René Ammann ist Beobachter-Redaktor und derzeit in Griechenland. Er berichtet von seinen Eindrücken vor Ort.

Quelle: Keystone / Robert Geiss

Die Fähre heisst El. Venizelos und kommt aus Lesbos. Wenn sie ihren gewaltigen Schlund öffnet am Pier von Piräus, gehen 2000 Flüchtlinge an Land. Täglich. Seit Wochen. Der Schlund der Venizelos ist so gross, dass er Camions verschluckt. Dutzende.

15'000 Menschen innerhalb von 24 Stunden

Die zweite Fähre, mindestens so riesig wie die erste, heisst Ariadne und kommt aus Kos. Auch sie bringt jeden Tag Tausende zum Hafen vor Athen. Weil Fussballstadien voller Flüchtlinge auf Entlastung warten, will man eine dritte Fähre einsetzen. Griechische Beamte registrierten auf Lesbos innerhalb von 24 Stunden 15'000 Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Ohne den Registrierschein bekommt man auf Lesbos oder Kos weder ein Zimmer noch eine Karte für die Fähre nach Piräus.

Nach Kos und Lesbos steigen nur wenige Touristen zu, die grossen Ferien sind vorüber. Noch zwei, drei Lastwagen fahren über die Brücke, zwei, drei Griechen von den Inseln gehen an Bord. Dann zieht der Kapitän die Brücke hoch.

Endziel: Deutschland

In Piräus wartet ein Tross Busse auf die Flüchtlinge, sie werden so rasch wie möglich in den Norden gekarrt, nach Mazedonien. Mit Bussen, Zügen, wie auch immer. Hauptsache weg. Von Mazedonien aus sollen sie via Serbien nach Ungarn, dann via Österreich nach Deutschland verfrachtet werden. 2000 oder 4000 oder 6000 Menschen am Tag aus Syrien allein. Doch was sind 2000 Syrer pro Fähre gegenüber den 4 Millionen, die im Libanon, in Jordanien und in der Türkei leben? Grossbritannien will 20'000 Syrer aufnehmen – in den nächsten fünf Jahren. Schweden erwartet einen «Tsunami» von Asylgesuchen.

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Wer nicht registriert wurde und es dennoch nach Piräus geschafft hat, nimmt den Bus, die Metro oder ein Taxi ins Zentrum. Dort organisieren Reisebüros Busfahrten nach Mazedonien. Oder Flüge nach Rom für 300 Euro. Aber danach fragt keiner der über hundert Flüchtlinge, die im kleinen Lavrion-Park vor der Agentur Thiamis campieren oder im Imbiss mit arabischem Schriftzug ums Eck warten, das einen unerwarteten Boom erlebt. Ein Bier und ein Wasser kosten 2 Euro. An den wackeligen Plastiktischen sitzen eine Mutter mit sechs halbwüchsigen Söhnen und Töchtern, das jüngste Kind dürfte vier Jahre zählen, am nächsten hat sich eine achtköpfige Familie niedergelassen.

Diese Flüchtlinge campieren seit Tagen unter freiem Himmel.

Quelle: Keystone / Robert Geiss
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«Schreib, warum...»

Vor der Agentur klingelt pausenlos das Telefon bei einem grossgewachsenen freiwilliger Helfer. Er organisiert die Fahrkarten in den Norden, er heisst Papastefanou und ist ursprünglich Syrer. Thiamis gibt es schon lange: am Schaufenster klebt noch das Swissair-Logo.

Papastefanou sagt: «Schreib, warum die Flüchtlinge nicht direkt nach Deutschland reisen dürfen. Warum müssen sie die Türkei durchqueren und dann einen Schlepper bezahlen, der sie übers Meer bringt nach Griechenland? Warum müssen so viele ertrinken? Warum über Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich? Warum müssen sie in Camions ersticken? Warum geht der Transfer nicht einfacher?»

Während er spricht, klingelt sein altes Nokia ununterbrochen. «Ich muss wieder», sagt er müde und dreht sich ab.

Seit Tagen kein Dach über dem Kopf

«Ich will nach Schweden oder nach Deutschland», antwortet ein Junge. Er heisst Nayef und strahlt die unerschütterliche Zuversicht eines 14-Jährigen aus. Er kommt aus dem Irak. Acht Tage dauerte Nayefs Reise aus dem Norden Iraks nach Istanbul. Das Übersetzen von der türkischen Küste nach Kos war verhältnismässig kurz: Man kann Kos vom Festland aus sehen - die Distanz beträgt an manchen Orten nur vier Kilometer.

Offenbar war Nayefs Name nicht auf der Liste der Flüchlinge, die in Piräus eintrafen. Auf jener Liste stehen ausschliesslich syrische Flüchtlinge. Sie werden bevorzugt behandelt, das heisst, in den Norden abgeschoben, seit Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel ankündigte, syrische Flüchtlinge aufzunehmen. Die anderen campieren seit Tagen im Park neben der Metrostation auf dem Victoria-Platz, unter der Autobahnbrücke von Piräus Richtung Stadtzentrum von Athen oder auf irgendeiner Grünfläche oder einem unbesetzten Grundstück.

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Die meisten sind aus Afghanistan

Auf dem Victoria-Platz, neben der Metro-Station, versucht ein junger Mann, Telefonkarten einer britischen Firma zu verkaufen. «Ich bin aus Ghana», sagt er, «woher kommt ihr?» – «Aus Afghanistan», sagen die zwei Jungen. Der Park ist voller junger Männer, ein paar Sippen sitzen unter Maulbeerbäumen. Zwei junge Männer – Flüchtlinge – sammeln mit Latexhandschuhen den Abfall ein. Andere spielen Karten.

In einem der Strassencafés sagt die junge Kellnerin, eine griechische Studentin: «Jetzt geht es ja noch, aber meine Schicht dauert bis ein Uhr früh. Dann wird es richtig schlimm.» - Wie lange sind die Flüchtlinge denn hier? – «Diese? Eine Woche.» – Und was wird mit ihnen geschehen? – «Ich weiss es nicht.» – Warum richtig schlimm? – «Dann ist der Park so voll, da kommt man kaum mehr durch.»

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Jeder Fetzen Grün ist voller Flüchtlinge. Auf dem Trottoir neben der Parkanlage lagern weitere Gruppen. Es dürften etwa 1000 Menschen sein, die meisten, heisst es, kämen aus Afghanistan. Im Champs de Mars, ein paar Hundert Meter entfernt, schlafen Flüchtlinge in Zelten. 

Täglich werden es mehr

Sieben Fähren habe er schon gesehen, sagt ein Mann am Hafen, dann sei ein Betrieb wie selten. Zwei Stunden später irrt noch eine Familie umher, unschwer erkennbar am schwarzen Plastiksack, den der Vater mitschleppt. Seine Frau und seine vier Kinder haben kein Gepäck. Sie lachen und scherzen. Die Touristen ziehen in der Gegenrichtung missmutig Rollkoffer über den Asphalt. Der winzige Kiosk am Hafen, wo die Syrer, Afghani und Iraker anlegen, ist in hellblau-weisse Flaggen eingepackt, als wären die Flüchtlinge in Griechenland willkommen.

Während die EU noch um Verteilquoten für Flüchtlinge streitet, kommen täglich mehr Menschen aus zerbombten Ländern, aus Staaten ohne Perspektive an. Wo werden sie sein, wenn der Winter kommt?

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