Urs Zimmermann arbeitet 100 Meter neben dem Parlamentsgebäude in Zug. Jeden Tag wird er aufs Neue an das dramatische Ereignis vom 27. September erinnert: «Wir Menschen müssen merken, dass es höchste Zeit für eine Wende ist. Wir müssen endlich zu mehr Ethik, Fairness und Menschlichkeit finden.»

Der freischaffende Marketingberater hat die «Wende» in vielen Bereichen schon vollzogen: Luxus und Prestige, einst unverzichtbar für ihn, tauscht er mehr und mehr gegen die Freude an den schönen Momenten des Alltags. Heute leistet er sich den «Luxus», über Mittag nach Hause zu gehen und mit seiner Frau und den beiden Kleinkindern zu essen. So oft wie möglich verlässt er das Büro abends zwischen fünf und sechs Uhr und entspannt sich bei einem Spaziergang am See. Kein Fernseher stört danach das Familienleben.

Zimmermann steht für eine stark wachsende Zahl von Menschen, die den Lebenssinn und das persönliche Glück nicht länger in materiellen Dingen suchen; Karriere, Besitz und Shareholder-Value verlieren an Triebkraft. «Wir müssen, im wahrsten Sinne des Wortes, auf den Boden zurückkommen», fordert Unternehmensberaterin Susanna Fassbind. Ansätze für eine «Rückkehr zu den Wurzeln» sind reichlich vorhanden:

  • Immer mehr Leute leisten sich eine berufliche Auszeit, um Zeit und Distanz zu gewinnen – und nehmen dadurch einen Karriereknick in Kauf.
  • Fernöstliche Lebensgestaltung, Entspannungstechniken und Heilkunde sind so populär wie noch nie.
  • Unter dem Stichwort «Nachhaltigkeit» summieren sich vielerlei Angebote: gemeinschaftliche Nutzung von Autos, Biokost, Ökotourismus, tierversuchsfreie Produkte zur Körperpflege, umweltfreundliche Heiz- und Warmwassersysteme, ökologische Baumaterialien, Solarstrom.
  • Den Erfolg der Harry-Potter-Bücher wertet der deutsche Trendforscher Matthias Horx als «Symbol für die (Wieder-)Verzauberung der Welt». Gemäss Horx erleben Magie und Übersinnliches derzeit einen beispiellosen Boom.

US-Sozialwissenschaftler charakterisieren die «neuen Aussteiger» wie folgt: Sie handeln umweltbewusst, nehmen dafür höhere Preise und Steuern in Kauf, sind in der Freiwilligenhilfe tätig, setzen sich für Gleichberechtigung ein, haben eine lebensbejahende Grundhaltung und beschäftigen sich intensiv mit Spiritualität. Jeder vierte Erwachsene in den USA wird dieser Gruppe zugerechnet.

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Doch wie nachhaltig ist der Trend zur «neuen Bescheidenheit»? David Bosshart, Direktor des Gottlieb-Duttweiler-Instituts (GDI) in Rüschlikon ZH, ist skeptisch und prägt den Begriff «Kollektiv-Alzheimer»: Einschneidende Ereignisse wie Kriege, Terror oder Umweltkatastrophen hätten immer wieder zu Denkpausen geführt. Doch das meiste werde rasch verdrängt, was verständlich und für die Psychohygiene auch ein Vorteil sei: «Wenn wir immer sämtliche schlechten Erinnerungen mitschleppen müssten, könnten wir vermutlich gar keine Entscheidungen mehr treffen.»

Der Zürcher Ökonomieprofessor Bruno S. Frey glaubt ebenfalls nur an einen kurzfristigen Effekt; schon bei den nächsten Lohnverhandlungen stehe für viele das Materielle wieder im Vordergrund. Und Beobachter-Geldexperte Giuseppe Botti geht davon aus, dass – sobald die Börse wieder anzieht – wie eh und je spekuliert wird.

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Irrt demnach der Volksmund, wenn er behauptet: Geld macht nicht glücklich? Nein! Bruno S. Frey hat in seinen jahrelangen Forschungen die Volksmeinung mehrfach bestätigt und war zu Beginn selbst erstaunt, wie wenig die Höhe des Einkommens unser Glücksempfinden beeinflusst: Wer in einem Einpersonenhaushalt lebt, kann das Glücksgefühl bis zu einem Monatseinkommen von 5500 Franken steigern (was 8500 Franken in einem Durchschnittshaushalt entspricht); danach nimmt es wieder ab. Der grösste Glückszuwachs erfolgt bei einem Anstieg des Monatseinkommens von 3500 auf 4500 Franken.

