Der feige Anschlag schwerbewaffneter Islamisten auf die Redaktion des Satiremagazins «Charlie Hebdo» in Paris ist der vorläufige Kulminationspunkt einer höchst beunruhigenden Entwicklung. Europa driftet auf einen Kampf der Kulturen zu. Rund 20 Jahre nachdem der US-Politikwissenschaftler Samuel Huntington mit seiner These für hitzige Diskussionen sorgte, scheint das Schreckgespenst eines Kulturkampfs, der beide Seiten stets mehr radikalisiert, so nah wie selten zuvor.

Es ist das zynische Spiel der radikalen Gotteskrieger, die unsere Demokratie, unsere Freiheit und unsere Werte ablehnen. Die Saat des Terrors geht auf. Islamisten feiern auf sozialen Netzwerken ihren Erfolg und twittern: «Das Jahr beginnt ziemlich gut.» – «Wer zuletzt lacht, lacht am besten.»

Breite Teile der Bevölkerung reagieren mit Abscheu und Angst vor allem, was islamisch klingt. Wutbürgerbewegungen wie die der Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (Pegida) dürften noch mehr Zulauf erhalten. Bereits gibt es Pläne zu einem Pegida-Marsch in der Schweiz. Gefährdet ist unsere Multikultigesellschaft, der eine unüberbrückbare Spaltung droht, aber auch unser Europa der offenen Grenzen, das zunehmend unter den Druck gerät, entweder seine Freiheiten durch mehr Kontrolle und Überwachung zu begrenzen oder aber Abstriche bei der Sicherheit in Kauf nehmen zu müssen.

Tatsächlich besteht die Gefahr eines gefährlichen Hochschaukelns auf beiden Seiten. Es kann deshalb nur eine Lösung geben: Wir müssen versuchen, die Ziele der Terroristen möglichst klar abzugrenzen von den Überzeugungen der grossen Mehrheit der friedliebenden, integrierten Muslime im Westen und damit das Problem eingrenzen.

Dafür müssen wir uns ein vorurteilsloses Bild verschaffen von der Mechanik des islamistischen Terrors. Vor allem aber müssen wir die Tatsache akzeptieren, dass der Koran und dessen Interpretation durch orthodoxe Rechtsgelehrte von Extremisten gezielt missbraucht wird als totalitäre Ideologie, um die Weltherrschaft zu erringen.

Empfänglichkeit junger Muslime

Eine breite Schicht vorwiegend junger männlicher Muslime fühlt sich von der Welt verraten, an den Rand gedrängt, ohne Perspektive. Geleitet von Scharfmachern und inspiriert durch coole Videoclips im Internet, sind sie nur zu empfänglich für das Angebot des Korans, der ihr Selbstwertgefühl stärkt, weil dort steht, dass der Islam die allen anderen überlegene Religion ist.

Sie nehmen die 1400 Jahre alte Botschaft gerne auf und glauben, dass Christen und andere Gläubige noch immer bestenfalls «Schutzbefohlene» (arabisch: Dhimmis) sind. Und sie unterscheiden getreu den Worten radikaler Rechtsgelehrter zwischen dem Haus des Friedens (Dar al-Islam) und dem Haus des Krieges (Dar al-Harb). Und Kriegszone ist für diese Extremisten überall, wo die Ungläubigen sind, sprich: in unserer ganzen westlichen Welt, die daher bekämpft und zerstört werden muss.  

Der Koran und einzelne in den Hadiths (Überlieferungen) aufgezeichnete Anleitungen zur richtigen Lebensweise (Sunna) werden von den Islamisten immer wieder wörtlich angeführt. Sie gehen exakt nach deren Agenda vor, wenn sie durch den Dschihad die Weltherrschaft als totalitäres Kalifat anstreben.

Unter den insgesamt 1,5 Millionen Menschen marschierten auch hochrangige Politiker, angeführt von Frankreichs Präsident François Hollande.

Quelle: Reuters

Abgrenzung zum fundamentalistischen Islam

Es ist deshalb wenig hilfreich, wenn Politiker versuchen, die Wogen zu glätten, indem sie sagen, die Anschläge hätten «nichts mit dem Islam zu tun». Denn der Terrorismus des IS und anderer Extremisten hat natürlich mit dem Islam zu tun – genau das macht es ja so schwierig. Aber eben nur mit einem vormodernen radikalen Islam, der sich per Definition gegen jede zeitgemässe Auslegung sperrt.

Wir müssen den friedlichen säkularen Islam als individuelles Glaubensbekenntnis herausschälen und abgrenzen vom totalitären fundamentalistischen Islam der Extremisten, damit deren Wüten eben nicht auf den ganzen muslimischen Glauben zurückfällt.

Der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sisi hat dies erkannt. Nur drei Tage vor dem Anschlag von Paris prangerte er in einer bemerkenswert mutigen Rede den moralischen Niedergang des Islams an. Vor 600 Medienvertretern und Politikern in Abu Dhabi warf er der Terrormiliz IS vor, sie pervertiere die ganze Weltreligion und nehme 1,6 Milliarden Muslime gleichsam in Geiselhaft. Folge: «Das Werk der islamischen Texte und Ideen, die wir über Jahrhunderte als heilig erklärt haben, erzürnt die ganze Welt.»

Al-Sisi, selber ein säkularer Muslim, forderte die Imame eindringlich auf zu einer Reform des Islams und einer Loslösung von einem zu engen Denkschema: «Wir brauchen eine religiöse Revolution. Und die Imame sind dafür verantwortlich. Die ganze Welt wartet auf ihren nächsten Schritt.»

