1. Home
  2. Gesellschaft
  3. Katastrophen: «Von Terrorangst lässt sich politisch profitieren»

Katastrophen«Von Terrorangst lässt sich politisch profitieren»

Die Katastrophen-Soziologin Elke M. Geenen erklärt, warum man bei Anschlägen stets nach Schuldigen sucht, aber nie bei Naturereignissen.

«Das ist Feigenblatt-Sicherheitspolitik. Da wird ein Sicherheitsgefühl erzeugt für die Bevölkerung», kritisiert Soziologin Elke M. Geenen. Im Bild: Betonelemente im Hauptbahnhof Zürich.
von aktualisiert am 04. Januar 2018

Beobachter: Auf Weihnachtsmärkten stehen heute Betonelemente. Sie sollen Anschläge verhindern. Autos und Lastwagen könnten aber nach wie vor durchkommen. Was soll das?
Elke M. Geenen: Da wird ein Sicherheitsgefühl erzeugt für die Bevölkerung. Das ist nicht gleichzusetzen mit realer Sicherheit. Ein Grossteil der Politik besteht darin, Sicherheitsgefühle zu vermitteln.

Beobachter: Wie würde sich die Schweizer Gesellschaft verändern, wenn trotzdem ein Anschlag verübt würde?
Geenen: Man könnte noch besser Schuldige benennen respektive meinen, sie benennen zu können. Oft wird ja schon von Terrorismus gesprochen, wenn die Motive für die Tat noch gar nicht klar sind. Hintergrund für einen Anschlag kann auch eine schwere psychische Störung des Attentäters sein.

Beobachter: Warum der Fokus auf Terrorismus?
Geenen: Feindbilder sind gut, um von anderen Problemfeldern abzulenken. Bei einem Anschlag auf ein AKW, auf Wasserwerke oder einen Staudamm müsste man überlegen, ob die Bauwerke überhaupt sicher genug gebaut wurden. Man konzentriert sich aber lieber auf den Weihnachtsmarkt, weil ein paar Betonelemente billiger sind, als ein AKW terrorsicher zu machen. Das ist Feigenblatt-Sicherheitspolitik.

Beobachter: Die macht uns aber nicht sicherer.
Geenen: Auch die Schweiz ist ja schon vor Jahren von der Gefahrenabwehr auf eine Risikokultur umgeschwenkt. Früher war man bemüht, dem Bürger 100-prozentige Sicherheit zu gewährleisten. Aus Kostengründen hat man sich auf eine Risikokultur umorientiert. Das bedeutet, dass man ein gewisses Mass an Risiko in Kauf nimmt. Das politisch angestrebte Risikoniveau müsste mit der Bevölkerung ausgehandelt, zumindest aber öffentlich transparent gemacht werden.

«Man sollte nicht primär nach dem Schuldigen fragen, sondern den Ursachen auf den Grund gehen.»


Elke M. Geenen, Soziologin

Terrorismus.
Terrorattacke in New York, 11. September 2001.
Quelle: Chao Soi Cheong/Keystone

Beobachter: Sind wir eine Angstgesellschaft?
Geenen: Nein. Reale Gefahren nehmen wir oft kaum wahr, den Strassenverkehr etwa oder das Beinbruchrisiko beim Skifahren. Aber Ängste sind etwas Irrationales. Angst ist dort am grössten, wo ich die Dinge nicht kontrollieren kann, etwa beim Terrorismus. Bei allem, was ich selber tue, habe ich zumindest die Illusion der Kontrolle.

Beobachter: Die Leute delegieren ihre Ängste also an etwas Unbekanntes, um sich nicht mit der eigenen Unzulänglichkeit auseinandersetzen zu müssen?
Geenen: Ja, der Terrorismus ist eindeutig eine Projektionsfläche.

Beobachter: Wie würden Sie auf eine herrenlose Tasche in der Bahnhofshalle reagieren?
Geenen: Ich würde erst mal zehn Minuten abwarten, vielleicht war dem Besitzer die Tasche zu schwer, um sie zum Infoschalter mitzuschleppen, und er hat sie kurz abgestellt. Aber danach würde ich die Polizei informieren.

Beobachter: Und was ist mit Naturgefahren?
Geenen: Als Geologin sind mir gewisse Gefahren bewusster als anderen. Wenn ich früher in Österreich Ferien machte, dachte ich nie an Murgänge und Bergstürze. Heute schon. Denn das Bergsturzrisiko ist wegen der Klimaerwärmung erheblich grösser geworden.

Beobachter: Weil der Permafrost schmilzt?
Geenen: Ja. Die Schweiz ist natürlich besonders betroffen. Am meisten gefährdet sind immer diejenigen Leute, die wenig Ahnung haben. Aufklärung ist darum besonders wichtig, damit könnte man Unfälle verhindern. Ich denke etwa an die acht Wanderer, die beim Bergsturz in Bondo ums Leben kamen, weil sie die Warnungen nicht ernst nahmen. Zudem wäre es sinnvoll, Gefahrenkarten für Wanderwege zu erstellen.

