Mangas kommen aus einem Land, wo Leute rohe, noch zuckende Tintenfischtentakel essen – da darf man sich auch in Sachen Comics mitunter auf Seltsames gefasst machen. Manga-Autoren bespielen alle gängigen Genres: Action, Horror, Fantasy, Sport und natürlich auch Erotik. Gern wird auch kombiniert, zum Beispiel Fantasy und Sex: Wenn Sie zum Beispiel sehen wollen, wie sich gutbestückte Pilze mit einer Märchenprinzessin vergnügen, googeln Sie doch mal ein bisschen.

Ein harmloseres Beispiel eines erotischen Mangas ist Shounen-ai, übersetzt: «Knabenliebe». Die Geschichten handeln von der Liebe zwischen jungen Burschen; Zielgruppe sind aber nicht unbedingt schwule Männer, sondern vor allem junge Frauen. Die Sparte ist in den siebziger Jahren entstanden und wurde von einer Gruppe junger Autorinnen geprägt und entwickelt. Die romantischen und emotionalen Aspekte der gleichgeschlechtlichen Liebe stehen im Shounen-ai im Vordergrund – im Gegensatz zu anderen Subgenres, in denen die Sexszenen sehr explizit und ausführlich dargestellt sind.

Dabei kommt einem der Hauptprotagonisten meist eine aktivere Rolle zu: Der Seme (Angreifende) ist meist grösser, stärker und älter, hat dunkle Haare und kleinere Augen – entspricht also eher dem männlichen Stereotyp. Der Uke (Empfangende) hat dagegen viel weiblichere Züge; grössere Augen, helle Locken und feine Glieder. Die Verweiblichung kann so weit gehen, dass die Figur kaum mehr als Bursche zu erkennen ist.

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Tragischste aller Liebesgeschichten

Wirklich weibliche Charaktere wiederum spielen im Shounen-ai kaum eine Rolle. Manchmal steht dem Liebespaar eine weibliche Figur zur Seite – so auch in der Geschichte auf den folgenden Seiten, die unsere Grafikerin Andrea Klaiber für Sie gezeichnet hat. Auf der Grundlage von Shakespeares «Romeo und Julia»; die tragischste aller Geschichten über verbotene Liebe, bereits unzählige Male adaptiert: als Novelle, Musical, Oper oder Film – hier nun als Shounen-ai; gekürzt, vereinfacht, im Fantasy-Barockstil und angereichert mit Fabelwesen.

Die Liebe, von der berichtet wird, ist im doppelten Sinne «verboten»: nicht nur wegen der Feindschaft der Familien Montague und Capulet, sondern wegen des – im Shounen-ai vorgesehenen – gleichgeschlechtlichen Paars: Romeo und Julian.

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Um dem Genre gänzlich gerecht zu werden, müsste ein Manga eigentlich von rechts nach links erzählt werden – davon haben wir hier abgesehen. Dem unerfahrenen Manga-Leser fordert die Geschichte mit Shakespeares Texten so schon einiges ab.

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Autor: Balz Ruchti
Zeichnungen: Andrea Klaiber
Illustration: Thilo Rothacker

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