Es war das Ende der Gemütlichkeit. «Ich habe einen jungen Christen kennengelernt», verkündete die katholische Tante per Telefon. Der brauche noch ein Nachtlager, und wir hätten doch bestimmt ein Plätzchen. Er komme so gegen Mitternacht.

Wir wanden uns aus dem Sofa, schalteten den Fernseher aus. «Ich konnte doch nicht Nein sagen», sagte sie. Ja, es war bitterkalt. Und die Tante wollte mit ihm noch den ganzen Abend Tee ausschenken in der Drogenszene. «Ein Jungchrist!», warnte ich. Aber es war Heiligabend. Und wir wollten keine Unmenschen sein, heute nicht.

Stumm drapierten wir Nüsse und Mandarinen um Kerzen, stellten uns auf Nächstenliebe ein. Jemandem Gutes tun, der wenig hat, aber trotzdem Gutes tut. So sollte es ja sein an Heiligabend. Wir fühlten uns etwas besser und warteten.

Er war nach Zürich geflüchtet

Gegen eins klingelte es. Vor uns stand ein nicht mehr ganz so junger Mann mit fettigen Haaren. «Ich bin dä René», sagte der gut 40-Jährige, zog seine Lederjacke aus und krempelte die Pulli-Ärmel über seine tätowierten Arme hoch. Vielleicht ein erst kürzlich Bekehrter.

«Möchtest du Tee?», fragte ich. Er wollte Bier. Klar, er hatte ja schon stundenlang Tee ausgeschenkt. Nach der dritten Dose klönte er von «Lämpe mit de Bulle». Das könne heute jedem passieren, beruhigten wir ihn und holten den Schnaps. Dann erzählte er uns von besseren Zeiten. Damals, als er aus dem beklemmenden St. Gallen nach Zürich flüchtete. Hier habe er es zu etwas gebracht. Mehrere Frauen hätten für ihn an der Langstrasse angeschafft. «Aber hüt sind d Priise im Chäller.» Ich nickte. Sie schmollte.

In den folgenden Stunden erklärte er uns alles, was man über Frauen- und Drogenhandel wissen kann. Dann sagte er, dass er sich um «seine» Frauen sorge. «Es isch brutal wordä uf dä Gass.» Ich musterte ihn etwas ungläubig. – Er sorgte sich wirklich.

Unsere Tante sei eine Gute, versicherte er. Und wir auch. «Ja, und du auch», ergänzte ich.Die Tante hatte René erst an Heiligabend kennengelernt, gleich nachdem er aus der Psychi abgehauen war. Ja, er sei halt tief gefallen. Drogen, Knast und dann nie mehr richtig Tritt gefasst.

Der Abend ist einige Jahre her. Aber immer vor Weihnachten kommt die Geschichte wieder hoch. Den Flüchtling aus St. Gallen hätten wir wohl nie in unsere Wohnung gelassen, hätte er sich als abgestürzter Zuhälter angekündigt. Den Jungchristen René schon.

Interview mit Pfarrer Sieber

Beobachter: Pfarrer Sieber, Sie helfen seit den sechziger Jahren Leuten auf der Gasse. Wie entscheidet man, wer Hilfe und Nächstenliebe braucht?
Ernst Sieber: Das entscheide nicht ich, sondern die Person, die auf mich zukommt und leidet.

Beobachter: Aber Sie wollen bestimmt sicher sein, dass die Person auch wirklich hilfsbedürftig ist.
Sieber: Das merken Sie schon. Sie müssen nur bereit sein, dem Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Nicht als Meister, der ihn auf den richtigen Weg bringen will. Dann wird er ihnen zeigen, worunter er leidet.

Beobachter: Trotzdem haben wir ein Bedürfnis, jenen zu helfen, die möglichst unschuldig zu Opfern geworden sind. Bei den Flüchtlingen zeigt sich das wieder: Verzweifelte Mütter und Kinder mit Kulleraugen wecken unsere Hilfsbereitschaft. Junge Männer, die über Grenzzäune klettern, werden als Bedrohung wahrgenommen. Wie unschuldig muss ein Opfer sein, damit ihm geholfen wird?
Sieber: Wir alle sind schuldig. Wer nur Unschuldigen helfen will, denkt an sich selber statt an die Hilfsbedürftigen. Er will sich selber schmeicheln, indem er etwas vermeintlich besonders Wertvolles tut. Das hat nichts mit Nächstenliebe zu tun. Jesus suchte ja gerade den Kontakt zu den Prostituierten und Sündern, zu den Verachteten. Leider sind es oft Menschen mit hohen moralischen und ethischen Ansprüchen, die einen Bogen um solche Hilfsbedürftige machen. In der Erzählung vom barmherzigen Samariter ist es sogar ein Priester, der die Strassenseite wechselt, um nicht helfen zu müssen.

Beobachter: Und wie gehen Sie mit einem Hilfsbedürftigen um, der selber unter seiner Schuld leidet?
Sieber: Kürzlich kam eine Frau zu mir. Sie hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen, weil sie in der Migros einen grossen Sack Sugus geklaut hatte. Wir setzten uns auf ein Bänkli, und ich bat sie, mir den Sack zu zeigen. Ich griff hinein und holte eine Handvoll Bonbons heraus. Die schleckte ich dann weg.

Beobachter: Sie haben sich zum Mittäter gemacht…
Sieber: Wenn Sie so wollen. Aber ja, es hat die Frau sehr entlastet.

Beobachter: Muss man seine Nächstenliebe auf einige Menschen beschränken, um sich nicht selber zu überfordern?
Sieber: Das passiert nicht. Ich bin bald 89 und habe damit ja etwas Erfahrung. Die Nächstenliebe verbreitet sich wie ein Schneeballsystem. Wer mehr Leuten hilft, wird automatisch auf weitere Menschen stossen, die ihn dabei unterstützen. Das funktioniert tatsächlich so.

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Gegen fünf Uhr morgens legten wir uns schlafen. René murmelte noch: «Ich mues öppis go regle.» Als wir aufwachten, war er weg. Er hat sich wohl um seine Frauen gekümmert. Draussen war es bitterkalt.

Autor: Peter Johannes Meier
Bild: Daniel Winkler/13Photo
Illustration: Thilo Rothacker