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FreizeitWer kann sich heute Kultur noch leisten?

Musik, Theater und Kunst bereichern das Leben, sagt der Soziologe Jörg Rössel. Doch jeder Dritte gibt an, er könne sich die Eintrittspreise nicht leisten.

«Viele denken, sie gehörten nicht dorthin»: Installation von Pipilotti Rist im Kunsthaus Zürich
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Beobachter: Jeder Dritte sagt, er könne sich kulturelle Aktivitäten nicht leisten. Das zeigen neue Zahlen des Bundesamts für Statistik. Erschreckt Sie das? 
Jörg Rössel: Man muss vorsichtig sein bei der Interpretation dieser Zahlen. Unsere eigenen Studien zeigen, dass Einkommen und Kulturverhalten nicht direkt zusammenhängen. Kultur wird generell eher von Höhergebildeten konsumiert. Jetzt könnte man sagen: Klar, die verdienen auch mehr. Doch interessanterweise trifft man eben auch an kostenlosen Anlässen eher Höhergebildete. Die Publikumsstruktur ist relativ konstant, egal, ob eine Veranstaltung gratis ist oder Eintritt kostet.

Beobachter: Warum sind trotzdem viele Leute davon überzeugt, Kultur sei zu teuer? 
Rössel: Kultur spielt sich oft an Orten mit besonderen Bedingungen ab: in kalt wirkenden Ausstellungshallen oder Museen, wo man mucksmäuschenstill sein muss. Viele denken, sie gehörten da nicht hin. Wenn man sie dann fragt, ob Geld eine Barriere sei, sagen sie Ja. Hier müssten die Kulturinstitutionen vermehrt einen Schritt auf ihr Publikum zugehen, wie das Zürcher Opernhaus, das im Sommer kostenlos eine Vorstellung auf eine Grossleinwand auf dem Sechseläutenplatz überträgt.

Beobachter: Viele Anlässe kosten nichts oder sind vergünstigt. Sind die Leute nicht genügend informiert? 
Rössel: Das mag sein. Doch die Forschungsergebnisse sprechen eher dafür, dass es einfach Leute gibt, die kulturinteressiert sind, und solche, die es nicht sind.

Beobachter: Wäre bessere Information eine staatliche Aufgabe? 
Rössel: Das ist letztlich eine politische Frage. Wenn es tatsächlich so wäre, dass ein grosser Teil der Leute ausgeschlossen ist von kulturellen Aktivitäten und mehr Teilhabe wünscht, müsste man sich Massnahmen überlegen, etwa über die Schulen.

«Auch an Gratisanlässen trifft man eher Höhergebildete.»

Jörg Rössel

Beobachter: Ist Kultur mehr als Luxus?
Rössel: Was man für gesellschaftlich wichtig hält, ist letztlich ebenfalls eine politische Frage. Das zeigt sich daran, welchen Institutionen man Geld gibt. Der Staat unterstützt die Oper stark, Rockkonzerte nicht. Das kulturelle Erbe zu erhalten scheint vielen wichtig zu sein. Das widerspiegelt sich in Abstimmungen: Für die Subventionierung klassischer Kulturinstitutionen sprechen sich regelmässig auch Leute aus, die selber gar nie da waren. Für Städte ist das kulturelle Angebot zudem wichtig, um Hochqualifizierte und damit gute Steuerzahler anzuziehen. In einer Studie haben wir aber auch gesehen, dass dort, wo SVP und CVP stark sind, weniger Geld aus der Staatskasse in klassische Kulturangebote fliesst.

Beobachter: Welche Vorteile haben kulturell Aktive?
Rössel: Sie haben mehr vom Leben, sie können mitreden. Das kann gerade auch im beruflichen Umfeld wertvoll sein. Zudem sind kulturell aktive Kinder im Vorteil. Sie schreiben bessere Noten. Und nicht zuletzt kann es auch bei der Partnersuche helfen, wenn man kulturell bewandert ist: Wer es auf Höhergebildete abgesehen hat, findet so leichter einen Partner

Zur Person

Jörg Rössel, 48, ist Professor für Soziologie und Direktor des Soziologischen Instituts der Universität Zürich. Er forscht hauptsächlich zu Kulturkonsum und Sozialstruktur.

Veröffentlicht am 24. Mai 2016

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1 Kommentar

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manfred h.
Kultur ist etwas schönes, bereicherndes, sogar berauschendes, wenn es nicht übertrieben wirkt.Aber auch, besonders für öffentlich Wirkende, eine gute Gelegenheit, sich selbst in ein gutes Licht zu stellen. "Seht her, ich bin aufgeschlossen für die Kunst, das kulturelle Leben und bin bereit, das zu unterstützen" Naja, Alles hat seinen Preis auf jeden Fall besser als gegen alles Förderungswertes und eben Kulturelles zu sein, weil es teuer ist. Aber Qualität z.B. hat auch seinen Preis, zahlt sich aber schliesslich aus. Danke.

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