Zur Person

Valerio Mante ist Neurowissenschaftler und Professor am Institut für Neuroinformatik der Universität und der ETH Zürich. (Bild: Mara Truog)

Quelle: Giorgia Müller

Beobachter: Was wollen Sie mit Ihrer Forschung über das Hirn herausfinden?
Valerio Mante: Ich möchte dazu bei­tragen, die Ursachen von psychischen Krankheiten wie Depressionen oder Schizophrenie zu verstehen. Sie gehören zu den weltweit häufigsten Krankheiten. Allein an Schizophrenie leiden weltweit geschätzte 50 Millionen Menschen. Um die Ursachen herauszufinden, muss man die Funktion des gesunden Gehirns kennen. Mittlerweile wurden neue Forschungsmethoden entwickelt, die vor Jahren noch un­vorstellbar waren.

Beobachter: Zum Beispiel?
Mante: Es ist jetzt möglich, im Bruchteil eines Kubikmillimeters Abertausende von Verbindungen zwischen den Hirnzellen zu messen. Bereits in diesem kleinen Bereich ist die Komplexität enorm. Grössere Verbindungen zwischen Arealen lassen sich ebenfalls messen. Das ist deshalb wichtig, weil es bei den ­erwähnten Krankheiten zu Veränderungen dieser Verbindungen kommt. Zudem können wir die Aktivität ganzer Netzwerke von Nervenzellen be­obachten. Das ist exakt die Ebene, die wir kennen müssen, um Gedanken, Entscheide und letztlich Symptome von Krankheiten zu verstehen.

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«Es wäre nicht möglich, ­diese Versuche durchzuführen und wissenschaftliche Resultate zu erzielen, wenn es dem Tier nicht gutginge.»

Valerio Mante, Neurowissenschaftler

Beobachter: Rechtfertigt das Versuche an Affen?
Mante: Das ist eine Güterabwägung. Man stellt die Ergebnisse, die man erreichen will, der Belastung der Tiere ­gegenüber. Bei meinem Versuch mit Makaken, die mit uns weiter entfernt verwandt sind als Schimpansen, unter­suchen wir Hirnregionen in Bezug auf schwere Krankheiten, die stark verbreitet sind. Wir wollen wissen, wie diese Regionen im gesunden Hirn funktionieren und wie Symptome von Krankheiten wie Depression oder Schizophrenie entstehen. Ziel ist, aus diesen Erkenntnissen Therapien und Medikamente zu entwickeln.

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Beobachter: Wie wollen Sie an Affen herausfinden, wie Depressionen oder Schizophrenie bei Menschen entstehen?
Mante: Wir studieren nicht die Krankheit als Ganzes, sondern spezifische Symptome von Schizophrenie. Eine wichtige Kategorie dabei sind eben Veränderungen im Denken, etwa bezüglich der Fähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Diese Fähigkeiten und die entsprechenden Symptome sind sehr komplex, können aber in ­Patienten und in Affen mit Verhaltens­aufgaben untersucht werden. Die für die Symptome verantwortlichen Hirn­areale sind bei den Makaken und den Menschen sehr ähnlich.

Beobachter: Was müssen die Tiere genau tun?
Mante: Diese Versuche muss man sich als eine Art Computerspiel vorstellen. Die ­Tiere lösen pro Tag anderthalb Stunden lang Aufgaben. Sie müssen also ständig Entscheide treffen. Wir untersuchen mit einem Anreizsystem, bei dem sie ihr Lieblingsgetränk bekommen, wie diese Entscheide beeinflusst werden. Wir beobachten dabei die Hirnregionen, die auch bei Patienten beeinträchtigt sind.

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Beobachter: Das klingt harmlos. Es werden aber Elektroden ins Hirn der Affen eingesetzt. 
Mante: Im Hirn gibt es keine Schmerzrezeptoren, also verursachen die Elektroden keine Schmerzen. Die genau gleichen Elektroden werden in Menschen für sogenannte Hirnprothesen eingesetzt, die zum Beispiel Querschnittgelähmten erlauben, mit ihren Gedanken ­einen Computer oder einen Rollstuhl zu steuern. Ähnliche Elektroden werden schon lange implantiert zur Behandlung von Schüttellähmungen bei Menschen mit Parkinson.

