Bestätigungswahlen von Richtern sind im 160-köpfigen Grossen Rat des Kantons Bern ein Routinegeschäft. Alle vier Jahre muss das Kantonsparlament die Untersuchungsrichter aller Gerichtskreise bestätigen. Im Gegensatz zu Neuwahlen von Richtern erfolgt die Wiederwahl in den allermeisten Fällen ohne Opposition. Liste um Liste wird im Parlament verteilt, eingezogen und ausgezählt. So schaffte auch Roland Hostettler seine Wiederwahl problemlos, zusammen mit einer ganzen Reihe Untersuchungsrichtern des Kreises Bern-Mittelland.

Doch Roland Hostettler stand gar nicht zur Wahl. Er ist seit über einem Jahr Gerichtspräsident in Interlaken. Er sucht keinen neuen Job und hatte folglich auch kein Bewerbungsdossier eingereicht. Mehr noch: Im Gerichtskreis, in dem er gewählt wurde, gab es gar keinen vakanten Sitz zu vergeben. Sprich: Das bernische Parlament wählte für 14 Sitze 15 Personen.

Ganz offensichtlich schaute bei der Wahl niemand genau hin, weder die vorberatende Justizkommission noch das Leitungsgremium des Grossen Rats und folglich auch die Parteienvertreter im Parlament nicht.

Von seiner Wahl vernahm Hostettler erst, als er von einem Richterkollegen aus Bern eine E-Mail erhielt. Dieser hatte in der «Berner Zeitung» gelesen: «Hostettler wider Willen gewählt». Der Kollege schickte ihm darauf mit ironischem Unterton seine besten Wünsche zur Wahl.

Juristisch korrekt bewältigt
Den offensichtlichen Fehler realisierte das Sekretariat der Justizkommission allerdings erst zwei Tage nach der Wahl. Vermutlich entstand auch dort der Fehler: Bei der Vorbereitung der Wahlliste ist wahrscheinlich eine alte Datei verwendet worden, die auch Hostettlers Name enthielt. Tatsächlich amtierte er bis Anfang 2006 als Untersuchungsrichter.

Der fälschlicherweise Gewählte nimmt den Fauxpas gelassen: «Ich musste schmunzeln, als ich von der Wahl erfuhr.» Allerdings hatte der Fall ein Nachspiel: Er musste verwaltungsintern und juristisch korrekt bewältigt werden. «Hostettler ist streng genommen gar nicht gewählt worden, weil er nicht zur Wahl stand», sagt Samuel Leuenberger, Vizepräsident der Justizkommission und Notar in Trubschachen. Diese formelle Feststellung musste Leuenberger kraft seines Amtes vor dem Parlament nachträglich zu Protokoll geben. Damit alles seine Richtigkeit hat.