Der Papst lässt sich in einem gebrauchten Ford Focus durch den Vatikanstaat chauffieren. Er wohnt im Gästehaus statt in den Papstgemächern. Und er fordert die Kirche auf, sich den ­Armen zuzuwenden. Die Bescheidenheit des neuen Oberhaupts der katholischen Kirche kommt gut an und hat weltweit ­eine Sympathiewelle ausgelöst. Einige sprechen sogar von einer Revolution.

Die Begeisterungswelle ist auch in der Schweiz angekommen. «Ich atme auf und spüre neue Kraft», sagt Gita Niederhauser. Sie engagiert sich seit Jahrzehnten in der katholischen Pfarrei Stäfa und hatte wenig Verständnis für die Vorgänger von Franziskus. «Vom neuen Papst fühle ich mich als Mensch verstanden und ernst genommen.» Dass sich nicht alles von heute auf morgen verändert, versteht Niederhaus. Franziskus gehe aber überlegt an die Sache heran. «Ich habe sogar die leise Hoffnung, dass sich die Stellung der Frau in der ­katholischen Kirche verändert», sagt sie.

Positive Botschaften statt Skandale

«Mit Franziskus hat eine neue Epoche ­begonnen», sagt Arnold Landtwing, der ­Informationsbeauftragte des Generalvika­riats für die Kantone Zürich und Glarus. Bisher hätten sich die Medien oft nur für die Skandale in der Kirche interessiert. «Franziskus bringt nun positive Botschaften und spricht die Menschen an», freut sich Landtwing. Für ihn sind die Ansprachen des Papstes mehr als schöne Worte: «Franziskus interpretiert die Hierarchie der Wahrheiten neu. Es ist wieder lustvoll, katholisch zu sein.»

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«Die Begeisterung über Franziskus ist ein Hype», findet dagegen Béatrice Acklin Zimmermann. «Der neue Papst mag sympathisch sein, doch die Kirche sind wir und nicht der Bischof von Rom», sagt die ­Stu­dienleiterin an der Paulus-Akademie Zürich und Privatdozentin an der Universität Freiburg. «Zudem gibt es auf die brennenden Fragen wie die Ökumene und das Priestertum der Frauen keine neuen Antworten.» Damit sich in der Kirche etwas verändere, müsse sie sich von ihrem «völlig überzogenen Zentralismus» verabschieden. Acklin bezweifelt jedoch, dass Rom Macht an die Lokalkirchen abtreten wird.

«Franziskus betont zwar den Einsatz der Kirche für Gerechtigkeit», sagt der Publizist Willy Spieler, «aber ich sehe darin noch keine Wende, sondern eine Akzentverschiebung.» Bei Benedikt XVI. hätten Fragen des Dogmas, der Moral und der Kirchendisziplin im Vordergrund gestanden. «Franziskus unterstreicht nun den Einsatz für die Armen, doch die überlieferten Lehren wirft er nicht einfach über Bord», sagt Spieler. Zuversichtlich stimmt ihn, dass diese Lehren für Papst Franziskus «nicht alle gleichwertig» sind. Die Barmherzigkeit im Umgang mit Wiederverhei­rateten sei für Franziskus wichtiger als die Frage der Zulassung zur Kommunion. Darum rückten auch die Kriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs und das Verbot der Homosexuellenehe in den Hintergrund.

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«Ich staune, wie gut Franziskus’ neuer Stil in breiten Teilen der Bevölkerung aufgenommen wird», sagt Adrian Müller, ­Guardian des Kapuzinerklosters in Rapperswil. Er ist Präsident der Tagsatzung. Die reformkatholische Vereinigung setzt sich für eine Kirche ohne Ausgrenzung von Frauen, Wiederverheirateten, Geschiedenen und Homosexuellen ein. Müller anerkennt, dass sich der neue Papst an die wichtige Aufgabe macht, die Strukturen im Vatikan zu verändern. «All das weckt Hoffnungen, doch bisher ist es oft nur bei ­Worten geblieben», sagt er. Positiv beuteilt der Kapuziner, wie sich Franziskus für die Gerechtigkeit einsetzt. «Wenn die Gerechtigkeit aber nur den Armen gilt und nicht auch den Frauen, reicht das nicht.»