Beobachter: Was bewirkt das Schmelzen des Permafrosts sonst noch?
Geenen: Die Auswirkungen dürften für das gesamte ökologische Gleichgewicht gravierend sein. Aber man weiss einfach nicht, was genau passiert, wenn die Berge ihre Eisschichten verlieren. Es gibt da keinerlei Erfahrungen.

Beobachter: Wieso wird nicht mehr aufgeklärt?
Geenen: Weil die, die aufklären sollten, meist nicht die sind, die im Ernstfall betroffen wären. Und weil Langzeitwirkungen wie das Austrocknen der Berge viel weniger dringend erscheinen als der Terrorismus, der hier und jetzt stattfindet. Von der Terrorangst lässt sich zudem politisch besser profitieren als von potenziellen Murgängen.

«Nach jedem Anschlag gehen wir trotzig erst recht auf den Weihnachtsmarkt.»


Elke M. Geenen, Soziologin

Terroranschlag in Berlin vom 19. Dezember 2016.
Terroranschlag in Berlin, 19. Dezember 2016.
Quelle: Hannibal Hanschke/Reuters

Beobachter: Und wie stehts mit Erdbeben?
Geenen: Ich denke, die Möglichkeit eines Erdbebens wird nicht ernst genug genommen. Auch wenn das letzte gravierende Beben in der Schweiz 1356 stattfand, hat das Land ein erhöhtes Risiko. Es kann jederzeit passieren. Und es gibt zu wenig Transparenz. Niemand weiss, welche Häuser bis zu welcher Stärke eines Bebens stehen bleiben. Oder ob der Kindergarten, den meine Tochter besucht, erdbebensicher ist.

Beobachter: Müsste man möglicherweise den Grossteil der Häuser neu bauen?
Geenen: Nein. Aber wenn ich weiss, dass ein Haus nicht sehr sicher ist, kann ich es sicherer machen. Etwa mit speziellen Tapeten. Sie stabilisieren die Wände so, dass sie Beben besser standhalten.

Beobachter: Aber so richtig ernst nimmt das Erdbebenrisiko hier niemand.
Geenen: Stimmt. Nach wie vor werden Häuser gebaut, die zwischen zwei starken ein sogenannt weiches Stockwerk haben. Das macht das ganze Gebäude unsicher. Und ich als Mieter habe keine Ahnung, bis zu welcher Erdbebenstärke mein Wohnhaus hält.

Beobachter: Ich will es vielleicht gar nicht wissen.
Geenen: Wir leben in einer Verdrängungskultur. Man will das Negative, das eintreten könnte, nicht benennen.

Beobachter: Wieso?
Geenen: Ich glaube, das ist teilweise politisch gewollt. Man verdrängt die Möglichkeit einer Gefahr kollektiv. Weil man fürchtet, dass das Wissen darum das Wirtschaftssystem beeinträchtigen könnte, das auf möglichst wenig Reibung setzt. Dabei liessen sich Leben retten, wenn alle wüssten, wie man sich im Ernstfall zu verhalten hat.

Beobachter: Müssten wir also gewarnt werden?
Geenen: In den Köpfen der Entscheidungsträger geistert immer noch die Angst, dass eine gewarnte Bevölkerung eine panische ist. Man will keine Panik aufkommen lassen.

Beobachter: Das ergibt doch Sinn...
Geenen: Nicht wirklich. Panik, etwa bei Erdbeben, ist ein Medienmythos und wissenschaftlich seit 20 Jahren widerlegt. Panik bricht nur aus, wenn Menschen einem Ereignis in räumlicher Enge ausgeliefert sind.

Beobachter: Gefahren werden aber nicht nur verdrängt. Beim Terrorismus werden sie schon fast herbeigeredet.
Geenen: Das ist ambivalent. Nach jedem Anschlag wird trotzig betont, dass wir uns unser demokratisches System nicht nehmen lassen, und wir gehen erst recht auf den Weihnachtsmarkt. Auf der anderen Seite wird mit unserem Sicherheitsbedürfnis Politik gemacht. Der «Vorteil» von Terrorismus ist, dass man ihn externalisieren, also jemandem zuschreiben kann. Man gibt der Bedrohung ein Gesicht. Das geht beim Naturereignis nicht.

Beobachter: Wie meinen Sie das?
Geenen: Bei Naturereignissen fehlt ein Sündenbock, die Ereignisse lassen sich der «Natur» zuschreiben. Sonst müsste sich die Gesellschaft eingestehen, dass sie selbst versagt hat, etwa indem sie die Klimaerwärmung mitverursacht oder am falschen Ort gebaut hat. Aber das will niemand hören.

