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Jean-François Bergier: Stellungnahme zur Kritik am Flüchtlingsbericht

Der Flüchtlingsbericht der Bergier-Kommission stösst erneut auf Kritik. Grund: Die Zahl der abgewiesenen Flüchtlinge sei «aufgebläht». Jean-François Bergier, der Präsident der Kommission, kontert, dass «Statistiken nicht alles bedeuten».

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Jean-François Bergier, Professor für Geschichte an der ETH Zürich, ist Präsident der unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg (UEK). Die UEK hat bisher zwei Zwischenberichte publiziert: zu den Goldtransaktionen (1998) und zur Flüchtlingspolitik der Schweiz im Krieg (1999).

Beobachter: Sie haben mit dem Flüchtlingsbericht ein grosses Echo ausgelöst. Sind Sie zufrieden?

Jean-François Bergier: Das grosse Echo hat mich am meisten gefreut. Denn wir wünschen, dass unsere Forschungsarbeiten zu einer Wahrnehmung der Probleme und zu einer fairen und sachlichen Debatte führen. Dafür sind wir offen, auch wenn es unvermeidlich ist, dass emotionale und politische Elemente die Debatte beeinflussen. Natürlich kann man auch gewisse Kritikpunkte und Mängel finden, das ist normal. Aber ich glaube, dass wir etwas Konstruktives, Nützliches geleistet haben, das der Klärung dient.

Beobachter: Sie schreiben, dass die Schweiz im Zweiten Weltkrieg über 25000 Flüchtlinge abgewiesen habe. Rechnet man die Zahlen des Genfer Santschi-Berichts hoch, kommt man auf maximal 3500 zurückgewiesene Personen. Ist Ihre Zahl acht Mal zu hoch?

Bergier: Nein, sicher nicht. Zum einen sind Zahlen in der Forschung nicht das A und O. Man hat es insbesondere hier nicht mit Waren, sondern mit Menschen zu tun. Wichtiger als Zahlen sind die Ereignisse, der historische Kontext. Natürlich braucht es Grössenordnungen, um sich ein Bild von der Dimension des Problems zu machen. Deshalb haben wir gute Zahlen des Bundesarchivs übernommen. Zum andern ist es unmöglich, genaue Zahlen zu finden, weil die Akten nicht mehr vorhanden sind. Die 25000 dokumentierten Abweisungen sind in der Grössenordnung sicher richtig. Was unrichtig ist, ist die Hochrechnung der Zahlen des Santschi-Berichts. Sie beziehen sich nicht auf den ganzen Krieg und tragen Ereignissen wie etwa jenen im September 1943 an der italienischen Grenze, als eine grosse Welle von Flüchtlingen kam und viele Abweisungen erfolgten, keine Rechnung. Eine Reduktion auf 3500 Personen ist unrealistisch.

Beobachter: In Ihrem Bericht setzen Sie «Wegweisungen» mit «Weggewiesenen» gleich. So kommen Sie auf eine überhöhte Zahl, weil dieselben Personen ja oft mehrfach abgewiesen wurden.

Bergier: Nein, wir sind klar genug gewesen. Es könnten sowohl mehr als auch weniger als 25000 sein: mehr, indem nicht alle abgewiesenen Flüchtlinge registriert wurden, obwohl dies vorgeschrieben war; weniger, weil eine gewisse Zahl von Flüchtlingen es zwei, drei oder mehrere Mal versucht hat.

Beobachter: Ihre Kommission schildert eine Reihe von bewegenden Flüchtlingsschicksalen: Personen, die oft mehrmals zurückgeschickt wurden. Sie ziehen daraus aber keine Schlüsse für die Statistik.

