1. Home
  2. Gesellschaft
  3. Fussball: «Die WM-Euphorie passt zum Zeitgeist»

Fussball«Die WM-Euphorie passt zum Zeitgeist»

An Weltmeisterschaften schwingen plötzlich auch politisch Desinteressierte Fähnchen. Politikwissenschaftler Markus Freitag erklärt, was das mit Heimat und Nationalstolz zu tun hat.

Fussball erzeugt ein Wir-Gefühl.
von und aktualisiert am 14. Juni 2018

Beobachter: In WM-Bars kommen Leute mit höchst unterschiedlichem Hintergrund zusammen, um gemeinsam für ihre Nationalmannschaft zu jubeln. Wie schafft der Fussball das?
Markus Freitag: Fussball kann identitätsstiftend sein. Er erzeugt ein Wir-Gefühl, man will für die Dauer der Weltmeisterschaft zusammen feiern und mit Symbolen wie Trikots und Fahnen zeigen, dass man dazugehört. Das entspricht durchaus dem Zeitgeist. Ich kann für kurze Zeit ein Zusammengehörigkeitsgefühl geniessen, ohne grossen Aufwand zu betreiben, und habe danach keinerlei Verpflichtungen.

Beobachter: Wieso braucht es dafür Fahnen?
Freitag: Um Flagge zu zeigen. Die Fahne ist ein sehr sichtbares Symbol der Gemeinschaft. Diese öffentlich gezeigte Begeisterung für die WM und die Nationalmannschaft entstand in der Schweiz vielleicht 1994 und nahm seit der Endrunde 2006 in Deutschland so richtig an Fahrt auf.

Beobachter: Zu was hat das geführt?
Freitag: Seit da hat sich etwas verändert, auch im Verhältnis zum nördlichen Nachbarn. Die Deutschen erscheinen auch wegen ihrer Art, Fussball zu spielen, nicht mehr so unsympathisch. Und gleichzeitig ist der Nationalstolz in der Schweiz gewachsen: 91 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer sind stolz auf ihr Land.

Beobachter: Gibt es dieses Wir-Gefühl nur, wenn die Schweiz gewinnt? Oder schweisst es auch zusammen, wenn Deutschland verliert?
Freitag: Das Wir-Gefühl entsteht durch gemeinsame Erinnerungen, Erfahrungen, Vorlieben und Abneigungen. Es kann auch zusammenschweissen, wenn ein ungeliebter Gegner ohne eigenes Zutun verliert. Allerdings haben heute viele Schweizerinnen und Schweizer deutsche Kollegen und Freunde, die Deutschen sind nicht mehr eindeutige Gegner. Vor 20 Jahren war das noch anders, da zeigten sich nicht viele Leute mit einem Deutschland-Leibchen in der Öffentlichkeit. Heute ist das weniger ein Problem. Der Wandel von Fussball-Deutschland und der stete Kontakt baut die Vorurteile ab.

5 WM-Grafiken: Doppelpass und Dribbelspass

Seit 1992 dürfen Schweizer zwei Pässe haben. Was das für die Nati heisst – die Zahlen und Fakten.

zum Artikel

WM

Beobachter: Es treten hier ja Nationalmannschaften gegeneinander an. Wie wichtig ist dabei die Nation?
Freitag: In erster Linie ist die WM ein gemeinschaftlicher Event, an dem viele teilhaben wollen. Die Nation ist nur die Projektionsfläche. Manch einer wird aber auch patriotische oder gar nationalistische Gefühle entwickeln. Hier kommt der Nationalstolz ins Spiel. Dabei geht es eher um einen entlehnten Stolz: Man hat selber nichts dafür getan, nimmt aber gern Anteil daran.

Beobachter: Was bringt zum Beispiel multikulturell geprägte Städter dazu, plötzlich das Schweizerkreuz zu tragen? Das würden sie im normalen Leben doch nie tun.
Freitag: Dem Taumel um die WM WM-Quiz Was taugen Sie als Nati-Fan? kann man sich nur schwer entziehen. Dafür sorgen gerade in den Städten zahlreiche dafür installierte Begegnungsstätten. In der Schweiz ist Patriotismus, die Liebe zum Vaterland, keiner politischen Richtung vorbehalten. Schon gar nicht, wenn es um Spiel und Sport geht. Selbst linke Politiker wie etwa die Basler SP-Ständerätin Anita Fetz zeigen sich öffentlich im T-Shirt mit Schweizerkreuz.

