20_99_kriegstrauma.jpgIm Zentrum der Stadt stehen das Spital und eine schwarze, goldverzierte Moschee. Daneben liegt der Friedhof. Graue Grabsteine, ein paar Blumen, eine ist gross und schwarz. Wie die Grabinschriften: «Lieber Vater, wo bist du?» «Liebe Mutter, warum bist du so traurig?» «Für alle, die im Krieg gestorben sind.»

Donnerstagmorgen, in einem Schulhaus in Zürich. Die acht Jungs, die in den Singsaal hereinstürmen, tragen Turnschuhe mit dicken Sohlen, weite Hosen und Dächlikappen, wie ihre Schweizer Mitschüler. Sie kommen aus dem Kosovo, aus Bosnien, Somalia, Kurdistan, Afghanistan. Und haben eines gemeinsam: Sie sind vor dem Krieg in ihrer Heimat geflüchtet. Jetzt sind sie hier; keiner weiss, für wie lange. Mit Bildern in der Seele, die quälen. «Wenn wir diese Geschichten hören, können wir fast nicht glauben, dass man so weiterleben kann», sagt die Psychologin Ellen Celi.

Kriegstraumatisierte Kinder brauchen, so weiss man heute, eine möglichst stabile Umgebung. Weil ihnen in der Schweiz jederzeit die Rückschaffung droht, bleibt ihre Situation unsicher. Immerhin aber können sie die Schule besuchen und erleben so ein Stück Normalität. Doch Lehrerinnen und Lehrer sind oft überfordert, da traumatisierte Kinder unter Konzentrationsschwierigkeiten, Angstzuständen, Lernblockaden leiden, aggressiv oder überangepasst und depressiv sind.

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Statt sie aus dem stabilisierenden Klassenverband zu nehmen, entwickelte der Schulärztlich-Schulpsychologische Dienst der Stadt Zürich deshalb das Projekt, kriegstraumatisierten Kindern während der Schulzeit Verarbeitungshilfen zu bieten. Seit vier Jahren können sie einmal pro Woche eine Gruppentherapie besuchen. Sie soll es ihnen ermöglichen, sich mit ihren Ängsten und Erinnerungen auseinanderzusetzen, ohne diese als Bedrohung zu empfinden. Einige Kinder besuchen zusätzlich eine Einzeltherapie.

Jeden Donnerstag trifft sich die Gruppe der 11- bis 13-Jährigen aus verschiedenen Schulhäusern der Stadt mit den Therapeuten Ellen und Sal Celi und Vicky Reiff. Die Psychologinnen haben vorher im Kinderdorf Pestalozzi mit Kriegswaisen gearbeitet. Seit eineinhalb Jahren kommen die acht Buben in die Gruppentherapie.

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Im letzten halben Jahr haben sie gemeinsam das «Tal des Freundes» gebaut eine Stadt, die ihre Auseinandersetzung mit Angst und Trauer, aber auch ihre Hoffnung spiegelt. Eine Stadt ohne Krieg.


Der Bosnier baut einen Schutzwall

Das Eingangstor ist ein Regenbogen, doch rund um die Stadt erhebt sich ein hoher, grauer Wall, davor sind Wächter postiert. Innerhalb der Befestigung bietet ein dichter Wald zusätzlichen Schutz. Die Schutzmauer wollte der 12-jährige Bosnier Esmir bauen. Auch die Baustelle vor dem Friedhof war seine Idee. «Hier bauen wir ein Haus, worin man keine Angst haben muss», verkündet das Schild davor.

Sein eigenes Zuhause hat Esmir verloren. «In meinem Haus leben jetzt Serben. Deshalb können wir nicht zurück in meine Stadt», sagt der feingliedrige Junge mit den kurzen Haaren und dem silbernen Ring am linken Ohr. Vor sechs Jahren ist die Familie wegen des Kriegs in die Schweiz geflüchtet. «Ein Teil einer Granate hat meiner Mutter den Rossschwanz abgetrennt.» Esmir führt mit der Hand die Bahn des Geschosses aus. Sein Grossvater wurde durch eine Granate verletzt. Die Familie flüchtete zuerst in den Wald, dann per Bus nach Kroatien. «Nach ein, zwei Monaten kamen wir in die Schweiz. Jetzt müssen wir dann wieder weg.»

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Esmirs Leben sei geprägt von Angst, sagt Ellen Celi. Er wird von Albträumen geplagt, kann nicht schlafen. Am stärksten leidet er momentan unter der Angst, die Schweiz verlassen zu müssen. Die Ausreisefrist der Familie wurde soeben nochmals verlängert, bis Dezember.