Bergier: Wir haben bewusst diese zwei Ebenen gewählt: die Politik der Behörden und die Fallbeispiele von der Grenze. Wenn man die Geschichte nur von oben betrachtet, bleibt sie eine kalte, unmenschliche Angelegenheit. Wir wollten aber zeigen, dass es ein Zusammenspiel der beiden Ebenen gibt: Jede Entscheidung von Behörden in einem Büro in Bern, Genf oder St. Gallen hat Konsequenzen für Menschen, für das Gewissen von Leuten und auch für die Bevölkerung. Diese Vernetzung von verschiedenen Blickwinkeln war uns wichtiger als der statistische Zugang.

Beobachter: Einverstanden. Aber die Zahlen sollten stimmen…

Bergier: Sie stimmen so weit wie möglich. Ich muss die etwas peinliche Angelegenheit mit den Leuten des Staatsarchivs Genf erwähnen: Sie sassen auf ihrem Fundus und stellten uns trotz allen Versprechen das Material nicht rechtzeitig zur Verfügung. Die Zusammenarbeit, mit der wir gerechnet hatten, klappte aus mehreren Gründen nicht. Sie hätte wahrscheinlich dazu geführt, dass wir etwas mehr Aufmerksamkeit auf eine mögliche Diskrepanz gelegt hätten. Aber ich glaube nicht, dass sich unser Bericht grundsätzlich geändert hätte.

Beobachter: Der Lausanner Ökonom Christian Lambelet hat aufgrund Ihrer Zahlen errech-net, dass die Chance, in die Schweiz eingelassen zu werden, pro Flüchtling bei 86 Prozent lag. Wie sehen Sie das?

Bergier: Abgesehen davon, dass auf diesem Gebiet eine abstrakte Berechnung der Aufnahmechance menschlich problematisch ist, bin ich nicht überzeugt, dass man mit Zahlen, die nur approximativ sind, überhaupt eine solche Statistik erstellen kann. Recht hat Lambelet bei der Diskrepanz zwischen dem, was die Behörden angeordnet haben, und dem, was an der Grenze tatsächlich passiert ist. Das haben wir auch festgestellt. Die Lage war so prekär, dass viele Unterstellte die teils unpräzisen, teils widersprüchlichen Anordnungen nach eigenem Gewissen interpretierten. Teilweise hat er auch Recht, wenn er – mit uns – vermutet, dass die harten Befehle vor allem eine Propagandawirkung hatten, um Abschreckung zu erzeugen.

Beobachter: Der Santschi-Bericht belegt, dass 14 Prozent aller Flüchtlinge zurückgewiesen wurden, von den jüdischen Flüchtlingen jedoch 8 Prozent. Wie können Sie da von einem generellen Antisemitismus der Behörden sprechen?

Bergier: Ich will nicht auf Prozentzahlen eintreten, da Statistiken nicht alles bedeuten. Anderseits haben nicht alle Unterstellten den Antisemitismus der Behörden übernommen. Wenn sie an der Grenze mit konkreten menschlichen Fällen konfrontiert waren, haben viele anders gehandelt als die Leute in Bern. Doch der so genannte Antisemitismus, den wir in amtlichen Dokumenten gefunden haben, war auch für mich ein Schock.

Beobachter: Lambelet stellt in seinen Berechnungen fest, dass die Aufnahmewahrscheinlichkeit für jüdische Flüchtlinge etwa gleich hoch war wie für nichtjüdische Schutzsuchende.

Bergier: Ich meine, es ist eine Frage der Perspektive. Wir wissen, dass etwa in Genf relativ viele unechte Flüchtlinge abgewiesen wurden, zum Beispiel Leute, die vom besetzten Norden Frankreichs über die Schweiz in den Süden reisten, und Grenzgänger, die sich dem obligatorischen Arbeitsdienst entziehen wollten. Sie waren nicht an Leib und Leben bedroht.

Beobachter: In Ihrem Bericht suggerieren Sie, die Grenze sei ab August 1942, als die Nazi-Vernichtung in vollem Gange war, hermetisch abgeschlossen worden. Tatsächlich aber liess die Schweiz von August bis Dezember 1942 zehn Mal mehr Flüchtlinge ins Land als in den drei Kriegsjahren zuvor. Hat sich also das Land nicht am stärksten geöffnet, als es wirklich nötig war und viele Flüchtlinge an die Grenze drängten?

