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Generationenvertrag«Ältere tun unserer hyperaktiven Gesellschaft gut »

Soziologe Peter Gross über den schwelenden Konflikt zwischen den Generationen, das flexible Rentenalter und den Wert des Altseins.

Eine Bevölkerung ohne alte Menschen sei «wie eine Stadt ohne Altstadt», so Soziologe Peter Gross.

Von aktualisiert am 19. Juli 2017

Beobachter: Es gibt den Spruch, dass man so alt sei, wie man sich fühle. Wie alt fühlen Sie sich?
Peter Gross: Mal so, mal so, wie in jedem Alter.

Beobachter: Anders gefragt: In welchen Situationen fühlen Sie sich alt?
Gross: Soeben starb ein guter Freund von mir an einer Lungenembolie – ein Moment, wo ich spüre, dass ich endlich bin und auch mir die Stunde schlägt.

Beobachter: Sie sind ein gutsituierter 75-Jähriger. Haben Sie ein schlechtes Gewissen gegenüber den Jungen von heute?
Gross: Nein, denn auch ihre Situation ist im Grossen und Ganzen komfortabel – im Unterschied zu kinderreichen Gesellschaften. Dort herrscht ein erbitterter Konkurrenzkampf um einen Platz an der Sonne. Bei uns bleiben hingegen Tausende von Lehrstellen unbesetzt.

Beobachter: Die Jungen haben also keinen Grund zum Klagen?
Gross: Nein. Sie sollen sich freuen, in einer Gesellschaft zu leben, die ihnen Chancen bereitstellt. Einer Gesellschaft, die von den heute lebenden Alten mitgeprägt wurde.
 

Lesen Sie dazu auch unsere Titelgeschichte zum Thema «Generationenvertrag»:

Wer schröpft da wen?

Die Jungen zahlen, die Alten profitieren nur noch. Wer den Generationenvertrag auf diese Ungleichung reduziert, liegt schief. Der Beobachter hat nachgerechnet.

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Beobachter: Sie bezeichnen das Alter als Lebensabschnittspartner. Auch emotional?
Gross: Ja. Alter und Altern haben sowohl liebenswerte wie auch düstere Seiten. Ich akzeptiere die Prüfungen, die mir mein Lebensabschnittspartner auferlegt, und bedanke mich für die gelegentlich geschenkten Blumen.

Beobachter: Alter ist für Sie die biologische Nachzeit. Was bringt sie?
Gross: Die Langlebigkeit, dieser meines Erachtens grösste zivilisatorische Erfolg moderner Gesellschaften, hat vielerlei Vorzüge, die leider meistens unterschlagen werden. Beispielsweise die Vier-Generationen-Familie, die den brüchigen Zusammenhalt einer auf Individualismus getrimmten Gegenwartsgesellschaft stärkt.

«Die Langlebigkeit, der grösste zivilisatorische Erfolg moderner Gesellschaften, hat vielerlei Vorzüge.»


Peter Gross, Soziologe

Beobachter: Zu den harten Aspekten – zum Geld. Die langfristigen Schulden der AHV und anderer Sozialwerke werden auf über eine Billion Franken hochgerechnet.
Gross: Das ist ein Problem. Aber in diese Rechnung fliesst selten ein, dass längerfristig weniger Kinder auch weniger Rentenbezüge zur Folge haben werden. Darüber hinaus geht vergessen, dass ein längeres Leben nicht nur längere Rentenbezüge zur Folge hat, sondern auch eine längere Alimentierung der öffentlichen Hand durch die auch von der älteren Generation zu erbringenden Einkommens-, Vermögens- und Mehrwertsteuern.

Beobachter: Also ist das Schuldenproblem zeitlich befristet und löst sich dann von selbst?
Gross: Das kann man so sehen, sofern die Lebensarbeitszeit nach oben geöffnet und die Erwerbsquote somit erhöht wird.

Beobachter: Müssen wir länger arbeiten?
Gross: Wir müssen nicht – aber wer will, soll können. Beenden wir die fruchtlose Diskussion über das richtige Pensionsalter, heben wir die Zwangspensionierung mit 64 oder 65 auf und flexibilisieren das Rentenalter komplett! Heute arbeiten bereits gut 20 Prozent über das offizielle Pensionsalter hinaus. Viele mehr würden bei adäquaten Arbeitsplätzen gern länger arbeiten. Die Unternehmen sind da gefordert.

Beobachter: Länger als bis 65 zu arbeiten gilt auch als sinnstiftend.
Gross: Sicher, ja. Aber nur wenn man nicht dazu gezwungen wird.

Beobachter: Wie wichtig ist es für Senioren, gebraucht zu werden?
Gross: Wer weiter erwerbstätig sein will, soll nicht durch eine Zwangspensionierung daran gehindert werden. Es gibt auch eine Fülle von Möglichkeiten, sich ehrenamtlich oder in der Freiwilligenarbeit zu betätigen. Ohne diesen Einsatz bräche unsere Gesellschaft zusammen.

Beobachter: Kann sich die Schweiz ihren Wohlstand weiter leisten?
Gross: Es kann viel passieren, wir sind keine Insel. Doch die Schweiz ist ein Kompetenzzentrum ersten Ranges, und ich zweifle nicht daran, dass das Land seinen Wohlstand sichern kann.