Der Kurde legt einen Friedhof an

Die Grabinschriften hat Enis formuliert. «In Kurdistan ist Krieg. Sie haben mein Dorf bombardiert. Mein Grossvater starb bei dem Anschlag.» Er selbst wurde durch einen Bombensplitter schwer verletzt und musste nach Russland zur Behandlung. Seit zwei Jahren lebt der Elfjährige mit seinen Eltern in der Schweiz.

Enis kommt früher als die anderen Kinder in die Stunde, sucht die Nähe der Therapeuten. In der Schule hat er grosse Probleme. Sein Lehrer in der Türkei bestrafte die Schüler auf barbarische Weise. Enis hat er einmal mit dem Kopf nach unten aufgehängt, als er eine Frage falsch beantwortete.

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Wieder und wieder muss der Elfjährige erzählen, was er gesehen, was er erlebt hat. Wenn einer erzählt, wird es still. Alle hören konzentriert zu, obwohl sie die Geschichten der anderen bereits kennen, sie schon mehrmals gehört haben.

Einige müssen andauernd von ihren Erlebnissen reden, andere haben Mühe, einen Zugang zu finden zu ihrer eigenen Erinnerung. Das Erzählen in der Gruppe hilft ihnen, langsam über das Erlebte sprechen zu können.

Der Kurde Mahmut hat den Friedhof gebaut. In seinem Dorf entdeckten türkische Sicherheitskräfte einen PKK-Mann. Sie trommelten alle Einwohner zusammen und töteten vor deren Augen eine alte Frau, wohl um ein Exempel zu statuieren und alle abzuschrecken, die die PKK weiter

unterstützten. Mahmuts Vater wehrte sich, als die Soldaten gegen weitere Frauen des Dorfs vorgehen wollten. Er wurde verhaftet, gefoltert. Als er freikam, floh er mit seiner Frau und Mahmuts Schwester in die Schweiz.

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Der Zwölfjährige blieb bei den Grosseltern. Ein Fremder bot Mahmuts Vater an, den Jungen gegen Bezahlung in die Schweiz zu bringen. «Es war ein unbekannter Mann», erzählt Mahmut. «Wir flohen durch den Wald, über die Berge. Tagsüber versteckten wir uns, nachts rannten wir. Es war kalt.»

Behandelt man eine Knieverletzung nicht, versucht der Körper, das Knie möglichst zu entlasten; andere Körperteile werden überbelastet, sekundäre Schmerzen und Verkrampfungen sind die Folge.

Dasselbe geschieht bei psychischen Verletzungen. Das Trauma bringt das psychische Gleichgewicht ins Schwanken, blockiert die Lebensenergie und zeigt sich in Symptomen wie Angst, Panikattacken, hoher Verletzlichkeit, Isolationsgefühlen, Aggressivität oder Depressionen.


Der Kosovare baut ein Gefängnis

Der elfjährige Kosovare Amel ist erst seit knapp einem Jahr hier. «In meinem Dorf kam eine Granate genau in Richtung meiner Mutter geflogen. Ich musste sie auf den Boden stossen. Zwei Wochen lebten wir im Wald. Wir hatten nur ein bisschen Wasser.» Die Familie flüchtete nach Albanien, wo Amels Mutter ein Kind zur Welt brachte. «In einem Boot, zusammen mit fünf anderen Familien, fuhren wir übers Meer nach Albanien.»

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Amel hat gesehen, wie die Serben seinen Onkel töteten. Heute mag er nicht darüber sprechen. Er baute das Gefängnis der Stadt. «Dorthin bringen die Wächter jene, die die Stadt angreifen», sagt er.

Kinder sind den Ängsten und Erinnerungen meist hilflos ausgeliefert. Einige koppeln sich von der Aussenwelt ab, verstummen in tiefem Leid, andere reagieren aggressiv. Die Flucht in die Schweiz, in eine andere Kultur, ist für die Kinder eine weitere traumatische Erfahrung.

Sie können sich zwar rascher an eine neue Umgebung anpassen als Erwachsene, lernen die Sprache leichter und knüpfen neue Kontakte in der Schule. Aber ihre Eltern bleiben meist isoliert und plötzlich sind die Rollen vertauscht: Die Kinder müssen ihre Eltern zum Einkaufen oder zu den Behörden begleiten, da sie die Sprache besser beherrschen.

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Ihre Eltern können ihnen auch wenig Schutz bieten in der fremden Umgebung. Sie leben selber in ständiger Unsicherheit, wissen nicht, wie lange sie bleiben können. Das wirkt sich auch auf die Kinder aus: «Es ist, als ob ihnen ihre Kindheit gestohlen wurde», sagt Sal Celi. «Sie müssen den "Rank" ins Leben zurück finden.»