«Wir alle sind gefordert»

«In Franziskus’ Worten liegt Sprengkraft, wenn er beispielsweise den Klerikalismus als Krankheit bezeichnet», sagt Markus Heil. Er ist Sprecher der Pfarrei-Initiative, die tiefgreifende Erneuerungen in der ­katholischen Kirche verlangt. Doch diese Euphorie könne als Aufbruchstimmung missverstanden werden. Die bisherigen ­Ereignisse seien nur Zeichen gewesen, die der Papst gesetzt habe. «Wegen Franziskus allein haben wir aber noch keine neue Kirche», warnt Heil. Ihm genügt ­auch nicht, dass die Barmherzigkeit einen ­hohen Stellenwert in den Papstreden geniesst. Aus dem Einsatz für die Armen müsse eine neue soziale Verantwortung der Gesellschaft wachsen. «Das allein kann ein Mensch, selbst wenn er Papst ist, nicht erreichen. Da sind wir alle gefordert.»

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Einschätzung

«Ein Tauziehen zwischen Reformern und ihren Gegnern»

Es ist unklar, ob die symbolischen Handlungen des Papstes ­inhaltliche Veränderungen zur Folge haben, sagt ­Franz-Xaver ­Hiestand, Vorsteher der Zürcher Jesuitengemeinschaft.

Beobachter: Viele sind von Papst Franziskus begeistert wegen seines bescheidenen ­Auftretens. Und sie erwarten von ihm eine Wende in der Kirche. Teilen Sie als Jesuit und Mitbruder des Papstes diese Hoffnung?
Franz-Xaver Hiestand: Ich habe den Eindruck, es sei ein Ruck durch die Kirche gegangen, als Papst Franziskus sich nach seiner Wahl auf dem Petersplatz vom Volk segnen liess. Menschen aus vielen Ländern bestätigen mir auch, dass sie unter dem neuen Papst in dieser Kirche wieder freier atmen können. Zum ersten Mal ist sowohl die Wärme ­als auch die Rauheit des Südens ins Machtzentrum der katholischen Kirche gelangt. Franziskus ist geprägt von impulsiven menschlichen und sozialen Auseinandersetzungen in einem Schwellenland.

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Beobachter: Was hat das zur Folge?
Hiestand: Im Moment gibt es an vielen Orten das Bewusstsein, dass sich in der Kirche etwas bewegt. Allerdings ist unklar, wohin die Reise geht. Es ist sehr ungewiss, wie weit den symbolhaften Handlungen des Papstes organisatorische und inhaltliche Veränderungen folgen.

Beobachter: Gibt es konkrete Hinweise auf ­Veränderungen?
Hiestand: Der innerkirchliche «kalte Krieg» gegen die Befreiungstheologie ist wohl vorbei. Zudem setzt Franziskus andere Akzente in der Liturgie. Er hat die Männer, die ihn zuerst bei der Gestaltung der Gottesdienste berieten, ersetzt. Der weltflüch­tige Einschlag früherer Papstmessen, der vor allem elitäre Ästheten begeisterte, scheint passé zu sein.

Beobachter: Die Erzdiözese von Freiburg im Breisgau will wiederverheiratete Geschiedene zur Eucharistie zulassen. Ist das ein Schritt, bei dem der Vatikan nachziehen könnte?
Hiestand: Für kurze Zeit glaubte ich, dass dieser Reformvorschlag in den Vatikan zurückwirken und unerwartet rasch Dynamik aus­lösen würde. Inzwischen bezeichnet der Freiburger Erz­bischof den Vorschlag aber nur noch «als Diskussions­beitrag», und die Hauszeitung des Vatikans bekräftigt die ­bisherigen Positionen.

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Beobachter: Was passiert gerade im Vatikan?
Hiestand: Im Hintergrund ist ein Tauziehen zwischen reformorientierten Kräften und ­ihren Gegenspielern im Gange.

Beobachter: Unter Johannes Paul II. und Benedikt XVI. wurden erzkonservative Kreise stärker. Mit Franziskus haben sie nun viel zu verlieren. Wie reagieren sie auf ihn?
Hiestand: Unterschiedlich. Gewisse Kreise akzeptieren den Neuen, andere sind gehorsam, weil die Lehre das verlangt, dritte über­legen, inwieweit es legitim ist, ihm die ­Gefolgschaft aufzukündigen. Offenbar sind manche polnische Bischöfe der Meinung, der Papst zerstöre die Kirche, wenn er so weitermache. Doch nach einem ­halben Jahr kann man noch nicht sagen, ob diese Kräfte effizient opponieren.

Franz-Xaver Hiestand, 51, ist Vorsteher 
der Zürcher Jesuitengemeinschaft.

Quelle: «L'Osservatore Romano»/AFP Photo
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