Beobachter: Würden Sie Freiwillige akzeptieren, die an Ihren Versuchen teilnehmen wollen?
Mante: Das wäre illegal. Mit Menschen kann man zwar klinische Studien machen, aber nur wenn man vorher Versuche mit Tieren durchgeführt hat.

«Viele Kritiker sind sich vermutlich gar nicht bewusst, wie abhängig wir von Tierversuchen für die Entwicklung von Medikamenten sind.»

Valerio Mante, Neurowissenschaftler

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Beobachter: Entwickeln Sie zu den Tieren eine persönliche Beziehung?
Mante: Durchaus. Das ist Teil unseres Ansatzes. Die Tiere müssen Verhaltensaufgaben lösen, wie sie auch in der psy­chiatrischen Forschung angewendet werden. Dafür braucht es ein sehr langes Training, bei dem eine Person mit einem Affen sehr lange zusammen­arbeitet, bis zu ein Jahr lang. Da muss man Vertrauen aufbauen. 

Beobachter: Lässt sich feststellen, ob ein Tier leidet?
Mante: Ja, absolut. Es wäre nicht möglich, ­diese Versuche durchzuführen und wissenschaftliche Resultate zu erzielen, wenn es dem Tier nicht gutginge. Unabhängige Tierärzte untersuchen zudem die Affen regelmässig.

Beobachter: Sie betreiben Grundlagenforschung. Werden Sie eines Tages einen Beitrag zur Bekämpfung von Schizophrenie oder Depressionen leisten können?
Mante: Man kann keine Medikamente oder Therapien entwickeln, wenn man die Ursachen der Symptome nicht kennt. Weshalb laufen bei diesen Krankheiten die Prozesse für Entscheidungen anders ab? Unsere Versuche liefern dazu entscheidende Erkenntnisse. Niemand kann aber im Voraus sagen, welche Erkenntnis zu einer praktischen Anwendung führt.

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Beobachter: Wie gehen Sie mit Widerstand um, was entgegnen Sie der Kritik, dass wegen dieser Versuche Tiere leiden müssen?
Mante: Ich verstehe die Sorge um die Tiere, diese Sorge habe ich mit den Kritikern gemeinsam. Ich finde aber den Widerstand schon etwas widersprüchlich, denn es gibt keine Errungenschaft in der Medizin, die nicht direkt oder indirekt mit Tierversuchen zusammenhängt – Krebsmedikamente, Rheumamedikamente, chirurgische Methoden, was auch immer. Die meisten, die gegen Tierversuche sind, würden nicht auf Medikamente verzichten, wenn es ernst wird. Von den rund 100 Medizin-Nobelpreisen sind praktisch alle für Forschung an Tieren vergeben worden, teilweise Jahrzehnte später. Viele sind sich vermutlich gar nicht bewusst, wie abhängig wir von Tierversuchen für die Entwicklung von Medikamenten sind. Das ist auch nur ein kleiner Teil bei der Beeinträchtigung des Tierwohls. Denn jede menschliche Aktivität, ob Landwirtschaft, Verkehr, Strassenbau, Wind- und Flusskraftwerke, hat erheblichen Einfluss auf das Wohl von Tieren.

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Beobachter: Wie motiviert man sich als Forscher für diese Arbeit?
Mante: Mich fasziniert: Was ist es, was uns Menschen zu dem macht, was wir sind? Was passiert, wenn der Geist oder die Persönlichkeit aufgrund einer Krankheit auseinanderbricht, wenn man nicht mehr Herr seiner Gedanken ist? Das ist einer der schlimmsten Zustände, die man sich vorstellen kann. Das zu verstehen, dazu möchte ich ­einen Beitrag leisten.

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