Der Neuaufbau als Fortschritt

Die drei Therapeuten versuchen den Kindern zu helfen, ihr inneres Gleichgewicht wieder zu finden, mit Musik, Spielen, Zeichnen und Gesprächen. In der Gruppe können die Kinder ihre Erfahrungen austauschen und teilen, sie fühlen sich weniger allein gelassen damit.

«Musik, Rhythmik, Malen und Spiele helfen, die Blockaden zu überwinden und die Selbstheilungskräfte der Seele zu wecken», sagt Lisa Biderbost, die Initiantin des Zürcher Projekts. «Wir versuchen», so Vicky Reiff, «ihnen die Möglichkeit zu geben, das, was sie plagt, zu verarbeiten.»

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Bei jedem Kind sieht dieser Verarbeitungsprozess anders aus, doch es gibt Ähnlichkeiten. Beim Zeichnen und beim Spielen herrschten anfangs bei vielen Schülern Chaos und Zerstörung vor. Einer etwa zeichnete eine Schlange, die alles auffrass. Und wenn er mit Spielzeugeisenbahnen spielte, geschahen immer grässliche Zugunglücke. Ständige Vernichtung, über Monate hinweg. Doch nach einiger Zeit zeigte sich im Spiel eine Veränderung: Auf die Zerstörung folgte der Neuaufbau.

Dieser Vorgang führte zur Idee, gemeinsam eine Stadt zu bauen. «Jeder konnte das bauen, was ihm am wichtigsten war das spricht alle Kinder an», sagt Vicky Reiff. «Etwas Neues zu bauen, etwas aufzubauen symbolisiert den Prozess, den sie innerlich durchlaufen.»


Das «friedliche Menschenland»

Im Singsaal stehen zwei Städte. Die zweite wurde von sieben- und neunjährigen Kindern gebaut. Sie waren noch sehr klein, als ihre Eltern hierher flüchteten. Diese Kinder sind «sekundär traumatisiert»: Es plagen sie die Erlebnisse ihrer Eltern. Ihre Stadt, das «friedliche Menschenland», ist lieblicher, phantasievoller, kindlicher.

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Während es der ersten Gruppe vor allem um den Schutz gegen aussen ging, suchen die Jüngeren nach einer Geborgenheit, die sie verloren haben. Eine Schutzmauer fehlt hier, dafür steht gleich neben dem Schulhaus ein Kinderheim. «Herzlich willkommen», heisst es auf dem Schild davor. «Für Kinder, deren Eltern gestorben sind, die von den Eltern verlassen worden sind, deren Eltern arbeiten müssen.»

Und es gibt ein Schutzgebiet, eine grüne Oase in einer Ecke der Stadt, mit einem kleinen Haus, umgeben von Bäumen. Davor steht ein Königspaar mit seiner Tochter, in goldene Kleider gehüllt. «Sie lebten in einem friedlichen Land», erklärt die achtjährige Bosnierin Jetmire. «Doch dann kam der Krieg, und sie mussten fliehen. Deshalb kamen sie hierher.»

Ihre Familie flüchtete vor dem Krieg in Bosnien. Die Angst der Eltern vor einer Rückschaffung ist gross. Eine Angst, die sich auf Jetmire überträgt.

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Die Kinder sind nicht «geheilt», wenn sie die Therapie nach eineinhalb Jahren beenden, doch die meisten sind in der Lage, den Schulalltag besser zu bestehen. «Die Möglichkeit, ihre Erlebnisse zu erzählen, sich damit auseinander zu setzen und die Zusammengehörigkeit in der Gruppe zu spüren, hat ihnen ein wenig Boden unter die Füsse gegeben», sagt Sal Celi.


Die Angst vor der Ausweisung

Doch das Erlittene lässt sich nicht vergessen. Und die Angst vor der Zukunft bleibt. Ermals Vater, ein bosnischer Polizist, wurde von den Serben abgeholt. Ermal hat ihn nie wieder gesehen. Zusammen mit der Mutter und dem Bruder flüchtete der Elfjährige in die Schweiz.

Ein paar Monate nach seiner Ankunft begannen die epileptischen Anfälle. Jedes Mal wenn der Familie die Ausweisung droht, verstärken sie sich. Die Aufenthaltsdauer wird immer wieder für ein paar Monate verlängert. Ermal hat der Stadt den Namen «Tal des Freundes» gegeben. Der Schutzwald war seine Idee.

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«Die therapeutische Arbeit mit kriegs- und fluchttraumatisierten Kindern erweist sich als hilfreich», sagt die Initiantin Lisa Biderbost. «Sie wird aber durch die gegenwärtige Rückschaffungspraxis behindert, im Einzelfall bis zur Unmöglichkeit.»

Doch das «Tal des Freundes» und das «friedliche Menschenland» bleiben in Zürich.

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