Ein fünfjähriges blindes Mädchen aus Syrien hätte letzte Woche mit seiner Mutter aus einem Flüchtlingscamp in Griechenland in die Schweiz reisen ­sollen. Das Kind leidet an grünem Star. Dank einer Operation in der Schweiz hätte es zumindest teilweise wieder ­sehen können.

Der St. Galler Arzt Matthias Keller organisierte alles für das Kind, nachdem Griechenland eine medizinische Behandlung verweigert hatte. Auch für einen schwerverletzten Familien­vater setzte sich Keller ein. Er organisierte für den Rollstuhlpatienten Transport und Flug nach Athen, sorgte für eine ­Unterkunft und fädelte die ärztliche Behandlung in der Schweiz ein. Der Mann mit teils durchtrenntem Rückenmark hätte Mitte Juli ins Zürcher Balgrist-Spital eintreten können.

Das Staatssekretariat zieht Zusage zurück

Doch kurz bevor Keller mit den Patienten auf der Botschaft in Athen die Visa abholen wollte, teilte man ihm mit, eine Einreise in die Schweiz sei nicht mehr möglich – obwohl das Schweize­rische Rote Kreuz die medizinische Dringlichkeit bestätigt und das Staats­sekretariat für Migration anfänglich bereits grünes Licht für die Einreise aus humanitären Gründen erteilt hatte. Offensichtlich fürchtet die Schweiz die Einreise von Terroristen. Jedenfalls erhalten Flüchtlinge aus Syrien «bis auf weiteres» keine Visa aus humanitären Gründen mehr, wie das Staatssekretariat für Migration bestätigt.

Für die Absage schiebt das Staatssekretariat indirekt den Nachrichtendienst vor. Denn Gesuche um humanitäre Einreisen werden routinemässig dem Nachrichtendienst vorgelegt, weil bei Kriegsverwundeten «aus Sicherheitsgründen vertiefte Abklärungen angezeigt sein können», wie eine Sprecherin sagt. Deshalb würden zurzeit die Abläufe bei der Erteilung von humanitären Visa überprüft. «Bis auf weiteres werden keine solchen Visa an Personen erteilt, die aus Syrien stammen.» Was das Staatssekretariat gegenüber dem Beobachter verschweigt: Es war nicht der Nachrichtendienst, der «die Abläufe überprüft» und sich deshalb gegen weitere humanitären Einreisen stellt. Im Gegenteil: Der Nachrichtendienst hatte sowohl im Fall des gelähmten Mannes als auch im Fall des blinden Mädchens «keine Einwände gegen die Vergabe eines Visums», betont eine Sprecherin. «Die alleinige Entscheidkompetenz liegt beim Staatssekretariat für Migration.»

Matthias Keller verarztet seit Monaten in Camps in Griechenland schwerverletzte Flüchtlinge und erreichte mehrfach, dass besonders schwere Fälle in der Schweiz behandelt werden konnten. Etwa ein querschnittgelähmter Syrer, der wochenlang unter menschenunwürdigen Bedingungen in einem Zelt in Idomeni dahinvegetierte.

Keller ist konsterniert, auch weil das Schweizerische Rote Kreuz die medizinische Dringlichkeit bestätigt hatte: «Ein fünfjähriges Mädchen, ein gelähmter Familienvater: Es ist grotesk, solchen Menschen mit fadenscheinigen Gründen die Einreise und damit die medizinische Hilfe zu verweigern.»

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Quelle: Daniel Ammann