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FeminismusDie neue Wut im Bauch

Mit ausgefallenen Aktionen entdecken junge Frauen den Feminismus neu. Wer steckt hinter der Gruppe Aktivistin.ch?

Aktivistinnen setzen sich gegen die Tabuisierung der Menstruation ein.
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«Roter Oktober» - so lautete das Codewort für die neueste Aktion der Bewegung Aktivistin.ch. Anfang Oktober färbten 30 Aktivistinnen das Wasser in zehn Stadtzürcher Brunnen blutrot ein, um gegen teure Tampons zu demonstrieren und zu einem Nachdenken über den gesellschaftlichen Umgang mit dem weiblichen Körper anzuregen.

Bereits früher machten die rund 60 Aktivistinnen des Kollektivs schon Schlagzeilen. Zum Weltfrauentag am 8. März liessen sie ein Riesentransparent vom Zürcher Grossmünster flattern – «Gott ist eine Frau», in grossen Lettern. Am selben Tag klebten sie Hunderte Sticker auf die Automaten des Zürcher Verkehrsverbunds (ZVV): Männer müssten ab sofort 20 Prozent höhere Fahrpreise zahlen, um die Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern auszugleichen. Und am 11. Dezember 2015 warfen sie vom Balkon des Hotels Savoy Abertausende gefälschte Fünfziger­noten auf den Paradeplatz, um auf die 7,7 Milliarden Franken aufmerksam zu machen, die Männer in der Schweiz jährlich mehr als Frauen verdienen. Unten pumpte dazu Rihanna aus ­mitgeschleppten Boxen: «Bitch better have my money.» («Schlampe, hast besser mein Geld dabei.»)

Was ist neu an diesem Feminismus?

Die Aktionen erhielten viel Beachtung in den Medien, die Kirche twitterte sogar ein Bild des Transparents. Aber in den Kommentarspalten ha­gelte es Kritik: «Wenn Frauen Militärdienst machen, können wir uns über Lohngleichheit unterhalten», so der Tenor. Der ZVV war nicht erfreut, als Plattform für das Anliegen hinhalten zu müssen, überlegte sich sogar rechtliche Schritte gegen die Gruppe. Und mehrere Frauen, die im Geldregen auf dem Paradeplatz standen, kritisierten die Wahl des Songs. «Sie störten sich an dem Wort Bitch», erklärt Anne-­Sophie. «Dabei steht genau das für ­unsere Art, wie wir Feminismus leben wollen – neu, jung, frech, anders.»

Doch kann Feminismus wirklich anders sein? Lohnungleichheit, Unvereinbarkeit von Beruf und Familie, ­Sexismus am Arbeitsplatz – solche Missstände wurden schon vor 40 Jahren von Alice Schwarzer und anderen angeprangert. Freche Aktionen sind ebenfalls nicht neu. Das beweist die ukrainische Gruppe Femen, die nackte Brüste als Waffe im Kampf gegen Sexismus einsetzt. Und ein gewisses Flair für kriminelle Energie zeigten schon die Suffragetten in England, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts an Relings ketteten, Briefkästen in die Luft sprengten, Bomben legten und in den Hungerstreik traten. Alles, um das Frauenstimmrecht zu erhalten.

Die Probleme sind die gleichen

«Egal welche Gruppe, der Inhalt bleibt über all die Jahre derselbe», sagt Jessica. «Drei Viertel der feministischen Manifeste aus den Siebzigern entsprechen unseren Forderungen.» Aber die Frauen von Aktivistin.ch sind überzeugt, dass es einen anderen Zugang braucht, neue Lösungen für alte Probleme. Vor allem weil das Wort ­Feminismus heute derart verschrien sei, dass sich Junge kaum trauten, sich damit auseinanderzusetzen.

«Leider lassen sich junge Frauen sehr viel gefallen, weil sie befürchten, sonst unsexy zu sein.»

Nadia, Akivistin.ch

Angst vor negativem Echo ist aber nicht der Grund, warum die Frauen ­lediglich mit Vornamen in den Medien erscheinen wollen. Sondern weil ihre Aktionen oft haarscharf an der Grenze zur Illegalität vorbeischrammen.

«Der Feminismus hat ein Imageproblem», sagt Nadia. «Immer noch gelten Feministinnen als frustrierte Emanzen, die keine Männer finden.» Dieses Bild sei vor allem bei jungen Frauen verbreitet. «Leider lassen sie sich sehr viel gefallen und schwören dem Feminismus ab, weil sie befürchten, sonst unsexy zu sein.»