Beobachter: Ausgaben für Junge gelten als Investition, Ausgaben für Ältere als Soziallasten. Hat sich die Optik verschoben?
Gross: Ja, leider. In meinen Weiterbildungskursen waren die Teilnehmer nie über 50 Jahre alt. Es braucht einen Sinneswandel. Wir sollten in Junge und Alte investieren.

Beobachter: Erleben Sie selber Formen von Altersdiskriminierung?
Gross: Nein. Höchstens durch die immer neuen digitalen Innovationen. Und durch Verpackungen, die sich auch mit einem Schlachtermesser nicht öffnen lassen. Es kann ja nicht sein, dass wir die Spitex brauchen, um eine St. Galler Bratwurst aus dem Vakuumbeutel zu schälen.

Beobachter: Ist alt sein schwieriger als alt werden?
Gross: Ja, wenn unter dem Altsein Stillstand und inaktives Leben verstanden wird. Doch in den letzten 100 Jahren haben wir 30 Jahre an Lebenserwartung gewonnen. Das ist Zeit genug, um sich immer wieder neu zu erfinden.

«Es kann nicht sein, dass wir die Spitex brauchen, um eine Bratwurst-Verpackung zu öffnen.»


Peter Gross, Soziologe

Beobachter: Sie appellieren damit an die Selbstverantwortung der Älteren.
Gross: Wer mit offenen Augen lebt, sieht vielerlei Aufgaben. Man möchte der Gesellschaft etwas zurückgeben. Geben ist seliger denn Nehmen.

Beobachter: Sprechen wir vom Lebensende. Sind Sterbehilfeorganisationen wie Exit eine Lösung für alle?
Gross: Dass es diese Möglichkeiten gibt, entspricht zwar der heutigen Autonomievorstellung, aber es birgt auch eine Fülle von ethischen Fragen, deren Diskussion heftig angelaufen ist.

Beobachter: Was ist Ihre persönliche Meinung zur Sterbehilfe?
Gross: Wer den Freitod wählt, sollte zuvor das Gespräch mit seinen Nächsten suchen. Der Mensch lebt nicht allein, und diese endgültige Entscheidung sollte er nicht allein tragen müssen.

Beobachter: Von Ihnen stammt der pointierte Begriff der «Seniorenklappe», mit der man sich mühsamer Alter entledigen könnte...
Gross: Ich habe den Begriff vor 20 Jahren geprägt. Ich glaube, die Wertschätzung der Langlebigen hat seither zugenommen. Langsam merkt auch der Untergangsprophet, dass er gern alt werden möchte und das Altern ungeahnte neue Möglichkeiten birgt.

Beobachter: Werden die Leistungen der Alten geringgeschätzt?
Gross: Das trifft leider zu. Es wird übersehen, dass die Konsumenten immer älter werden und deshalb der Produzent von Gütern und Dienstleistungen am besten auch älter ist. Er kennt die Schwierigkeiten und Nöte der alternden Konsumenten aus eigener Erfahrung und spricht ihre Sprache.

Beobachter: Schon 50-Jährige tun sich bei der Arbeitssuche schwer. Nehmen wir die Jugend zu wichtig?
Gross: Ja. Die Kundschaft wird älter, die Belegschaften aber werden jünger – ein Paradox. Die Vorzüge einer altersgerechten Bereitstellung von Gütern und Dienstleistungen werden trotz endlos steigender Nachfrage zu wenig wichtig genommen. Firmen machen einen grossen Fehler, wenn sie nicht mit ihrer Kundschaft atmen. Ich könnte Bücher füllen mit den täglichen Herausforderungen des Älterwerdens und den Versäumnissen der Produzenten.

Beobachter: Brauchen wir eine Altersquote in den Unternehmen?
Gross: Nein, aber eine Willkommenskultur. Früher oder später werden die Firmen einsehen, dass sie mit einer altersaffinen Produktion punkten können und dass sie durch den Ausschluss älterer Mitarbeitender wertvolles Know-how verlieren.

Beobachter: Die Schweiz altert. Schadet dies unserer Gesellschaft?
Gross: Nein. Unsere hyperaktive Gesellschaft verträgt eine Beruhigung. Eine Bevölkerung ohne alte Menschen ist wie eine Stadt ohne Altstadt. Allein die Präsenz Älterer kann besänftigen.

Beobachter: Es gibt die Idee vom doppelten Stimmrecht für Junge im Sinne von politischer Chancengleichheit. Eine gute Idee?
Gross: Der Vorschlag widerspricht krass dem Bild einer repräsentativen Demokratie. Im Nationalrat hat es nur noch drei Mitglieder über 70. Dass diese Altersgruppe nicht mehr vertreten wird, zeugt von einem mangelhaften Demokratieverständnis.

Zur Person

Der Soziologe Peter Gross, 75, lehrte unter anderem von 1989 bis 2006 als Professor an der Universität St. Gallen. Er lebt in St. Gallen, ist Vater von zwei längst erwachsenen Kindern und hat drei Enkel. Gross hält Vorträge und hat mehrere Bestseller zum Älterwerden geschrieben, unter anderem «Glücksfall Alter» (2008) und «Wir werden älter. Vielen Dank. Aber wozu?» (2013).

Peter Gross.

«Wir sollten in Junge und Alte investieren.»

Quelle: Desirée Good

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