Beobachter: Die Personalisierung des Bösen konnte man nach 9/11 gut beobachten.
Geenen: Ja, es wurde ganz stark in Schwarz-Weiss-Mustern gedacht. Wenn man rational an die Analyse eines solchen Ereignisses heranginge, müsste man aber nicht in erster Linie nach dem Schuldigen fragen, sondern versuchen, den Ursachen auf den Grund zu gehen. Nur so liessen sich weitere solche Ereignisse verhindern. Aber auch hier wurde versucht, von den eigenen Versäumnissen und Verfehlungen abzulenken, etwa der Beteiligung an den Golfkriegen. Es erfolgte eine sogenannte Magisierung – das Ereignis wurde magisch aufgeladen, zum Beispiel indem man die zusammenfallenden Türme täglich 20-mal und mehr im Fernsehen zeigte.

Beobachter: Und Verschwörungstheoretiker erliegen der Magisierung eines Ereignisses besonders stark?
Geenen: Ja, wenn sie selber daran glauben. Aber es gibt ja auch diejenigen, die Verschwörungstheorien absondern, um andere zu instrumentalisieren. Besonders problematisch wird das, wenn ganze Menschengruppen zu Verursachern gemacht werden. Leider hat das Tradition. Nach dem Erdbeben 1957 in der türkischen Provinz Sakarya verprügelte man Prostituierte. Man gab ihnen die Schuld, weil sie kein gottesfürchtiges Leben lebten. Beim Beben 1967 in derselben Provinz ging man auf Frauen los, weil sie «moralisch verwerfliche» Miniröcke trugen. Politiker hatten diese Schuldzuweisung geschürt.

«Oft bleiben Betroffene auch Jahre nach dem Ereignis lieber in den Notbaracken, statt in ihre Häuser zurückzukehren.»


Elke M. Geenen, Soziologin

Erdbeben in Pescara del Tronto.
Erdbeben in Pescara del Tronto, 26. August 2016.
Quelle: Getty Images

Beobachter: Sind Naturereignisse «gerecht», weil sie alle gleich treffen?
Geenen: Wer weniger finanzielle Ressourcen hat und weniger Bildung, ist grundsätzlich verletzlicher. In der Türkei etwa erhielten Hausbesitzer nach einem Beben Geld für ein neues Haus. Mieter gingen leer aus. Die Hausbesitzer wurden also dafür belohnt, dass sie schlecht gebaut hatten. Die Mieter waren doppelt gestraft. Sie hatten alles verloren und mussten die Unterstützung der Hauseigentümer über Steuern mitfinanzieren. Das Einzige, was diese Defizite etwas kompensieren kann, sind soziale Bindungen. Arme helfen einander in der Not eher – aber oft nur in der ersten, akuten Phase.

Beobachter: Können Sie das ausführen?
Geenen: Bei Katastrophen gibt es einen Phasenverlauf. Erst kommt der Schock. Dann folgt die Phase der enormen Hilfsbereitschaft. Danach gerät die Solidarität ins Wanken. Es treten Spannungen auf, weil die Leute in ungewohnten Umständen leben müssen, etwa in Zeltlagern. Dann folgt der Neid, weil der eine vielleicht eine Decke mehr erhalten hat als ich. Dasselbe gilt fürs Umfeld. Zuerst sind alle mitfühlend und hilfsbereit. Doch wenn dann die, die am stärksten betroffen waren, neue Häuser kriegen, werden sie zum Neidobjekt, man fragt sich: «Wieso der und ich nicht?» Der Neid kann dann wiederum zur Magisierung führen und Feindbilder schaffen.

Beobachter: Erleben Frauen und Männer Katastrophen unterschiedlich?
Geenen: Bei der Risikowahrnehmung gibt es keine Unterschiede. Schwierig wird es für diejenigen, die nicht arbeiten und den ganzen Tag in dem Haus verbringen, in dem sie das Erdbeben erlebt haben. Oft sind Opfer so traumatisiert, dass sie auch Jahre danach lieber in Notbaracken bleiben, als in ihre bewohnbaren Häuser zurückzukehren.

Beobachter: Wie sieht es bei Kindern aus?
Geenen: Von Kindern weiss man, dass sie das Ganze eher als Spiel sehen, ihr Umfeld als Abenteuerspielplatz verstehen. Aber natürlich nur, wenn sie nicht ein traumatisches Erlebnis hatten wie etwa den Verlust eines Angehörigen.

Zur Person

Elke M. Geenen, 63, hat Geologie, Soziologie, Psychologie und Geophysik studiert. Die Expertin für Katastrophen leitet das Institut für Sozioökonomische und Kulturelle Internationale Analyse im deutschen Ottendorf. Sie berät die deutsche Bundesregierung zum Thema Katastrophen.

Elke Geenen