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Kambodscha«Wir arbeiten im Geiste Beat Richners weiter»

Beat Richner lebt nicht mehr. Wer führt jetzt seine Spitäler, wer sammelt Spenden? Denis Laurent, der die Spitäler vor Ort führt, sagt, wie es weiter geht.

17 Millionen Kinder wurden bis jetzt in seinen Spitälern gratis behandelt: Beat Richner.
von aktualisiert am 10. September 2018

Der Zürcher Beat Richner kam Anfang der siebziger Jahre als junger Kinderarzt nach Kambodscha. Als die Roten Khmer die Macht ergriffen, musste er aus dem Land. Nach dem Zusammenbruch des Terrorregimes kam er auf Bitte der Regierung 1991 zurück. Er blieb und baute die fünf Kantha-Bopha-Kinderspitäler mit 2300 Betten und 2400 einheimischen Mitarbeitenden auf.

17 Millionen Kinder wurden in seinen Spitälern seither behandelt, allein im vergangenen Jahr waren es 200'000 stationäre und mehr als eine Million ambulante Patienten.

Die zentrale Figur

Die Existenz des Hilfswerks hing immer stark von der Person Beat Richners ab. Als «Beatocello» gab er in der Schweiz Konzerte und sammelte unermüdlich Spenden. Die offizielle Schweiz wollte ihm während Jahren keine Gelder aus dem Entwicklungshilfetopf geben.

Letztes Jahr erkrankte der 71- Jährige an einer unheilbaren, schnell fortschreitenden neurodegenerativen Krankheit. Die Befürchtungen waren gross, dass sein Lebenswerk bedroht sein könnte. Nun ist Beat Richner gestorben.

Beobachter: Wie geht es ohne Beat Richner weiter?
Denis Laurent: Ich bin seit 24 Jahren hier und habe mit Beat Richner zusammengearbeitet. Ich bin nicht hier, um ihn zu ersetzen – aber ich arbeite in seinem Geist weiter. Auch wenn wir nicht in allem genau gleich funktionieren.

Beobachter: Hat Beat Richner den Tag der Übergabe vorbereitet?
Laurent: Seine Krankheit kam extrem schnell. Auf diese konkrete Situation waren wir nicht vorbereitet. Aber Beat Richner hat immer darauf hingearbeitet, dass die lokalen Ärzte und das lokale medizinische Personal die Spitäler auch ohne ihn am Laufen halten können. Jetzt gab es keine schrittweise Ablösung, sondern einen klaren Schnitt. Um ganz ehrlich zu sein: Ich glaube, dass das für die Spitäler kein Nachteil ist. Wir alle wissen genau, was wir zu tun haben.

Beobachter: Was ist heute anders?
Laurent: Früher hat Beat Richner sämtliche Entscheide getroffen. Natürlich immer in Absprache mit uns. Aber er hatte das letzte Wort. Heute treffen auch die kambodschanischen Chefärzte Entscheidungen, je nachdem in Absprache mit mir und mit der Stiftung.

Beobachter: Was ist gleich geblieben?
Laurent: Wir möchten die bestmögliche Versorgung für jedes Kind. Ohne Wenn und Aber. Wir diskriminieren niemanden, bevorteilen niemanden, weil er reich ist, und wir weisen niemanden ab. Wir möchten uns weiterentwickeln, mit der Zeit gehen, uns technisch verbessern und dort, wo es notwendig ist, wachsen. Beat Richner war seiner Zeit oft voraus, manchmal auf eine fast visionäre Art. Im Moment agieren wir sehr aus den momentanen Bedürfnissen heraus. Das ist sicher gut, aber wir dürften noch visionärer werden.

Beobachter: Vor dem Spital hängt noch immer ein Plakat, das Konzerte von Beatocello ankündigt. Fehlt diese Einnahmequelle?
Laurent: Ja. Beat Richner musste jeden Tag 120'000 Franken beschaffen. Er hat sich immer daran gestört, dass das Retten von Kinderleben sozusagen seine Privatangelegenheit war. Er sagte der kambodschanischen Regierung auch wiederholt, dass er nicht ewig werde Cello spielen können. Nun ist dieser Tag schneller gekommen, als er ahnen konnte. Zum Glück erhalten wir mehr und mehr Unterstützung von staatlicher Seite und auch von kambodschanischen Privatpersonen.

Beobachter: Inzwischen gehen auch zwei Dollar von jedem Ticket, das für die Besichtigung der Tempel von Angkor Wat verkauft wird, an Kantha Bopha.
Laurent: Das ist eine substanzielle Summe – etwa fünf bis sechs Millionen pro Jahr. Zusammen mit den staatlichen Geldern, einer Million von der kambodschanischen Regierung und privaten Spendern im Land macht das rund einen Drittel unseres Jahresbudgets. Die restlichen rund 25 Millionen müssen wir auftreiben.

