Zur Person

Stephan Lautenschlager ist Chefarzt am Dermatologischen Ambulatorium des Stadtspitals Triemli Zürich und unterrichtet Medizinstudenten zu Geschlechtskrankheiten.

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Beobachter: Geschlechtskrankheiten sind in der Schweiz nach wie vor verbreitet. Fehlt es an Aufklärung?
Stephan Lautenschlager: Vorsicht, Polemik (lächelt)! Der Stand der Aufklärung ist nicht schlecht. Aber es gibt Risikopatienten, bei der Syphilis etwa männliche Homosexuelle oder Leute aus dem Milieu. Dort wissen jedoch die meisten um das Risiko. Von Chlamydien oder Herpes kann aber auch die junge Dame von nebenan betroffen sein...

Beobachter: ...also ist sie ungenügend informiert?
Lautenschlager: Wohl nicht. Aber das Bewusstsein für die Ansteckungsgefahr solcher Krankheiten war lange unterentwickelt. Die für Aids aufgestellten Safer-Sex-Regeln sind bezüglich Geschlechtskrankheiten irreführend: «Sperma nicht in den Mund» impliziert, dass Oralverkehr ohne Ejakulation kein Problem darstellt. Genau so übertragen sich aber fast alle Geschlechtskrankheiten.

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Beobachter: Bei Ihnen im Zürcher Kreis 4 zeigt sich vor allem das Krankheitsbild der grössten urbanen Region der Schweiz. Was gibt es für Unterschiede zwischen Stadt und Land?
Lautenschlager: Bei der Syphilis zeigt sich ein klarer Stadt-Land-Graben. Auf die Ballungszentren Zürich, Genf, Lausanne und Bern entfallen etwa zwei Drittel der Patienten. Appenzell-Innerrhoden hat hingegen praktisch keine Fälle. Andere Krankheiten wie Chlamydien oder Herpes treten jedoch flächendeckender auf.

Beobachter: Hat die Zuwanderung Auswirkungen?
Lautenschlager: Gerade Einwanderer aus dem südlichen und östlichen Raum wie Eritrea und Syrien haben dermatologische Bilder, die wir so schon länger nicht mehr gesehen haben. Aber Geschlechtskrankheiten sind in solchen Kulturkreisen eher seltener, der promiskuitive Lebensstil ist ja auch nicht dort anzusiedeln.

Beobachter: Und wie sieht es bei den Älteren aus?
Lautenschlager: In der Altersgruppe 65 plus nehmen Ansteckungen zu, sowohl bei HIV als auch bei Gonorrhö. Alleine 2015 traten 14 Prozent aller Syphilisfälle bei Patienten in der siebten Lebensdekade oder noch später auf. Das hat viel mit Zeitgeist und natürlich auch Möglichkeiten zu tun: Ältere Männer mit erektiler Dysfunktion können sich heute mit Medikamenten wieder fit machen und kommen so eher zu einem Risikokontakt.

«In der Altersgruppe 65 plus nehmen die Ansteckungen zu, bei HIV wie bei Gonorrhö.»

Stephan Lautenschlager

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Beobachter: In den Köpfen junger Menschen ist das Kondom vor allem zur Verhinderung von Schwangerschaften da. 
Lautenschlager: Das ist eine soziokulturelle Behauptung. Aber Fakt ist: Geschlechtskrankheiten übertragen sich häufig anders als das HI-Virus, und wer das Ansteckungsrisiko senken will, muss sich auch bei oralsexuellen Kontakten schützen. Diese Botschaft scheint mir noch nicht ganz angekommen zu sein.

Beobachter: Was gilt es sonst noch zu beachten? 
Lautenschlager: Nun, wenn man gar nicht erst das Risiko eingehen will, sich eine Geschlechtskrankheit zu holen, empfiehlt es sich, die Anzahl Sexualpartner zu reduzieren. Doch das will heute natürlich niemand hören.

Beobachter: Wer sich etwas eingefangen haben, kommt zu Ihnen. Welche Reaktionen stellen Sie fest? 
Lautenschlager: Viele sind ja nicht zum ersten Mal da. Die sind dann relativ ruhig. Den anderen ist es meist peinlich. Und einige sind auch einfach nicht dazu in der Lage, sich zu schützen.

