Stars wie etwa Richard Gere oder Tina Turner, die sich als Buddhisten geoutet haben, tragen sicher dazu bei, dass heute östliche Religionen für viele Menschen ganz selbstverständlich zum Lifestyle gehören. Das beweist unter anderem die Attraktivität eines mehrtägigen Dalai-Lama-Events im Zürcher Hallenstadion, die zum Teil sicher eine oberflächliche Modeerscheinung ist.

Anderseits besteht in einer materialistisch ausgerichteten Gesellschaft auch ein tief sitzender Mangel an Spiritualität. Der Küsnachter Psychiater C. G. Jung war schon vor mehr als 50 Jahren überzeugt, dass die gesunde Seele Religion braucht. Und der US-Psychologe Abraham Maslow entwarf im letzten Jahrhundert eine Bedürfnispyramide für den Menschen: An der Spitze stehen transzendentale, das Ich überschreitende Erfahrungen.

Ein vollkommener Mensch werden
Die Landeskirchen scheinen diese Lücke je länger, je weniger füllen zu können: Viele Menschen bleiben zwar offiziell beim Christentum, wenden sich aber gleichzeitig privaten Glaubensgemeinschaften zu. Andere wiederum bauen sich ihr eigenes Glaubenssystem zusammen – die Experten sprechen von Patchwork-Religionen. Da der Buddhismus im Kern weniger eine Religion als eine Lebensphilosophie ist, kommt er dieser Tendenz entgegen. Da dominiert nicht ein allmächtiger Gott, dem die Gläubigen gehorchen sollen. Das Ziel ist vielmehr, den Geist zu perfektionieren und so ein vollkommener Mensch zu werden.

In jedem Individuum schlummert die Natur Buddhas – die Erlösung vom Leiden an der Welt ist theoretisch für alle jederzeit möglich, wenn es gelingt, Gier und Egoismus zu überwinden. Das wird dann Erleuchtung genannt und befreit einen vom Zwang, wiedergeboren zu werden. Obwohl das Christentum schon früh von der Idee der Reinkarnation abgerückt ist, sind die Grundwerte in der westlichen Kultur nicht so verschieden von denen des Buddhismus. Entscheidende Lebensaufgaben sind hier wie dort die Suche nach der Wahrheit und die Entwicklung von Liebe und Mitgefühl für die andern Lebewesen. Insbesondere die humanistische Psychologie hat die entwicklungsfördernde Kraft von Echtheit und Einfühlung wissenschaftlich bewiesen und zu zentralen Pfeilern von Therapie und Beratung gemacht.

Die Gefahr aller Religionen besteht darin, dass deren Anhänger sich ans Formale klammern, statt die Essenz zu erfassen und sie kreativ und eigenständig umzusetzen. Wer also glaubt, tibetische Rituale zelebrieren zu müssen, um zu reifen und sein Bewusstsein zu erweitern, ist auf dem Holzweg. Wer hingegen das Gemeinsame der verschiedenen Religionen erkennt, für den können Buddhismus, aber auch Sufismus, Kabbala und christliche Mystik eine Bereicherung und Bestätigung sein.

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