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Neue Regeln für LärmschutzDas Bundesamt krebst zurück

«Den kleinen Bands werden die Bühnen genommen», kritisierte Sänger Felix Mechelke.

Schärfere Vorgaben für Konzerte hatte das Bundesamt für Gesundheit geplant – und stiess damit auf grossen Widerstand. Nun geht es noch einmal über die Bücher.

von aktualisiert am 01. Oktober 2018

Das Bundesamt für Gesundheit meint es eigentlich gut. Es will Gehörschäden durch Konzerte verhindern. Doch die Tragweite der geplanten Schallschutzverordnung ist grotesk:

  • Wer heiratet und eine Hochzeitsband engagiert, müsste ab 2019 den Auftritt zwei Wochen im Voraus den Kantonsbehörden melden.
  • An der Feier müssten Lärmwarnschilder aufgestellt und gratis Ohrenpfropfen abgegeben werden.
  • Betroffen wären alle Anlässe mit einem Schallpegel über 93 Dezibel. Das entspricht der Geräuschkulisse einer vollen Bar mit Hintergrundmusik.
  • Wenn die Musik elektrisch verstärkt wird, müssten selbst Hochzeiten Grenzwerte einhalten und den Schallpegel aufzeichnen. Und zwar mit einem Profigerät, das mindestens 2000 Franken kostet und alle zwei Jahre für 1000 Franken geeicht werden muss.
  • Die heute üblichen Handmessgeräte will das Bundesamt per Verordnung verbieten.

Gibt es überhaupt genug Fachleute?

Selbst Kantone melden in der Vernehmlassung starke Vorbehalte an. Der Zuger Regierungsrat befürchtet, dass kleinere Konzertveranstalter die hohen Kosten für die Lärmaufzeichnung nicht stemmen können. Und die Zürcher Fachschule für Tontechniker fragt sich, ob es überhaupt genug Fachleute gibt, um all die obligatorischen Schallmessungen vorzunehmen.

Der umtriebigste Kritiker operiert aber aus dem Untergrund, aus einem Zivilschutzkeller in Luzern-Littau. Sänger Felix Mechelke brüllt im Proberaum für seine Metalcore-Band Sayras metalmässig ins Mikrofon – und heckt Pläne gegen die «Bevormundung der Konzertbesucher» aus. Seine Online-Petition «Macht unsere Konzerte nicht kaputt!» haben bisher mehr als 11'000 Personen unterschrieben.
 

«Das Vorhaben des Bundesamts bedroht die kleinen Bühnen und Bands.»

Felix Mechelke, Sänger der Metalcore-Band Sayras


«Die Verschärfungen sind unnötig und übertrieben», sagt der Student der Erdwissenschaften. «Kein Musiker versteht das.» Der Schutz vor Lärm Laute Nachbarn Wie viel Musik und Lärm muss ich erdulden? sei wichtig und bereits heute streng geregelt. «Das Vorhaben des Bundesamts bedroht aber die kleinen Bühnen und Bands. Wenn die Verordnung so durchkommt, werden viele musikalische Floorshows in Bars nicht mehr stattfinden.» Der enorme Messaufwand rechne sich schlicht nicht, sagt der 26-Jährige, der als Tontechniker im Luzerner Konzertlokal Treibhaus arbeitet. «Den kleinen Bands werden damit die Bühnen genommen.»

Freipass für Guggenmusik

Am meisten stört Mechelke die Ungleichbehandlung. «Lärm ist Lärm. Egal, ob er verstärkt ist oder nicht. Doch laut dem Bundesamt dürfen Guggen Fasnacht Muss ich den Lärm einfach akzeptieren? so laut spielen, wie sie wollen, weil sie keine Verstärker benutzen und mit ihren Instrumenten angeblich nicht leiser musizieren können. Rockgruppen oder Metalcorebands wie wir dürfen das nicht. Das ist inkonsequent. Das Bundesamt benachteiligt gewisse Musikgenres.»

Der Luzerner Bandleader schreibt zwar «laute und hässige» Songs, die politisch sind. Etwa gegen Rechtsextreme oder «Bullshit-Journalismus». Doch mit Politik hatte Mechelke bis vor kurzem nichts am Hut. «Gegen neue Vorschriften motzen ist einfach, klar. Die Online-Petition schlägt aber auch Lösungen vor.» Die über 11'000 Unterschriften will er bald dem Bundesamt übergeben. 

Dort renne er offene Türen ein, sagt ein Sprecher. Wegen des starken Widerstands hat das Amt den Verband Schweizer Musikclubs und Festivals Ende September zu einer Aussprache eingeladen. Ob dann die Verordnung abgemildert wird, ist offen. 

Update vom 01. Oktober 2018

Nach dem gemeinsamen Hearing Ende September sei das Bundesamt für Gesundheit nun bereit, es bei den bisherigen Auflagen zu belassen, schreibt der Verband Schweizer Musikclubs und Festivals.

Verbände und Fachkreise wollen jetzt eine Empfehlung für Messgeräte vor Ort erstellen. Diese soll Messqualität und Gesundheitsschutz gewährleisten.

Aufgrund der Empfehlung soll der Bundesrat im ersten Quartal 2019 definitiv über die neue Schallschutzverordnung entscheiden.

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