Kurt Imhof ist Soziologe und Publizistikwissenschaftler. Der 55-Jährige leitet den Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich.

Beobachter: Die Schweizer Occupy-Bewegung hat sich in einem improvisierten Zelt-Camp auf dem Zürcher Lindenhof installiert. Eine wacklige Basis, um einen Kampf gegen die Banken zu führen. Knickt eine solche Bewegung nicht mit der ersten Schlechtwetterfront ein?
Kurt Imhof: Jede Bewegung stirbt früher oder später. Das Wetter ist aber selten der Grund. Bei der Occupy-Bewegung stehen die Zeichen für eine anhaltende Mobilisierung sogar besonders gut. Dass die Aktivisten in einem bescheidenen Camp hausen, macht sie eher noch sympathisch. Wären die Proteste dagegen in einer linken Parteizentrale organisiert worden, würde das als Wahlpropaganda wahrgenommen. Dabei ist der Unmut über die Banken tatsächlich immens. Und das in breiten Bevölkerungskreisen.

Beobachter: Warum hat Occupy bessere Karten als andere Bewegungen?
Imhof
: Es lohnt sich ein Vergleich mit der letzten grösseren Bewegung, die der Globalisierungskritiker. Sie ist gescheitert. Wer wird im Januar noch gegen ein World Economic Forum in Davos demonstrieren?

Beobachter: Dann doch eher gegen die Banken?
Imhof
: Ja, weil dieser «Feind» fassbar ist. Anders der Kampf der transnationalen Globalisierungskritiker. Er richtete sich gegen länderübergreifende politische und wirtschaftliche Gremien, wie eben das WEF oder die G8 und G20-Gipfel. Ein ziemlich abstrakter Gegner.  Kommt hinzu, dass sich ja gerade viele Linke als Antinationalisten verstehen. Das bringt jede Bewegung zum Stolpern.

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Beobachter: Anders bei den Rechten?
Imhof: Die Rechten sind die Gewinner der nationalen Globalisierungskritik. Sie kämpfen nicht gegen ein abstraktes Konstrukt, sondern gegen den Verlust der nationalen Selbstbestimmung und die Zuwanderung von Ausländern. Das bewegt.

Beobachter: Die Occupy-Bewegung nimmt Banken und das Finanzsystem ins Visier. Warum sollte das besser funktionieren?
Imhof: Weil wir alle mit den Banken verbandelt sind, als Gläubiger oder als Schuldner. Jeder Kontoauszug erinnert uns daran. Der Unmut über die Lohn- und Entschädigungssysteme im Bankenkader ist zwar nicht neu. Hinzu kommt jetzt aber die Unbelehrbarkeit im Investmentbanking. Wenn Politiker jetzt die Rettung solcher Banken wiederholt zu einer Pflichtaufgabe der Steuerzahler erklären, wächst dieser Unmut natürlich weiter an. Und das bis in bürgerliche und liberale Kreis hinein. Selbst die FDP will sich ja nicht mehr als bankennahe Partei verstanden wissen. Bankenkritik ist salonfähig geworden, bis hinein in die Rotary-Clubs.

Beobachter: Sie blenden die Kritik an der Occupy-Bewegung aus. Sie sei unfähig, konkrete Forderungen zu stellen, ist in Kommentaren immer wieder zu lesen.
Imhof: Dahinter steckt ein Missverständnis über die Funktionsweise einer Bewegung. Sie kann wohl Protest und Wut gegen etwas zum Ausdruck bringen. Sie ist aber nicht in der Lage, sehr spezifische Forderungen zu stellen. Wie soll sie darüber einen Konsens unter kaum organisierten Sympathisanten finden? Je konkreter Forderung, die von einer sozialen Bewegung gestellt wird, desto grösser ist die Gefahr ihres Zersplitterns.

Beobachter: Was droht ihr sonst noch?
Imhof
: Von der Politik vereinnahmt zu werden. Wenn Parteifahnen über dem Paradeplatz wehen, werden sich viele Bewegte abwenden. Bisher haben sich die Politiker ja zurückgehalten. Im Ausland ist das schon anders. Für das politische Personal  hat die Bewegung zurzeit etwas Verlockendes. Sie verlangt ja letztlich mehr Regulation der Finanzwirtschaft. Und das ist jetzt die Aufgabe der Politik.

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Beobachter: Was wird von der Bewegung einmal bleiben?
Imhof: Manche Aktivisten werden sich in anderen Gruppierungen für konkrete Anliegen einsetzen. Die Sympathisanten werden sich darin bestärkt fühlen, dass es für die Regulierung von Banken und Finanzwirtschaft auch einen Druck aus der Bevölkerung braucht. Den Politikern alleine wird das offensichtlich nicht zugetraut.

Occupy reloaded

Die Zürcher Occupy-Bewegung will am Samstag, 21. Oktober erneut den Zürcher Paradeplatz besetzen. Die Kundgebung ist von der Stadt Zürich bewilligt worden. Bereits am vergangenen Samstag versammelten sich rund 1000 Personen in Zürich. Inzwischen haben sich einige Dutzend Aktivisten in einem Zelt-Camp auf dem Zürcher Lindenhof eingerichtet. Die Proteste sind bisher friedlich verlaufen.