Beobachter: Die Schweiz scheidet meistens relativ früh aus. Ist dann Schluss mit dem kollektiven Mitfiebern?
Freitag: Die Schweizer haben eine besondere Geschichte mit den Endrunden. Früher verfolgten sie sie zunächst mit dem Schweiz-Trikot und trugen darunter noch ein Italien-, Spanien- oder Brasilien-Shirt. Sie entwickelten im Lauf des Lebens Ersatzidentitäten, um weiter am WM-Fest teilzunehmen. Heute hat die Schweiz aber eine gute Mannschaft, da ist einiges möglich.

Beobachter: Eine gute Mannschaft dank vielen Doppelbürgern. Bei der Nationalhymne ist immer ein grosses Thema, wer mitsingt und wer nicht. Warum?
Freitag: Für manche lautet die eigentliche Frage dahinter wohl: Wer ist Eidgenosse und wer nur ein Papierli-Schweizer? Nati-Captain Stephan Lichtsteiner hat 2015 mit einem Interview eine Debatte über Identifikation und Integration Integration Wie ticken die Albaner? ausgelöst, Stichwort Balkangraben, Secondos gegen Ur-Schweizer. 

WM-Gewinnspiel

Die WM steht vor der Tür! Testen Sie mit unserem Quiz, ob Sie bereit sind für DAS Smalltalk-Thema der nächsten Wochen – mit ein bisschen Glück gibt's sogar etwas Feines zu gewinnen.

zum Quiz

Beobachter: Und? Wer ist nun ein richtiger Schweizer?
Freitag: 75 bis 90 Prozent der Bevölkerung finden, man sei ein richtiger Schweizer, wenn man den Grossteil seines Lebens hier verbracht hat, eine Landessprache spricht, die politischen Institutionen respektiert und das Bürgerrecht hat. Hier geboren zu sein oder Schweizer Vorfahren zu haben ist weniger wichtig. Einfach gesagt: weg von der Herkunftsidee, hin zur Vorstellung der Eingewöhnung. Die Frage, ob jemand die Hymne mitsingt oder nicht, scheint medial aufgeladen. Die meisten Bürger legen hier die Messlatte nicht allzu hoch, für sie zählen andere Dinge.

Beobachter: Sicher? Wenn die Schweiz gewinnt, haben wir gewonnen – verliert sie, hat Seferovic nicht getroffen oder Djourou ist falsch gestanden.
Freitag: Ich denke, die Zuschauer waren ebenso enttäuscht, als Streller den Elfmeter verschossen hat. Und wären es auch, wenn Sommer in dieser WM einen entscheidenden Ball nicht hält. Zur Entwicklung der nationalen Identität gehören Sieg und Niederlage. Und anders als der Patriot tut sich allein der Nationalist mit Niederlagen schwer.

Beobachter: Bleibt etwas zurück nach der gemeinsamen WM-Zeit? Oder gehen all die Fans wieder eigene Wege?
Freitag: Das Leben setzt sich natürlich fort, aber es kann etwas Identitätsstiftendes aufgebaut worden sein. Ereignisse wie die Teilnahme an der Endrunde 1994 in den USA oder das Bild des rot-weissen Fahnenmeers im Dortmunder Westfalenstadion an der WM 2006 tragen zum Wir-Gefühl ebenso bei wie die Niederlage gegen Argentinien 2014. Identität lebt von gemeinsamen Erinnerungen, ob freudig oder schmerzhaft.

Beobachter: Was, ausser Sport, eint die Schweiz noch?
Freitag: Die Schweizer Bevölkerung ist am stolzesten auf die technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften des Landes. Und auf die direkte Demokratie. 80 Prozent der Leute sind stolz auf ihre Sportler. Weniger Rückhalt geniesst etwa die Armee.

Beobachter: Womit fühlen sich Schweizerinnen und Schweizer am meisten verbunden?
Freitag: Mit ihrem Wohnort, der kleinstmöglichen geografischen Einheit, und mit der Schweiz als Heimatland. Die Verbundenheit mit Europa hingegen ist in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen. Wohl auch wegen der vielen Krisen in der EU. 

Was heisst hier Heimat?

Die Konzepte von Identität, Heimat, Patriotismus und Nationalismus überschneiden und ergänzen sich teilweise. Politikwissenschaftler Markus Freitag definiert sie so:

Identität entsteht aus einem Wir-Gefühl heraus und der gleichzeitigen Abgrenzung gegenüber dem Anderen. Gemeinsame Erinnerungen, Erfahrungen, Vorlieben und Abneigungen bilden den Boden für das Wir-Gefühl. Dabei ist wichtig, sich selber zu erkennen und von anderen erkannt zu werden. Es geht nicht nur um die Herkunfts-Identität durch den Pass, sondern auch um Identitäts-Konstruktionen. Es gibt demnach mehrere Identitäten, beispielsweise eine nationale, eine zum Wohnort oder zu einem Verein. Heimat ist eine Identifikationsfläche, ein Zufluchtsort.

