Trudi M. benutzt einen Roboter-Staubsauger. Die 84-Jährige wohnt allein in einem zweistöckigen Fünf-Zimmer-Haus, das sie und ihr verstorbener Mann in den sechziger Jahren in einem ruhigen Quartier gekauft haben. Der Roboter nimmt ihr die lästige Putzarbeit ab, für die sie keine Kraft mehr aufbringt. Gleichzeitig spornt das Gerät sie an, sich mit seinen Funktionen auseinanderzusetzen. Und wider Erwarten macht ihr das sogar Spass. Genauso wie das Tablet, das ihr die Kinder zum Geburtstag geschenkt haben und auf dem sie seither ihr geliebtes «Tagblatt» liest. Sollte sie noch mehr Technik anschaffen? Vielleicht das praktische Wohnassistenz-System, das der Sohn ihr kürzlich in einem Prospekt gezeigt hat?

Pflegeassistenz-Roboter

Kompaï verfügt über eine 3-D-Kamera und Laser. Er ortet Hindernisse in der Wohnung, erkennt Gesichter und Stimmen. Mit dem Tablet vor seinem Bauch nimmt er Befehle entgegen oder beantwortet Fragen.

Quelle: Anne Seeger (Illustrationen)

Virtual-Reality-Brille

Sie dient der Animation von Menschen mit Demenz. Das System soll helfen, die Wahrnehmung anzuregen und zu entspannen.

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Das Zauberwort heisst: smart

Früher gab es für die Altersgruppe 65 plus den Gehstock, die orthopädischen Schuhe, die Brille mit den Gleitsichtgläsern oder das Hörgerät; dann den Rollator für alle, denen das Gehen Mühe machte; und wenn die Beine gar nicht mehr wollten: den Rollstuhl. Alles Hilfsmittel, die die Mühsal des Alterns etwas erleichtern. Heute heisst die Losung Active and Assisted Living, kurz: AAL.

AAL bezeichnet Systeme und Technologien, die zum Ziel haben, alte Menschen rundum mit modernen Lösungen zu versorgen. Meist sind diese Lösungen mit dem Attribut «smart» versehen – smarte Häuser, smarte Fortbewegungsmittel, smarte Pflegegeräte, die smarte Pillenbox. Wer als Seniorin oder Senior auf der Höhe der Zeit ist, umgibt sich mit einem Netz smarter Dinge – um ein vernetztes, gesundes Leben zu führen, möglichst lange, selbständig und wenn immer möglich zu Hause, in den eigenen vier Wänden. So sieht jedenfalls die Vorstellung derjenigen aus, die diese neuen Systeme entwickeln.

Kommunikationswürfel

Mit dem sensorbasierten Würfel Relaxed Care stehen Betagte und Angehörige in dauernder Verbindung. So gelingt eine dezente Kontrolle.
Wenn alles in Ordnung ist, schimmert der Würfel grün.

Quelle: Anne Seeger (Illustrationen)
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Wachsame Hauszentrale

Das Wohnsystem Casenio erkennt über Sensoren ungewöhnliche Signale aus der Wohnung und sammelt sie in der Hauszentrale. Darauf werden Angehörige oder der Pflegedienst kontaktiert.

Offroad-Rollator

Der motorbetriebene Rollator iWalkActive überwindet Steilhänge, Treppen, Wiesen und Waldwege. Zwischen den Griffen ist Platz für ein Tablet, auf dem zum Beispiel die Einkaufsliste gespeichert ist.

Quelle: Anne Seeger (Illustrationen)
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Hersteller sehen riesiges Marktpotenzial

Ende September in St. Gallen. Auf dem Olma-Messegelände treffen sich Entwickler und Anbieter, Investoren und Entscheidungsträger aus ganz Europa zum AAL Forum 2016. Auftraggeberin der dreitägigen Konferenz ist die EU. Das Gesamtbudget beträgt rund 700 Millionen Euro. Mit 70 Projekten sind auch Schweizer Hochschulen und Start-ups erfolgreich involviert. 

«AAL ist keine Nischenidee mehr. Es ist drauf und dran, den Durchbruch zu schaffen», verkündet Miguel González-Sancho, Vertreter der EU-Kommission. AAL habe ein enormes Marktpotenzial – bis 2019 rechne die EU mit einem Volumen von 24 Milliarden Euro.

Ein Gang durch die Ausstellung bestätigt: Die Ideen sind vorhanden, an technologisch Verblüffendem fehlt es nicht. Da ist die «eiserne Hand» – ein elektronischer Handschuh, der Kraft verleiht. Sobald sich die Finger um einen Gegenstand schliessen, strömt zusätzlicher Druck in die behandschuhten Fingerkuppen. Davon profitieren etwa Schlaganfallpatienten, die halbseitig gelähmt sind. Wer im ganzen Körper kaum mehr Kraft hat, dem hilft der Axo-Suit auf die Beine: ein von den Schultern bis zu den Fusssohlen reichendes künstliches Aussenskelett, modular zusammensetzbar. Allerdings ist der ausgestellte Prototyp aus Metall so schwer, dass er die Testpersonen eher zu Boden zieht, als sie zum Gehen zu bewegen.

