7_00_dg_augenzeuge.jpgHeute ist die Piste nicht gut. In der Nacht hat es geregnet, und jetzt ist der Schnee matschig. Da macht das Snowboarden keinen Spass. Ich bin am Morgen dreimal hinuntergefahren, aber ich habe keine einzige Kurve zustande gebracht. Wenn der Schnee so schwer ist, kann man das Brett kaum drehen.

Ich fahre jeden Morgen einmal hinauf und hinunter und kontrolliere die Piste, bevor die ersten Leute kommen. Dann fahre ich meistens erst am Abend wieder, wenn alle andern wieder nach Hause gegangen sind. Zwei, drei Abfahrten einfach so zum Vergnügen.

Im vergangenen September bin ich 80 geworden. Mit Snowboarden habe ich vor fünf Jahren angefangen. Ich ging ins Sportgeschäft und lieh mir ein Brett aus. Die richtige Technik habe ich den Snowboardlehrern abgeschaut, die mit ihren Klassen an meinem Lift fahren. Ich startete ganz unten, wo das Gelände praktisch flach ist. Wenn man dort einmal ein paar Kurven fahren und auch ein wenig springen kann, darf man sich an den Lift wagen. Das sage ich den Anfängern auch immer: «Ubt zuerst im Flachen!» Und vor allem: «Fahrt nicht zu wild!» Wer zu schnell fährt, lernt nichts. Nur wer langsam fährt, kann das Brett auch wirklich kontrollieren.

«Die Skier stellte ich in die Ecke» Am Anfang hatte ich immer zwei Skistöcke dabei. So konnte ich nach Stürzen besser aufstehen. Eine Snowboardlehrerin meinte schliesslich, ich stehe sicher genug auf dem Brett und nahm mir die Stöcke einfach weg. Darauf schaffte ich es tatsächlich ohne Sturz bis ganz unten. Von da an stellte ich die Stöcke in die Ecke. Und die Skier dazu. Jetzt fahre ich nur noch Snowboard. Wenn ich ständig zwischen Skifahren und Boarden wechseln wollte, würde ich am Schluss weder das eine noch das andere richtig beherrschen.

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Ich wusste schon früh, dass das Land neben unserem Bauernhof für einen Skilift ideal ist: Es ist leicht geneigt und liegt auf der Schattseite, aber trotzdem scheint auch im Winter die Sonne jeden Tag für einige Stunden. Vor 35 Jahren stellte ich einen kleinen Babylift auf. 1986 konnte ich dann den Bügellift in Betrieb nehmen.

Rennen wie ein armer Hund Aber ich hatte ja vielleicht «Musig und Tänz», bis dieser Lift stand! Erst wollten wir zu dritt einen viel längeren Lift aufstellen, aber gegen dieses Projekt gab es acht Einsprachen. Schliesslich machte uns der Kanton Auflagen, die wir nicht erfüllen konnten. Meine beiden Kompagnons stiegen daraufhin aus und so beschloss ich, allein einen kurzen Lift aufzustellen.

Auf der Suche nach einem geeigneten Lift reiste ich in der halben Schweiz herum. Die Talstation mit dem Antrieb konnte ich schliesslich als Occasion vom Skigebiet Flumserberge übernehmen, die Masten musste ich neu kaufen. Ich machte den ganzen Aushub für die Masten ohne Bagger das ist alles Handarbeit!

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Den kleinen Lift habe ich inzwischen einem meiner Söhne übergeben, der auch den Hof bewirtschaftet. Den Bügellift betreibe ich immer noch selber. Im letzten Herbst habe ich alle Bügel allein heruntergenommen, geputzt, kontrolliert und wieder montiert. Mein Sohn hilft mir schon, wenn ich ihn brauche. Wir führen aber getrennte Kassen: Was er einnimmt, kann er behalten; was in meiner Kasse landet, das gehört mir.

So haben wir eine saubere Abmachung. In schlechten Wintern komme ich finanziell kaum aus dem Schneider, aber die letzten zwei Saisons waren wieder gut. Neben dem Lift führen wir auch eine kleine Gaststube für Skifahrer und Snowboarder. Dort servieren wir Suppe und heisse Würste.

An den Wochenenden hilft manchmal ein Bursche aus dem Dorf am Skilift aus, sonst aber mache ich alles allein: Ich bediene die Kasse und helfe den Leuten beim Anbügeln. Wenn an einem schönen Tag richtig viel Betrieb ist, dann renne ich manchmal hin und her wie ein armer Hund.

