Jürg Bärtschiger bangt um seine Existenz. Seit 15 Jahren fertigt er in Camorino TI mit hochsensiblen Maschinen Präzisionsteile für Apparate und Anlagen. Aber seit die Alptransit Gotthard AG das Gelände um seine Werkstatt herum aufschüttet, planiert und für den Bau des Ceneri-Tunnels vorbereitet, hat der 50-Jährige die Angst im Nacken - und eine Wut im Bauch. «Hätte ich gewusst, was auf mich zukommt, hätte ich von Anfang an darauf bestanden, dass ich enteignet werde und wegkomme.» Er hatte schon bei der Planauflage 2003 Bedenken, verliess sich aber auf Zusicherungen von Alptransit, man werde Rücksicht nehmen. Im Frühling 2006 begann die Bautätigkeit, jetzt steht Bärtschiger mit dem Rücken zur Wand.

In der computergesteuerten Bearbeitungszelle seiner Werkstatt wird gerade ein Stück für ein Beschriftungsgerät gefertigt, nicht grösser als ein Radiergummi. 24 Löcher, Aussparungen, Rillen. «Dafür arbeitet die Maschine 40 Minuten und macht 30 Arbeitsschritte.» Er zeigt einen Stift mit Gewinden und Bohrungen. «Vergaserstangen für Sportwagen. Präzisionsarbeit.» Weiter hinten fräst und bohrt eine Maschine kaum fingernagelgrosse Schrauben, Spindeln, Nippel. «Das sind Düsen, die auch in Bremsen von SBB-Loks eingebaut werden», sagt er, deutet hinaus zum Bauplatz des neuen Bahntunnels und lacht bitter.

«Für alle Produkte gilt eine Toleranz von einem Hundertstel Millimeter. Wissen Sie, wie wenig das ist?» Bärtschiger öffnet den Overall, reisst sich ein Brusthaar aus und legt es in ein Messgerät. «Sieben Hundertstel. Dreht die Maschine um eine Haaresbreite zu schief, bin ich raus aus der Toleranz.» Bei Erschütterungen schlagen Sensoren Alarm. Dann muss er die vier Drehbänke stoppen und mit einer hypergenauen Wasserwaage kontrollieren. «Ich gehe jeden Abend mit der Unsicherheit zu Bett, ob ich am nächsten Tag arbeiten kann.»

Vorabklärung liess nichts Gutes ahnen
Dabei waren die Schwierigkeiten absehbar. 2006 liess Alptransit die Situation aller Betroffenen analysieren. Ein Dutzend anderer Gewerbler, deren Anlagen innerhalb des Bauplatzes lagen, wurde enteignet, entschädigt und konnte umziehen. Nicht so Bärtschiger. Der Wert seines Landes und der Halle wurde auf 700'000 Franken geschätzt, plus 80'000 Franken für den Umzug. Ein externer Gutachter habe Alptransit gewarnt, es kämen nur Probleme, so Bärtschiger. Aber weil sein Betrieb ausserhalb des Perimeters liegt, drängte Alptransit bei ihm nicht auf Enteignung. Und er habe ja nicht voraussehen können, wie sehr seine Arbeit beeinträchtigt würde.

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Nun sieht er sich als Gefangener: Weg kann er nicht, da niemand sein Grundstück kaufen würde. Eine Zukunft hat er hier aber auch nicht, weil die Bautätigkeit noch zunimmt und bis 2018 dauert. «Die wollen einfach möglichst billig aus der Sache raus. Manchmal glaube ich, sie legen es darauf an, mich zu zermürben», sagt er.

Doch die Vibrationen sind nicht das grösste Problem. Weil Alptransit tonnenweise Material aufschüttet, senkt sich der ehemalige Sumpfboden. Plötzlich drehten Bärtschigers Maschinen schief. «15 Jahre lang musste ich sie nie ausnivellieren», betont er. Drei Techniker justierten drei Tage lang die vier Maschinen. Alptransit bezahlte die Kosten: 15'000 Franken.

Im letzten April waren die Geräte erneut aus dem Lot. Doch Alptransit habe erst bezahlt, als Bärtschigers Anwalt Druck machte. Wie oft das noch passiert, weiss niemand. Bärtschigers 21 auf 10 Meter grosse Halle hat sich seit Baubeginn um mehrere Millimeter asymmetrisch gesenkt, trotz dickem Betonboden. Die Prognose lautet: 16 Millimeter Senkung auf der einen Seite, fünf auf der anderen. Die Wände haben Risse, Wasser ist eingedrungen.

Auch beim Nachbarn, einer Tankrevisionsfirma, zieht sich ein Riss vom First bis zum Boden, ein Eckpfeiler wurde vier Zentimeter nach aussen gedrückt. «Alptransit behauptet, ich hätte das selbst verursacht», sagt Inhaber Mauro Scolari, der sich ebenfalls einen Anwalt nahm. Auch bei der Garage Brambilla nebenan bekamen die Mauern Risse. Im Juli lief nach einem Gewitter zudem der Kanal zwischen Bauplatz und Gewerbezone über. Schlamm lag auf den Vorplätzen und im Keller des benachbarten Restaurants La Bolla. «Eine Woche lang mussten wir schliessen, um zu putzen», erzählt Wirt Mauro Pedrelli.