Beobachter: Inwiefern? 
Lautenschlager: Alkohol – oder Drogeneinfluss kann zu Enthemmung führen und die Vorsicht vergessen lassen. Und ein Teil der Bevölkerung scheint sich auch sonst nicht schützen zu können. Aber ich will niemanden verteufeln.

Beobachter: Wem würden Sie gerne mehr Verantwortung übertragen?
Lautenschlager: Jedem einzelnen! Primär gilt es, solche Infektionen zu verhindern. Und wenn es dann doch soweit ist, muss eine schnellstmögliche Abklärung und Therapie inklusive der Partner und Partnerinnen erfolgen. Nur so können die epidemischen Züge solcher Krankheiten eingedämmt werden. Auch die Ärzte stehen natürlich in der Verantwortung. Selbst bei vagen Symptomen muss man ihn oder sie darauf ansprechen und nachfragen, was passiert sein könnte.

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Beobachter: Ergeben Labormeldungen, wie sie in der Schweiz schon für HIV-Infektionen bestehen, diesbezüglich Sinn? 
Lautenschlager: Eine Labormeldung ist in der Schweiz nicht nur bei HI-Infektionen, sondern auch bei Hepatitis, Gonorrhö, Syphilis und anderen Infektionen obligatorisch. Diese erfolgt an den Kantonsarzt und an das Bundesamt für Gesundheit (BAG).

Beobachter: Anonym? 
Lautenschlager: Ja, in der Meldung stehen einzig die Initialen. Dafür setzten wir Ärzte uns lange Zeit ein.

Beobachter: Was halten Sie von Diagnosen per Smartphone? Bereits existieren Körpersonden für Scans oder Apps für den Farbabgleich bei Blutproben. 
Lautenschlager: Vor allem in den homosexuellen Communities werden zwischen Patienten solche Möglichkeiten zunehmend genutzt. Das kann man ja machen, vielleicht trägt es gar zur Aufklärung bei. Aber ich finde den Kontakt zwischen Arzt und Patient enorm wichtig. Testresultate etwa teile ich immer persönlich mit.

Beobachter: Sie wollen Einfluss auf Ihre Patienten nehmen. 
Lautenschlager: In gewisser Hinsicht schon. Was der Patient danach mit der Information macht, ist seine Sache. Jeder soll seine Sexualität nach seinem Gusto ausleben, aber er soll Bescheid wissen über die damit verbundenen Risiken. Und vor allem soll er verantwortungsvoll mit einem allfälligen Infekt umgehen.

Beobachter: Sie sprechen den Ping-Pong-Effekt an: Geheilte Patienten stecken sich sogleich wieder beim ebenfalls infizierten Partner an.
Lautenschlager: Richtig, das ist nach wie vor ein Problem. Auch hier müssen wir vielen klar machen: Die Verantwortung liegt beim Paar. Man muss im Falle einer Infektion unbedingt auch mitteilen, mit wem man welche Interaktionen vorgenommen hat, damit alle Betroffenen zur Untersuchung geschickt werden können. Wenn das dann halt nur anonyme Partner sind, wird es schwieriger.

Beobachter: Wie etwa bei einem Bordellbesuch. 
Lautenschlager: Zum Beispiel. Aber auch da kann man ja diskret bleiben.

Beobachter: Bei steigenden Zahlen, etwa im Falle von Chlamydien, stellt sich die Frage: Fördern mehr Tests einfach auch mehr Infektionen zutage?
Lautenschlager: Bei Chlamydien spielt das sicher eine Rolle. Vor zehn Jahren hatte man noch nicht so einfache Tests, das Verfahren war komplizierter. Gleichzeitig testet man heute mehr Leute. Interessant ist auch der Wandel, der sich in der Gesellschaft bezüglich Geschlechtskrankheiten vollzogen hat. Anfang der Nullerjahre konnte man ja das Gefühl bekommen, die Syphilis sei ausgestorben, so wenig wurde darüber gesprochen.

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Autor: Moritz Marthaler
Infografik: Anne Seeger (Quelle: BAG)
Illustration: Thilo Rothacker