«Ein Spaziergänger findet ein Rehkitz mit zerschossenen Vorderläufen.» Oder: «Der Jäger war nicht mehr in der Lage, den verletzten Gämsen einen zeitgerechten Fangschuss zu geben. Der Jäger hatte keine Munition mehr!» Diese und Dutzende weitere unrühmliche Jagdzwischenfälle sind in einem Dokument verzeichnet, das offiziell einen sperrigen Titel trägt: «Internes Papier des Wildhüterverbandes über negative Vorkommnisse auf der Jagd 2003 - 2005». Inoffiziell wird es schlicht «schwarze Liste» genannt. Und diese sorgt unter Jägern im Kanton Bern seit Monaten für erhöhten Blutdruck. Kein Wunder: Das Papier ist alles andere als ein Ruhmesblatt für die Weidmänner.

Die Liste war im Jahr 2003 von der damaligen Berner Volkswirtschaftsdirektorin Elisabeth Zölch in Auftrag gegeben worden - als flankierende Massnahme zum neuen Jagdgesetz, das stark auf die Eigenverantwortung der Jäger setzte und weniger Kontrollen vorsah. So wurde etwa die Vorschrift, bei der Jagd mindestens 100 Meter Abstand zu bewohnten Gebäuden zu halten, abgeschafft. Auch das obligatorische Vorführen der erlegten Tiere beim Wildhüter, die Wildkontrolle, wurde aus dem Gesetz gestrichen.

22 Gämsen, 370 Rehe, 228 Füchse
Was die Berner Wildhüter in der Folge festgestellt haben oder was ihnen - in rund 80 Prozent der Fälle - zugetragen wurde, legt den Schluss nahe, dass die grosse Freiheit in Wald und Wiese nicht jedes Weidmanns Sache ist. Der kantonale Jagdinspektor Peter Juesy sagt es vorsichtig so: «Die Deregulierung schlug sich in gewissen Bereichen negativ nieder.»

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Zwischen September 2003 und November 2004, also in den ersten beiden Saisons, in denen das neue Gesetz galt, verendeten nach Zählung der Wildhüter 22 Gämsen, 370 Rehe und 228 Füchse qualvoll, weil sie nicht richtig getroffen worden waren. Peter Zenklusen, Präsident des Berner Jägerverbands, räumt unumwunden ein, «dass es immer wieder Fälle gibt, in denen man die Tiere nicht findet - nicht nur im Kanton Bern». Fehlschüsse müssten zwingend dem Wildhüter gemeldet werden. In den von diesen zusammengetragenen Fällen war das jedoch kaum einmal der Fall.

«Oberstes Ziel eines Jägers muss es sein, dem Tier Leiden zu ersparen», sagt Jagdverbandspräsident Zenklusen. «99 Prozent der Jäger halten sich an diesen weidmännischen Grundsatz.» Es ist das übrige Prozent, das Sorgen macht, und zwar nicht nur den sorgfältigen Weidmännern, sondern auch unbeteiligten Drittpersonen, wie ein weiterer Eintrag in der Liste zeigt: «Zwei Jäger schiessen über den Schulweg auf äsende Rehe am Hang. Anschliessend werden zwei Rehe den Hang hinunter bis zum Auto geschleift - notabene vor den Augen der Schulkinder.»

Nicht zum Ruhm gereicht der Jägerschaft auch dieser Vorfall: «Jagdhunde reissen ein angeschossenes Reh vor anwesenden Kindern im Siedlungsraum. Trotz dem lauten Klagen des Rehbocks lassen sich die Jäger viel Zeit mit dem tödlichen Fangschuss. Äusserungen des Jägers gegenüber der opponierenden Mutter: ‹Nur keine Panik, gute Frau. Irgendwann müssen unsere Hunde das Abwürgen auch lernen.›»

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Das Gesetz wird wieder strenger
Dass die Liste den Weg an die Öffentlichkeit fand, freut den Jagdverbandspräsidenten gar nicht. Überhaupt, so Zenklusen, habe es für die Zusammenstellung seines Wissens nie einen offiziellen, sondern bestenfalls einen informellen Auftrag gegeben. Dass der Wildhüterverband die Liste überhaupt anlegte, wertet er als «totalen Vertrauensbruch gegenüber uns Jägern».

Für andere wie etwa die Thuner FDP-Grossrätin Marianne Staub war das Dokument «die Bestätigung für die zwingende Notwendigkeit von Nachbesserungen in einem mangelhaften Jagdgesetz». Staub, ehemalige Präsidentin des Schweizer Tierschutzes, sagt, sie sei «nicht gegen die Jagd an sich, aber dagegen, dass Tiere unnötig leiden müssen». Aufgrund der in der Liste der Wildhüter geschilderten Vorkommnisse intervenierte sie deshalb gemeinsam mit Ratskollege Carlo Kilchherr (SVP) bei der Berner Kantonsregierung, worauf diese flugs die Verordnung zum Jagdgesetz verschärfte - sehr zum Leidwesen der Weidmänner.

So muss auf der Jagd jetzt unter anderem wieder ein Mindestabstand von 100 Metern zu ständig bewohnten Gebäuden gehalten werden. Auch darf nur noch bei «genügender Sicht eine Stunde vor Sonnenaufgang bis eine Stunde nach Sonnenuntergang» geschossen werden. Mit dieser Regelung hofft man, die Anzahl der Fehlschüsse zu verhindern.

Für die Berner Jäger ist damit das Mass an Einschränkungen voll. Die Wiedereinführung der vor fünf Jahren abgeschafften Wildkontrolle, wie sie Staub und Kilchherr per Motion im Grossen Rat anregten, lehnen die Grünröcke strikte ab.

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Kontrolle andernorts selbstverständlich

Dass jedes erlegte Tier dem Wildhüter vorgeführt werden muss, ist in anderen sogenannten Patentjagd-Kantonen wie Graubünden und Wallis Standard - von den Jägern akzeptiert und für Wildhüter und -biologen ein unerlässliches Instrument für die Festlegung der Abschussquoten. Im Kanton Bern hingegen müssen die Jäger ihre Abschüsse bloss in ein Heft eintragen. Das reiche völlig, meint Zenklusen: «Wenn der Wildhüter während der Jagdzeit im Feld ist, wie er es sein sollte, so weiss er auch, was die Jäger machen.»