Der ganz alltägliche Sexismus

Dabei sei bei den Jungen Engagement besonders wichtig, weil sich Sexismus in ihrem Alltag unhinterfragt verbreite. Etwa beim sogenannten Slut-Shaming – Frauen werden von anderen als Schlampen beschimpft, weil sie mit verschiedenen Männern Sex haben. Oder im Ausgang, wo junge Frauen hinnehmen, beim Tanzen begrapscht zu werden. Daher wollen die Aktivistinnen, die meisten 20- bis 30-jährig, zwei Welten verbinden: die Forderungen der alten feministischen Garde und die gelebte Realität der Jungen.

Neben Aktionen wie den Blut­brunnen sind die Aktivistinnen online stark aktiv. In ihrem Blog lassen sie Frauen zu Wort kommen, die im Alltag Sexismus erleben. Mit dem «Medienpranger» verteilen sie zudem den «Goldenen Tampon» für sexistische Berichterstattung. So ermahnten sie etwa das Webportal von «20 Minuten», das über einem Technikmesse-Bericht aus Berlin getitelt hatte: «Diese Gadgets will Mann haben». Auch Frauen können Interesse an Technik haben, kritisieren sie im Blog.

Nicht nur ihr Faible für die digitale Welt, für Hashtags und Memes, hebt die Frauen von anderen Feministinnen ab. Sie wollen auch beweisen, dass Engagement Spass machen kann. ­Lachend rekapitulieren sie am Esstisch, wie sie vor lauter Adrenalin drei Tage vor der Geldregen-Aktion kaum mehr schlafen konnten.

«Ich ging als Hotelgast ins ‹Savoy›, wo wir ein Zimmer unter meinem ­Namen gebucht hatten», erzählt Anne-Sophie. Die zwei riesigen Koffer mit den Nötli liess sie vom Personal ins Zimmer hochwuchten, das Transparent versteckte sie in einer Louis-­Vuitton-Tasche. «Wir haben so lange Geld runtergeworfen, bis die Arme schmerzten. Wir waren völlig euphorisch, fühlten uns wie im Film.»

Die Jungen haben einen Ü-63-Fanklub

Wichtig ist ihnen auch, die Wut im Bauch anzuzapfen, die viele Frauen hätten. Prägend war die Gründungsveranstaltung 2015. Die Sektion Zürich-Schaffhausen der Unia hatte zu einem ersten Treffen eingeladen, sie erwarteten rund 30 Interessierte. Es kamen aber 60.

«Jede erzählte, warum sie da war. Alle hatten auf irgendeine Art Diskriminierung erlebt», sagt Sonia. Da war die lesbische Frau, die sich gegenüber den Eltern nicht outen konnte. Oder die Controllerin, die in einer Männer­domäne arbeitet und sich nicht ernst genommen fühlt. Oder die Assistentin, die vom Chef regelmässig angemacht wurde. «Am Schluss der Veranstaltung war ich richtig hässig», erinnert sich Sonia. «Diese gemeinsame Wut weckte in mir die Hoffnung, dass wir etwas verändern können.»

Vom Drive der Jungen lassen sich auch Ältere anstecken. An jeder Ak­tion der Aktivistinnen ist ein kleiner ­Ü-63-Fanklub dabei, der sie begeistert unterstützt. «Klar gibt es Leute, die uns bescheuert finden», sagt Jana. «Aber von älteren Frauen hören wir vor allem, wie froh sie sind, dass sich Junge noch für den Feminismus begeistern lassen.»

Die Unia hilft – und schadet im Moment

Die Zürcher Sektion der Gewerkschaft Unia sponsert die Gruppe Aktivistin.ch. Sie stellt den Frauen eine Sekretärin und Räumlichkeiten zur Verfügung. Ausserdem unterstützt sie Aktionen mit Geld. Nachdem die Vorwürfe von sexueller Belästigung gegen den Chef der Zürcher Sektion, Roman Burger, an die Öffentlichkeit gelangt ­waren, zeigte sich Aktivistin.ch «erschüttert» über den Vorfall und die Vorgehens­weise der Geschäftsleitung. Derzeit überlegen sich die ­Aktivistinnen, welche Konsequenzen sie als Kollektiv aus dem Vorfall ziehen wollen.

Veröffentlicht am 11. Oktober 2016