Bergier: Das ist wieder ein Spiel mit der Statistik und eine Vermischung dessen, was die Behörden verordneten und wie die Leute an der Grenze handelten. Diese Zahlen stimmen, das verhehlen wir auch in unserem Bericht nicht. Die Grenzschliessung vom 13. August wurde nach einigen Tagen wieder gelockert, dann wieder verschärft und wieder gelockert. Das bewirkte, dass die Grenze ziemlich porös blieb.

Beobachter: Zu einem anderen Thema. Die Bergier-Kommission behauptet, der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) habe sich «nie für die Sperrung der Einreise» ausgesprochen. Das ist so nicht richtig, wie wir im Beobachter aufgezeigt haben.

Bergier: Darauf will ich nicht eintreten, da ich persönlich den Sachverhalt zu wenig kenne.

Beobachter: Auch die Behauptung, das jüdische Flüchtlingswerk habe alle Juden, die 1938 aus Österreich flohen, aufnehmen wollen, widerspricht den Akten.

Bergier: Ich habe darauf keine Antwort ausser die: Es war für die jüdische Gemeinschaft äusserst schwierig, da sie einerseits grosse Sympathie für ihre Brüder im Ausland hatte, aber anderseits Angst um sich selbst. Die Schweizer Juden waren im Dilemma.

Beobachter: Sicher. Aber hätte Ihre Kommission nicht ein differenzierteres Bild gezeichnet, wenn sie erwähnt hätte, dass führende Schweizer Juden von 1938 bis 1942 – aus Not – eng mit Rothmund und den Behörden zusammengearbeitet haben?

Bergier: Das mag sein. Aber wir haben mindestens eine Debatte über dieses Thema ausgelöst. Und das ist doch gut. Wir erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, schon gar nicht auf eine absolute Wahrheit. Wir sind froh, wenn aufgrund unserer möglichen Mängel und Fehler etwas geklärt und weitererforscht wird.

Beobachter: Zu reden gab vor allem der Satz im Schlusskapitel des Flüchtlingsberichts, die Schweizer Behörden hätten – bewusst oder unbewusst – dazu beigetragen, «dass das Nazi-Regime seine Ziele erreichen konnte».

Bergier: Ich kenne den Satz in- und auswendig. Er gab schon im Vorfeld des Berichts zu reden, und ich kann Ihnen verraten, dass er in der Kommission zu grossen Diskussionen geführt hat. Er wurde mehrmals verändert und steht jetzt in einer verwässerten Fassung drin. Persönlich war ich nicht sehr glücklich darüber, weil ich befürchtete, dass er gerade solche Missverständnisse auslöst. Es fehlt vielleicht ein Zusatz, dass die Schweizer Behörden bei ihrem Handeln von einer anderen Logik ausgingen als die Nazis. Aber so, wie der Satz dasteht, ist er korrekt.

Beobachter: Immerhin enthält er den Verdacht, ein Teil der Schweizer Behörden sei willentlich und wissentlich Erfüllungsgehilfe der Nationalsozialisten gewesen.

Bergier: Wir haben das nicht gesagt. Wir sagen nur, sie wussten, was im Osten passiert. Aber das punktuelle Wissen hat wohl dazu geführt, dass man in Bern das Unvorstellbare nicht kapiert hat. Die riesigen Massaker etwa hat man erst richtig realisiert, als man am Ende des Kriegs die Bilder gesehen hat. Wahrscheinlich haben Rothmund, von Steiger und die Behörden keine unmittelbare Verbindung zwischen ihrem Handeln und jenen Ereignissen gesehen.

Beobachter: Sehen Sie bezüglich des Schlussberichts einen Korrekturbedarf?

Bergier: Ja, wir werden in der Synthese einige dieser Fragen aufgreifen und korrigieren oder mindestens bilanzieren. Die Form ist allerdings noch offen.

Veröffentlicht am 02. November 2000