Die Botschaft für den Westen heisst: Der Koran in seiner wörtlichen Bedeutung darf hinterfragt, er muss erklärt und reformiert werden. Das ist nicht antimuslimisch. Natürlich ist es dabei nicht an uns Nichtmuslimen, die heilige Schrift des Islams für die Neuzeit auszulegen oder der muslimischen Gemeinde vorzuschreiben, wie sie das zu tun hat.

Aber genau hier muss der Keil gesetzt werden, damit sich nicht jeder säkular denkende Muslim mit am Pranger sehen muss, wenn Terroristen im Namen seiner Religion Krieg gegen den verhassten Westen führen. Wir müssen möglichst präzise darlegen, wie und warum es den Islamisten gelingt, ihre Interpretation des Islams als Ideologie für ihre Weltherrschaftsansprüche einzusetzen.

Den Dialog suchen

Das erreichen wir jedoch nicht, solange jede Kritik am Koran reflexmässig als unnötige Provokation verurteilt und mit grundlegender Kritik am muslimischen Glauben gleichgesetzt wird. Wir müssen vielmehr mit unseren muslimischen Mitbürgern darüber reden, was uns im Westen am Islam Angst macht. Und wir müssen uns mit ihnen darauf einigen, wie wir Vertrauen schaffen.

Es hilft viel, wenn sich hier lebende Muslime klar und deutlich von den Terroristen abgrenzen – wie dies jetzt geschehen ist. Aber noch wichtiger wird es sein, von den hier verankerten muslimischen Glaubensgemeinschaften zu hören, wie sie zu unseren demokratisch festgelegten Werten stehen. Was geben sie jungen Muslimen mit als Antwort auf kritische Koranstellen, die von den Islamisten missbraucht werden? Wie stehen sie zu den Menschenrechten, die sämtliche islamische Staaten nur unter dem Vorbehalt der Scharia unterzeichnet haben? Wie können auch die muslimischen Gemeinden helfen zu verhindern, dass Extremisten jugendliche Muslime durch passgenaue Botschaften aus dem Koran und der Scharia für ihre Ziele indoktrinieren können?

Mit Plakaten wie «Je suis Charlie» gaben die Demonstranten ihre Solidarität mit den Opfern des Satiremagazins «Charlie Hebdo» kund.

Quelle: Reuters

Menschenrechte sollen nicht verhandelbar sein

In den säkularisierten Ländern darf es keinerlei Vorbehalte gegenüber Menschenrechten aus religiösen Gründen geben. Die «unantastbare Würde des Menschen», aber auch Grundsätze wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau sind nicht verhandelbar. Wenn einige Muslime in Europa im Namen des Islams Ausnahmen aufgrund ihrer religiösen Vorschriften verlangen, die etwa der Gleichberechtigung widersprechen, verunsichert uns das. Das schürt die Angst vor einer Islamisierung, vor dem Verrat unserer eigenen, identitätsstiftenden Werte.

Es ist deshalb wichtig, dass der Westen klare Botschaften aussendet. Wer hier lebt, soll seinen Glauben leben dürfen, aber es gelten für alle zuerst, gleichermassen und ohne Ausnahme die aus der Verfassung abgeleiteten Rechte und Pflichten und damit auch die Meinungsfreiheit und die Gleichberechtigung von Mann und Frau.  

Leider hat der Westen diesbezüglich einige Fehler gemacht und dem Fundamentalismus dadurch Türen geöffnet. Aufgrund falsch verstandener Political Correctness im Namen der Religionsfreiheit hat er zu lange Zeit zu viele Zugeständnisse gemacht. Noch vor anderthalb Jahren entschied etwa das Bundesgericht im Fall von zwei Mädchen aus dem Thurgau, dass sie – wie von ihren Eltern aus religiösen Gründen gewünscht – mit Kopftuch zur Schule gehen dürften. Dies, obwohl das Kopftuch für Frauen nicht mal im Koran explizit gefordert wird.

Keine Parallelgesellschaften entstehen lassen

Eine solche allzu tolerante Integrationspolitik fördert den radikalen Islam und dessen Ziele und begünstigt das Entstehen von Parallelgesellschaften. Denn damit senden wir ein Zeichen von Schwäche aus, als ob man den eigenen Werten zu wenig trauen würde.

Dabei gibt es keinen grösseren Drang als den nach Selbstbestimmung und Freiheit. Wir müssen deshalb alles tun, um die seit der Aufklärung erkämpften Werte hochzuhalten. Unsere Gesellschaften setzen in Übereinstimmung mit der christlichen Religion auf die Eigenverantwortung jedes Menschen. Das ist ein fundamentaler Unterschied zum radikalen Islam, der dem Individuum eben grade jede Eigenverantwortung abspricht und wörtlichen Gehorsam fordert. Diese problematische Seite des Islams muss thematisiert werden. Denn sie ist das Fundament der Ideologen und Terroristen.

Wer diese Gefahr totschweigt oder als Glaubenssache schönredet, macht sich mitschuldig, wenn die Radikalisierung junger Muslime in Europa zunimmt. Wir alle helfen dem fortschrittlichen Islam und dem solidarischen Zusammenleben umso mehr, je klarer wir die Grenze ziehen zwischen den Muslimen, die die Menschenrechte und unsere Verfassung als höchste Richtschnur akzeptieren, und den fundamentalistischen Kreisen, die religiöse Sonderrechte fordern.

Wir müssen es den Islamisten möglichst schwer machen, sich hinter der Religionsfreiheit verstecken zu können.