 

«Bei uns werden alle gleich behandelt. Sogar der Premierminister hat seinen Enkel zu uns bringen lassen.»


Denis Laurent, 54, arbeitet seit 24 Jahren für Beat Richner und managt heute dessen fünf Kantha-Bopha-Spitäler.

 

Beobachter: Sie leben also nach wie vor von der Hand in den Mund.
Laurent: Wir sind permanent auf Geldsuche. Aber es geht uns besser als früher, nicht zuletzt dank der staatlichen Hilfe. Als ich hier anfing, sagte Beat Richner: «Du kannst hier arbeiten. Aber was in ein oder zwei Jahren ist, weiss niemand.»

Beobachter: Und heute?
Laurent: Ich schätze, dass unsere Existenz für die nächsten 20 Jahre einigermassen sicher ist. Wir sind froh, dass die Regierung realisiert hat, dass Kantha Bopha «too good to fail» ist.

Beobachter: Bleiben alle Behandlungen gratis?
Laurent: Ja, und zwar für alle. Wir bitten jeweils um einen einzigen Beitrag: Wenn ein Kind eine Bluttransfusion erhält, ersuchen wir die Familie um eine Blutspende. Praktisch immer erklärt sich der Vater bereit.

Beobachter: Ist Kantha Bopha das Spital für die Armen geblieben?
Laurent: Wir waren immer das Spital für alle, aber früher gab es praktisch nur Arme – das ist ein Segen und ein Fluch. Natürlich sind wir extrem froh, dass man uns dermassen vertraut. Sogar der Premierminister hat seinen Enkel zu uns bringen lassen. Es gab eine Zeit, da gab es in Kambodscha kaum andere Kinderspitäler. Heute gibt es welche, und die Strassen sind besser geworden, so dass man sie auch erreichen kann. Wir haben aber den Ruf, uns um alle Kinder gleich gut zu kümmern, egal, ob die Eltern Geld haben oder nicht, ob sie aus der Stadt kommen oder vom Land. Deshalb nehmen die Eltern lange Anreisewege in Kauf und auch die Tatsache, dass sich oft zwei Kinder ein Bett teilen. Das ist der Fluch: Wir sind notorisch überbelegt.

Beobachter: Was brauchen Kinder in Kambodscha medizinisch am nötigsten?
Laurent: Wir haben eine ganze Menge Probleme: Lungenentzündungen, Tuberkulose, Hirnhautentzündung, alle fünf Jahre eine Spitze der Denguefieber-Erkrankten, Cholera, viele Unfallopfer und Herzprobleme bei Neugeborenen. Vor der Herrschaft der Roten Khmer war die medizinische Versorgung besser, weil die Leute wenigstens ein bisschen Geld hatten. Heute hat praktisch niemand mehr Geld, schon gar nicht die ländliche Bevölkerung.

Beobachter: Welche anderen medizinischen Probleme müssen Sie lösen?
Laurent: Alle möglichen. Wenn es einer Mutter schlechtgeht, behandeln wir natürlich auch sie, obwohl wir ein Kinderspital sind. Und dann machen wir viel Aufklärungsarbeit. Wir müssen den Leuten erklären, dass sie nicht alle Tabletten auf einmal nehmen dürfen, sondern jeden Tag eine. Oder wir erklären jungen Müttern, was gesunde Ernährung bedeutet, was Hygiene ist.

Beobachter: Was haben Sie anderen Spitälern in Kambodscha voraus?
Laurent: Wir verlangen kein Geld. Das ist für die meisten Leute das wichtigste Argument. Aber wir sind auch das modernste Spital, haben die besten Behandlungsmöglichkeiten. Das Rote Kreuz möchte nach unserem Vorbild Spitäler bauen. Und dann kommt noch etwas Wichtiges dazu: Unser Personal verdient hier zwar nicht super, aber anständig. Die Leute müssen, um ihre Familien durchzubringen, nicht noch in anderen Spitälern arbeiten – und sie dürfen auch gar nicht, das steht in unseren Verträgen. Sonst würden die wohlhabenderen Patienten in Privatspitäler verlegt, unnötige Operationen durchgeführt, Medikamente geklaut und an einem anderen Ort verkauft. Die ganze Palette.

Beobachter: Die Einheimischen nannten Beat Richner «Dr. God». Kennen die Leute auch Sie?
Laurent: Ja. Man nennt uns das Spital der Engel. Man bringt uns grossen Respekt entgegen. Beat Richner sagte immer, dass unsere fünf Spitäler wie Pagoden sind – der Ort, an dem man den Leuten hilft. Das wird so bleiben, und das wissen sie.

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Tina Berg, Online-Redaktorin

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