Ein besonders aktiver AAL-Akteur ist das iHomeLab der Hochschule Luzern. Das Forschungsinstitut hat in den vergangenen Jahren mehrfach den renommierten AAL Award gewonnen, auch am diesjährigen AAL Forum ist es mit mehreren Projekten vertreten. Hearo zum Beispiel, das mit der Hörgerätefirma Phonak entwickelt wurde: Sobald das Telefon klingelt oder jemand die Türglocke betätigt, werden die akustischen Signale direkt ins Hörgerät eingespeist. Ein Blickfang ist auch der «magische» Würfel Relaxed Care. Dahinter versteckt sich ein Kommunikationssystem, das eine ständige Verbindung zwischen Betagten und Angehörigen herstellt.

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Robotischer Handschuh

Die «eiserne Hand» ersetzt verlorengegangene Muskelkraft und ist in vier Stufen verstellbar. Der Handschuh eignet sich für Alltag und Therapie.

Quelle: Anne Seeger (Illustrationen)

Smarte Textilien

Die Forschungsanstalt Empa hat diesen Brustgurt zur Überwachung von Herzpatienten entwickelt. Er zeichnet das Elektrokardiogramm (EKG) auf und hält sich selber feucht – unerlässlich für die Signalerfassung.

Quelle: Anne Seeger (Illustrationen)
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Intelligentes Heizsystem

Smart Heat soll das Heizen neu erfinden. Über «intelligente» Algorithmen werden Temperatur und Luftfeuchtigkeit in jedem Raum den Bedürfnissen und Gewohnheiten der Benutzer angepasst.

Rundumüberwachendes System

Umfassend ist das intelligente Wohnsystem der Firma Casenio: Mit Hilfe von Sensoren werden ungewöhnliche oder gefährliche Situationen in einer Wohnung überwacht. Eine alleinstehende Person stürzt beim Kochen und ist nicht in der Lage, jemanden zu kontaktieren? Casenio sammelt Messdaten und übermittelt sie an eine Zentrale. Nun können Angehörige und Pflegepersonal informiert werden. Das System erkennt kritische Momente über Rauch- und Temperatursensoren, Wasser- und Stromwächter melden ungewöhnlichen Verbrauch. Bettbewegungen werden registriert, Stürze erkannt oder antizipiert. Und ob ältere Singles ihre Medikamente richtig einnehmen, überwacht eine sensorbasierte smarte Pillenbox.

Aufmerksame Pillenbox

Die richtigen Medikamente zur richtigen Zeit einzunehmen fällt vielen Senioren schwer. Die intelligente Pillendose erinnert zuverlässig daran. Sie ist mit dem Handy des Nutzers gekoppelt.

Quelle: Anne Seeger (Illustrationen)
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Casenio behauptet sich seit einigen Jahren auf dem Markt, mit wachsendem Erfolg. Die allermeisten AAL-Entwicklungen jedoch befinden sich noch im Projektstadium – und viele dürften dort bleiben. Selbst der smarte Rollator iWalkActive der Hochschule Luzern, vor drei Jahren ein vielgefeierter AAL-Gewinner und auch in St. Gallen ein Publikumsmagnet, wartet noch auf seine Markteinführung. Er würde etwa gleich viel kosten wie ein mittelpreisiges E-Bike. Nur: Brauchen ältere Menschen wirklich einen Geländerollator, der sie über Stock und Stein bringt?

Rettender Notfallknopf

Er hat sich in Spitälern, Heimen und Haushalten durchgesetzt. Man kippt
beim Duschen um? Stürzt im Wald? Notfallknopf am Handgelenk drücken – und die Retter sind schnell vor Ort.

Quelle: Anne Seeger (Illustrationen)

Technik allein ersetzt nicht Betreuung

«Mir scheint, AAL ist noch nicht ganz im Alltag angekommen», sagt Antonia Jann, Geschäftsführerin der Zürcher Age-Stiftung, die innovative Ideen zum Thema Wohnen und Älterwerden fördert. Ihre Einschätzung rührt an einen wunden Punkt: Es sind zwar unzählige «Lösungen» entwickelt worden. Ob sie den Bedürfnissen entsprechen, bleibt offen.

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Er stelle bei vielen Senioren einen «natürlichen Widerstand» fest, die Geräte zu benutzen, sagte in St. Gallen ein Anbieter aus Grossbritannien. Technik allein sei meist keine Lösung für die Betreuung älterer Menschen, sondern nur ein Teil davon, meint Antonia Jann.

Womöglich ist der Durchbruch nur eine Frage der Zeit: Mit den Babyboomern kommt eine Generation ins Alter, für die technische Gadgets selbstverständlich sind. Dann könnte Active and Assisted Living alltäglich werden.