Die medizinisch schwierigsten Fälle landen im Aargau nicht in den Kantonsspitälern, sondern im kleinen Gesundheitszentrum Fricktal (GZF) mit den Standorten Rheinfelden und Laufenburg. Klingt unglaublich, ist aber so – zumindest auf dem Papier. Denn gemäss einem vertraulichen Dokument des kantonalen Gesundheitsdepartements wiesen die GZF-Patienten unter allen Aargauer Spitälern die höchsten Komplikationsraten und Nebenerkrankungen wie Diabetes auf. Vor Jahresfrist zitierte der Beobachter aus diesem Papier und deckte auf, dass jemand nachgeholfen haben muss, damit die Patienten auf dem Papier kränker wurden, als sie wirklich waren (siehe Artikel zum Thema).

Kurzfristig machte sich das für das GZF bezahlt, denn so gab es mehr Geld vom Kanton. Dieser verteilt jährlich insgesamt rund 500 Millionen Franken Subventionen an die Spitäler. Dabei gilt: Je schwieriger seine Patientenfälle sind, umso grösser wird das Stück dieses Subventionskuchens für das jeweilige Spital.

Verdacht doppelt bestätigt

Abgerechnet wird dabei nach einem Fallpauschalen-System. Dabei erfassen die Spitäler für jeden Patienten verschiedene Codes, je nach Krankengeschichte. Darauf gestützt werden die Patienten einer Krankheitsgruppe zugeteilt, den sogenannten Diagnosis Related Groups (DRG). So gibt es zum Beispiel eine DRG für eine Blinddarmoperation, einmal mit und einmal ohne Komplikationen. Für Patienten mit Komplikationen kassiert das Spital mehr, weil deren Behandlung aufwendiger ist.

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Nach der Berichterstattung im Beobachter überprüfte eine Revisionsfirma im Auftrag des Gesundheitsdepartements die Zuteilungen für 2008 – und wurde fündig: Die Kontrolleure stiessen auf «statistisch signifikante Abweichungen». Im Klartext: Das GZF hatte seine Patienten lukrativeren Krankheitsgruppen zugewiesen, im Fachjargon «Upcoding» genannt. Eine zweite Revisionsfirma prüfte nach und bestätigte den Verdacht. «Ob Absicht im Spiel war, war nicht Gegenstand der Abklärungen, weil es dafür keine Anzeichen gab», sagt Balz Bruder, Kommunikationsleiter des Gesundheitsdepartements. Jetzt einigten sich Kanton und GZF darauf, dass das Spital eine halbe Million Franken der einkassierten Subventionen zurückzahlen muss – ein in der Schweiz einmaliger Vorgang.

«Bis zu 80 Prozent überhöhte Rechnungen»

Die GZF-Leitung selbst erklärt, man habe irrtümlich «eine ältere Version des Kodierhandbuchs» verwendet, weil man davon ausgegangen sei, dieses wäre bis Ende 2008 gültig. Deshalb sei es zu Abweichungen gekommen. «Wir bedauern diesen Irrtum. Es war nie die Absicht des GZF, sich zulasten der übrigen kantonalen Spitäler zu bereichern», erklärt Spitaldirektorin Anneliese Seiler.

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Der Fall lässt aufhorchen, denn ab 2012 werden alle Patienten in der Schweiz nach einem Spitalaufenthalt solche DRG-Rechnungen bekommen. Diese Rechnungen zu überprüfen ist sehr anspruchsvoll. Patienten haben kaum Chancen, überrissene Forderungen selber aufzudecken, sondern sind auf Unterstützung ihrer Krankenkassen angewiesen. Gesundheitsökonom Willy Oggier aber warnt davor, dass vor allem kleinere Kassen überfordert sein werden und Billigkassen eher den guten Risiken nachjagen würden, statt sich auf die Kontrolle von Rechnungen zu konzentrieren.

Dabei zahlt sich Kontrolle aus, sagt der Gesundheitsökonom und rechnet vor: In Deutschland würden Spitäler, die durch vermehrtes Upcoding auffallen, intensiv überprüft. Statt sich mit zufälligen Stichproben zu begnügen, kontrollierten die Kassen dort bis zu einem Viertel aller Rechnungen. «Dabei stossen sie in bis zu 80 Prozent der Fälle auf überhöhte Forderungen.»

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