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«Die machen mit uns, was sie wollen»
Auch sonst macht der Baubetrieb den Gewerblern das Leben schwer. 2006 wurde eine Zufahrt aufgehoben. Sie protestierten. Nach einem Monat baute Alptransit eine Schotterpiste. «Meine Lieferanten finden mich nicht mehr, ich muss oft verirrte Lastwagen einweisen. Etliche Chauffeure weigerten sich, mit ihren 40-Tönnern den Holperweg zu befahren», sagt Bärtschiger. Erst jetzt, nach zweieinhalb Jahren, entsteht eine neue Strasse. «Die machen mit uns, was sie wollen, und ignorieren, dass auch wir hier arbeiten.»

Den zum Restaurant gehörenden Garten kann man nicht mehr nutzen, oft dringen Staub, Gestank und Lärm ins Lokal. «Wir waren zuerst da und wollen nicht durch die Arbeiten von Alptransit bestraft werden», sagt Wirt Pedrelli. Falls er einen Umsatzrückgang feststelle, werde er ihn Alptransit verrechnen. Ein Gemüsebauer liegt ebenfalls im Streit mit Alptransit. Nach dem Gewitter im Juli standen 15000 Quadratmeter mit Tomatenstauden unter Wasser. Er glaubt, es sei nicht versickert, weil Alptransit weiter oben Ausbruch aufgeschüttet und verdichtet hat. In sechs Treibhäusern verfaulten die Tomaten, jetzt will er 100'000 Franken Schadenersatz.

Bei Alptransit Gotthard AG werden die Probleme in Camorino als Chefsache behandelt. Alptransit-Chef Renzo Simoni und Projektleiter Thomas Bühler sehen sich zu Unrecht auf der Anklagebank, berufen sich auf die Plangenehmigungsverfügung des Verkehrsdepartements (Uvek). Während der Planauflage im April 2003 hätten alle Betroffenen ihre Bedenken darlegen können. Bei jenen innerhalb des Perimeters habe Alptransit von sich aus auch Enteignungen veranlasst. Jene ausserhalb hätten selber diesen Weg beschreiten können. «Wenn jemand das Gefühl gehabt hätte, die Beeinträchtigungen würden zu stark, hätte er beim Uvek Antrag auf Enteignung oder Realersatz stellen können. Bärtschiger hat das nicht gemacht und wollte bleiben», sagt Simoni. Nun habe Alptransit eine gültige Baubewilligung mit vielen Auflagen. «Das ist der Rahmen, den wir einhalten.»

Simoni stellt nicht in Abrede, dass es Beeinträchtigungen gibt. Aktiv werden müssten aber die Betroffenen selbst. Alptransit könne nicht von sich aus Zahlungen offerieren. «Wenn wir Deals anböten, könnte man uns gar Begünstigung vorwerfen», sagt er. Die Anrainer müssten selbst entscheiden, ob sie Alptransit haftbar machen wollen. «Wenn wir ursächlich verantwortlich sind, sind wir selbstverständlich entschädigungspflichtig», sagt Simoni.

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Es bleibt alles in der Schwebe
In Bezug auf Bärtschigers Werkstatt ging Alptransit bisher davon aus, dass man für beide Seiten akzeptable Lösungen gefunden hatte. Alptransit sei immer gesprächsbereit. «Aber wir wissen nicht, was Bärtschiger eigentlich will. Dass er enteignet werden möchte, hat er nie gesagt», so Simoni. «Er müsste einen konkreten Antrag auf den Tisch legen. Dann haben wir etwas, wozu wir Stellung nehmen können.»

Wie sich das Nebeneinander während der Bauphase gestalte, bleibe abzuwarten. Simoni betont jedoch, dass sich die Situation nach der Durststrecke im Zuge des Tunnelbaus dank Alptransit auch verbessere. So baue Alptransit auf eigene Rechnung einen neuen Hochwasser-Entlastungskanal, neue Werkleitungen und Strassen für die Industriezone.

«Wir hatten schon so viele Sitzungen. Aber es nützt am Ende nichts», sagt Bärtschiger. Er ist der Ansicht, dass ein Nebeneinander von Gewerbebetrieben und Tunnelbauplatz einfach nicht funktioniere - Gespräche und Absprachen hin oder her. Die Gewerbler schrecken jedoch auch davor zurück, es juristisch mit der grossen Alptransit aufzunehmen. Die Beweislast und das Prozessrisiko tragen sie selbst. Wo Alptransit offensichtlich Kosten verursachte, wie bei Bärtschigers Maschinen, zahlte sie bisher. Deshalb sieht Bärtschigers Anwalt derzeit keinen «juristisch fassbaren Fall», den er durchfechten könnte. Für Bärtschiger ist damit alles in der Schwebe. «Ich weiss nicht, welche Beeinträchtigungen bis 2018 noch kommen, und ob ich weitermachen kann. Am liebsten wäre mir, sie würden mich zum Teufel jagen. Dann wäre das Problem für alle gelöst.»

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Schwieriges Arbeiten: Die Garage, Bärtschigers Betrieb und die Firma für Tankrevisionen stehen gleich neben dem Bauplatz.