Nach einigen Wochen gingen der Gewerbetreibenden Barbara K., 42, die Augen auf: Sie zahlte die letzte Rechnung ihrer Heilerin Micheline Favre über 2800 Franken nicht. Denn sie realisierte, dass sie ihr innert weniger als vier Monaten bereits 29650 Franken überwiesen hatte. «Ich war total abhängig von dieser Frau», erzählt sie dem Beobachter. «Die Rechnungen habe ich ganz automatisch beglichen.»

Barbara K. wurde mit ihren Beziehungsproblemen nicht fertig. Körperliche Beschwerden wie Müdigkeit und Kopfschmerzen stellten sich ein. Eine Kundin riet ihr zu einem Besuch bei der Heilerin Micheline Favre in Biel.

Kurze Zeit später nahm die Heilerin ihre Tätigkeit auf. «Eigentlich hat sie mir nur beigebracht, dass von mir schlechte Einflüsse ausgingen – ich schadete meinen Mitmenschen», sagt Barbara K. Auch habe sie ihr weisgemacht, viele Personen lenkten Unglück auf sie. Gesundheitlich und psychisch sei es ihr – trotz oder gerade wegen der Behandlungen – immer schlechter gegangen. Micheline Favre verweigert jede Auskunft über ihre Behandlungsmethode und verweist auf ihren Anwalt.

Dieser erklärt, Micheline Favre habe keine eigentliche Behandlung durchgeführt, sondern mit Barbara K. über deren Beziehungsprobleme gesprochen. Die Frage, ob die Heilerin auch qualifiziert sei, lässt der Anwalt offen. Er bestätigt aber, dass sie andern Leuten professionell helfe. Im Telefonbuch wird sie als Büroangestellte bezeichnet.

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30000 Franken für 13 Sitzungen

Zurückzahlen werde seine Klientin nichts. Einzig auf die Begleichung der letzten Rechnung verzichte sie. Auf die Frage, ob denn 30000 Franken für 13 Sitzungen nicht etwas viel seien, antwortet der Anwalt: «Es sind wahrscheinlich mehr als 13 Sitzungen gewesen. Dazu kommen unzählige, lange Telefongespräche.» Kurz sind dagegen die Texte der Rechnungen. Standardformulierung: «einfühlsame Hilfe». Die Preise schwanken zwischen 500 und 4850 Franken.