Heimat ist «der Schrei nach Ruhe», das Bedürfnis danach. Man sucht etwas Überschaubares, einen sozialen Raum, der Sicherheit und Verlässlichkeit bietet. Heimat ist etwas Liebliches, das verständlich und durchschaubar ist – ein bisschen heile Welt.

Patriotismus ist die Liebe zum Vaterland, die enge und emotionale Verbundenheit damit.

Nationalismus meint ebenfalls Liebe zum Vaterland, ist aber verbunden mit der Verachtung und Abwertung gegenüber den Vaterländern der anderen.

Beobachter: Und was trennt die Bevölkerung?
Freitag: Öffnung oder Schliessung ist der zentrale Konflikt. Mit anderen Worten: Zuwanderung zulassen oder drosseln? Politisch integrieren oder sich abnabeln? In dieser Frage geht ein Riss durch die Bevölkerung.

Beobachter: Vielerorts erlebt der Heimatbegriff oder die Suche nach Identität zurzeit eine Renaissance. Weshalb?
Freitag: Das Leben wird allgemein als zunehmend unübersichtlich und unsicher wahrgenommen. In diesen Zeiten wird ein Halt gesucht. Die Heimat als überschaubarer Ort der Verlässlichkeit bietet das. Anders als früher sind das weniger die Vereine, die an sich ja auch strukturgebend sein könnten. Aber hier sind die Verpflichtungen und Regelmässigkeiten schwer mit einer individuellen Lebensweise vereinbar. Die emotionale Bindung an den Wohnort und die Nation ist hingegen anspruchsloser.

Beobachter: Ist diese Heimatsuche nicht sehr altertümlich?
Freitag: Wenn damit nur Abgrenzung gemeint ist, dann ist das tatsächlich sehr altertümlich. Wenn es aber darum geht, unabhängig von der Sozialisation soziale Zugehörigkeiten auszubilden und sich vertraute Lebensmöglichkeiten anzueignen, ist es ein aufgeschlossenes Konzept. Eine moderne Antwort auf Unsicherheiten.

Beobachter: Nochmals zurück zum Fussball: Wäre es nicht auch modern, Nationalmannschaften abzuschaffen?
Freitag: Momentan sind wir auf dem Höhepunkt der WM-Euphorie, und die Länderteams sind in. Allerdings ist das Interesse an den Nationalmannschaften nicht immer gleich hoch. Oft sind deren Spiele nicht ausverkauft. Eine Konkurrenz sind die vielen Klubmeisterschaften. Sie führen zu einer wachsenden Identifikation mit Stars und internationalen Grossklubs – vor allem bei den Jüngeren. Es ist durchaus vorstellbar, dass sich diese Orientierung auswirkt und die Begeisterung für die Nationalmannschaften nachlässt. Vielleicht erleben wir das schon an der nächsten Weltmeisterschaft in Katar.

Beobachter: Wo schauen Sie die WM an?
Freitag: Eher im privaten Rahmen. Bei öffentlichen Vorführungen ist es mir zu unruhig, und der Fussball steht oft nicht im Mittelpunkt.

Zur Person

Markus Freitag, 49, ist Direktor des Instituts für Politikwissenschaft und Professor für politische Soziologie an der Universität Bern. Er wurde in Waldshut (D) geboren, lebt und arbeitet aber seit fast 25 Jahren in der Schweiz.

Sein neustes Buch «Die Psyche des Politischen» geht der Frage nach, was der Charakter über das politische Denken und Handeln verrät.

Freitag ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Er ist ein grosser Fussballfan, sein Herz schlägt für den SC Freiburg.

«Jeden Freitag direkt in Ihre Mailbox»

Birthe Homann, Redaktorin

Jeden Freitag direkt in Ihre Mailbox

Der Beobachter Newsletter

Bitte melden Sie sich an, um zu diesem Artikel zu kommen­tieren.

1 Kommentar

Sortieren nach:Neuste zuerst
david.brunner*******
Ich verstehe nicht, was hier hingebogen werden soll. "An Weltmeisterschaften schwingen plötzlich auch politisch Desinteressierte Fähnchen." Was sollen Fussball, Weltmeisterschaften, Schweizerfähnchen und Nationalstolz mit politischem Interesse zu tun haben ? Das Gegenteil trifft wohl eher zu. Politisches Interesse und die ehrliche Fussball-Begeisterung fallen selten zusammen. Abgesehen davon, dass viele für andere Fussball-Nationen einstehen.