«Wohlstand light» als Maxime
Ähnlich bescheiden, so die Erkenntnisse der Glücksforscher, ist der Einfluss von Reichtum auf das Glücksempfinden: Zwar besteht ein riesengrosser Unterschied, ob man «genug» oder «kein» Geld hat, aber praktisch kein Unterschied zwischen «genug» oder «jede Menge» Geld. In den USA fühlten sich 67 der 100 Superreichen «happy», aber auch 62 von 100 zufällig im Telefonbuch ausgewählten Durchschnittsamerikanern.

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Alfred Bellebaum, Leiter des Instituts für Glücksforschung im deutschen Vallendar, ist nicht erstaunt über die Befunde der Ökonomen: «Alles zu haben heisst, jedes materielle Bedürfnis sofort befriedigen zu können. Das Resultat ist meist Überdruss und Langeweile.»

Wenn aber alle nur dem Geld nachrennen und dabei nicht glücklich(er) werden, läuft etwas falsch. Klaus Leisinger, Direktor der Novartis-Stiftung für nachhaltige Entwicklung, ist überzeugt, dass sich «die

Ex-und-hopp-Mentalität der Wohlstandsgesellschaft dem Ende zuneigt. Werte unserer Eltern und Grosseltern wie Achtsamkeit, Genügsamkeit und Hilfsbereitschaft erleben einen neuen Aufschwung.»

Anita Baumgartner, 29, lebt diese Werte zurzeit als IKRK-Delegierte im Kongo: «Ich bin derart privilegiert, mein Dasein weitestgehend nach meinen eigenen Vorstellungen gestalten zu können, dass ich wenigstens für eine gewisse Zeit etwas von diesem Glück an Menschen weitergeben will, die diese Freiheit nicht haben.»

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Sie verkörpert damit den «Wohlstand light», für den Klaus Leisinger plädiert: eine wertebetonte Grundhaltung, die immaterielle Lebensqualität vor materielle Statussymbole setzt. Als Beispiele nennt er die gemeinsame Nutzung von langlebigen Haushaltgütern und Transportmitteln oder das Einkaufen nach Kriterien wie minimale Produktionsenergie und Verpackungsmenge. Jacqueline Bachmann, Geschäftsführerin der Stiftung für Konsumentenschutz, ist ebenfalls überzeugt, dass künftig verantwortungsbewusster und nachhaltiger gelebt wird: «Das hat die BSE-Krise eindeutig bewiesen.»

Auch im Produktebereich zeichnet sich ein Trend zur Einfachheit ab. «Smarttech» heisst die Zukunftsformel für Geräte in hoher Qualität und bescheidener Aufmachung. Die Errungenschaften der High-Tech-Industrie werden unseren Alltag zunehmend vereinfachen. So sind Geräte in Zukunft mit einer Spracherkennungssoftware ausgestattet, die das mühsame Studieren des Handbuchs überflüssig macht: Einfach Stecker rein und mündliche Befehle erteilen!

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Allerdings, so mahnt GDI-Direktor David Bosshart: «Dieses ‹Weniger ist mehr› ist in erster Linie ein Phänomen von Leuten, die einen bestimmten Wohlstand erreicht haben.» Klaus Leisinger sieht gerade darin eine grosse Chance. Erstens bestünde bei der gesellschaftlichen Elite das grösste «Einsparpotenzial». Zweitens könne sie, ähnlich wie Eltern gegenüber Kindern, eine Vorbildwirkung haben: Weshalb sollten Leute mit tieferen Einkommen auf Traumferien in der Karibik verzichten, wenn Begüterte dreimal im Jahr einen Shoppingtrip nach London oder Hongkong unternehmen?

Einig sind sich alle Befragten, dass der Prozess nicht ohne (Leidens-)Druck fortschreitet. Die jüngsten Ereignisse haben viele Menschen schlagartig an die eigene Vergänglichkeit erinnert und dürften weit mehr auslösen, als «freiwillig» je zu erwarten wäre. Immerhin ist die Ausgangslage in der Schweiz äusserst komfortabel: In sämtlichen Zufriedenheitserhebungen bezeichnen sich 80 bis 90 Prozent der Befragten als «sehr zufrieden» oder «zufrieden».

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Wer sich zwanglos in Bescheidenheit üben möchte, erhält am 24. November 24 Stunden lang Gelegenheit dazu: Dann ist der weltweite «Kaufe-nichts-Tag».