, was ein Schulsystem wert sei, das seinen Schülern nicht einmal in Grundzügen einen Staatskundeunterricht anbietet.»

Patrick Rohr

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Ich wollte in meinem Referat aufzeigen, was ich in der Schule tatsächlich für das Leben – also für mein Leben als Journalist und Moderator – gelernt hatte. Und was mich umgekehrt das Leben gelehrt hatte. Die Bilanz, Sie erahnen es, war vernichtend: In meinem Referatstext lamentierte ich über Algorithmen und Sinuskurven, denen ich seit dem Mathematikunterricht nie mehr begegnet war, jammerte über die Unzahl Insekten, deren Namen ich einst auswendig lernen musste, und bemängelte, dass wir es im Geschichtsunterricht gerade mal bis zum Sturm der Normandie im Zweiten Weltkrieg gebracht hatten. «Alles Wissen», schlussfolgerte ich, «das ich für meinen Job heute brauche – wie die Schweiz politisch aufgebaut ist, was die Aufgaben von Legislative und Exekutive sind, wie das föderalistische System funktioniert –, all dieses Wissen wurde mir an dieser Schule nicht vermittelt. All dieses Wissen musste ich mir im Laufe der Jahre selber aneignen.» Und dann stellte ich noch die rhetorische Frage, was ein Schulsystem wert sei, das seinen Schülern nicht einmal in Grundzügen einen Staatskundeunterricht anbietet.

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Fassungslose Gesichter

 

Ich schaute in den Saal und erkannte plötzlich viele meiner ehemaligen Lehrer im Publikum. Ihre Gesichter waren enttäuscht, zum Teil gar fassungslos. «Was», so schienen sie sich zu fragen, «soll diese Abrechnung?» Der Applaus nach meiner furiosen Darbietung war sehr verhalten, und die anschliessenden Dankesworte des Veranstalters waren ein eher zweifelhaftes Kompliment: «Es war nicht uninteressant.»

 

Meine Idee, das Referatsthema eigenmächtig abzuändern, war keine gute gewesen. Ich hätte mich viel besser an die Idee der veranstaltenden Organisation gehalten: Sie wollte nämlich an meinem Beispiel zeigen, dass es viele verschiedene Weg gibt, einen spannenden Beruf zu erlernen.

 

Hätte ich mich mit dem Veranstalter vorgängig über Zielpublikum und Zielsetzung des Themas unterhalten, hätte ich mich wohl für eine andere Rede entschieden. Eine, die besser zu Ort und Publikum gepasst hätte. Auch wenn ich zum Inhalt nach wie vor stehe: Für eine Systemkritik habe ich eindeutig zu den Falschen gesprochen. Da hätten Schul- und Bildungspolitiker im Publikum sitzen müssen, nicht meine alten Lehrer. Die hatten während meiner Ausbildungszeit ihr Bestes gegeben.
 

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Hinweis: Dieser Text ist ein Auszug des Buches «Reden wie ein Profi», das im Juli in der Beobachter-Edition erschienen ist. Sie können das Buch hier bestellen.
 

Und hier zwei Beispiele für besonders gelungene Reden

  1. Von Kriminologe Manuel Eisner:
    «Gewalt zwischen Faszination und Wirklichkeit»

  2. Von einer jungen Frau:
    «Lieber Grosspapi»

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Buchcover: Reden wie ein Profi
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