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Kürzlich musste ich bei der Bergstation eine Videokamera installieren lassen, das ist so Vorschrift. Jetzt sehe ich auf einem Bildschirm an der Kasse, was oben alles passiert. Wenn jemand beim Abbügeln Probleme hat, kann ich sofort den Lift abstellen. Und ich kann mir die Burschen vorknöpfen, die am Lift Kapriolen machen. Wenn da einer etwas abstreiten will, dann spiele ich ihm einfach die Videoaufnahme vor.

Keine Kurve mehr hingekriegt

An einem Skilift braucht es nun mal etwas Ordnung. Vor zehn Jahren war das noch einfacher. Da waren die Skifahrer unter sich. Vor etwa sieben oder acht Jahren tauchten hier die ersten Snowboarder auf. Das gab manchmal ziemlich Probleme, weil die Leute auf den schwerfälligen Brettern kaum eine Kurve zustande brachten und immer auf der Piste lagen. Die Skifahrer mussten dann schauen, wie sie um die Snowboarder herumkurven konnten.

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Ich habe deshalb die Pisten getrennt: Die rechte Abfahrt ist für die Skifahrer, die linke für die Snowboarder. Die Leute halten sich aber leider kaum daran. Die meisten fahren da, wo es ihnen gerade passt.

Ich habe eine einfache Ausrüstung modische Jacken oder Hosen besitze ich nicht. Aber ein gutes Board braucht man: Es sollte hinten und vorn gebogen sein, damit man auch rückwärts fahren kann. Und breit muss es sein, dann kann man besser drehen.

Schuhe brauche ich die gleichen wie früher zum Skifahren. Aber ich habe mir richtige Snowboard-Handschuhe mit integrierter Verstärkung gekauft. Das ist wichtig: Wenn man stürzt, dann versucht man sich meistens mit den Händen abzustützen. Wer gewöhnliche Handschuhe trägt, kann sich bös verletzen.

Ich bin erst einmal richtig schlimm gestürzt, aber das ist schon ein paar Jahre her: Die Piste war vereist, und plötzlich kriegte ich keine Kurve mehr hin. Da fuhr ich quer über das Skilifttrassee und fiel ziemlich unsanft. Wenn da noch andere Leute auf der Piste gewesen wären, hätte die Sache wohl kein gutes Ende genommen.

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Weshalb ich mit 80 Jahren immer noch fit genug bin zum Snowboarden? Eigentlich weiss ich das selber nicht so genau. Ich habe halt in meinem Leben nie geraucht und war viel an der frischen Luft. Das wird wohl etwas ausmachen.

Vielen Alten fehlt der Mut

Ich finde es schade, dass nicht mehr ältere Skifahrerinnen und Skifahrer den Mut haben, auch mal auf ein Snowboard zu stehen. Immerhin sieht man jetzt immer mehr Leute um die 40 oder 50, die auf dem Brett unterwegs sind. Das freut mich. Aber die Alten können das auch ich bin ja der lebende Beweis. Ich werde auf dem Brett stehen, solange es noch irgendwie geht.

Früher habe ich auch Skiunterricht erteilt, aber Snowboardstunden gebe ich keine. Klar, wenn mich jemand etwas fragt, dann zeige ich schon, wie man es richtig macht. Aber den ganzen Tag ständig nur rauf- und runterfahren, das ist nichts für mich. Das ist schade um die Zeit, die man damit vertut.

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Ich erkläre den Leuten jedoch, wie man mit dem Brett hinauffährt. Schliesslich will ich nicht dauernd den Lift abstellen, bloss weil einer hinfällt. Liftfahren ist eigentlich ganz simpel: Man muss einen Schuh aus der Bindung lösen, aufrecht hinstehen und ganz entspannt bleiben. So kommt man am besten hinauf. Ich selber fahre immer mit geschlossener Bindung auf dem Lift. Für mich geht das am besten.

Viele Leute wollen aber gar nichts von mir lernen, sondern nur sehen, wie ich in meinem Alter noch snowboarde. Die hoffen dann, dass ich ein paar Kurven fahre. Aber das tue ich nicht. Einfach so zur Volksbelustigung mag ich nämlich keine Vorstellungen geben.

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