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Open-Air-TheaterDas Böse über dem Bielersee

Profis und Laien führen am Originalschauplatz «Der Richter und sein Henker» auf. 66 Jahre nachdem Dürrenmatts Krimi erstmals erschien – als Fortsetzungsroman im Beobachter.

Der alte Kommisär Bärlach (Ernst C. Sigrist) und der junge Tschanz (Matthias Britschgi)
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So richtig glauben mag man es erst nicht, was da im Programmheft von «Dürrenmatt am Tatort» steht: Der Schweizer Schriftsteller habe für keines seiner Werke einen Plan vorgefertigt, sei bloss seiner Intuition gefolgt und habe abgewartet, was dabei am Ende herauskam.

Sein erster Kriminalroman «Der Richter und sein Henker» wurde 1950 im Beobachter in Fortsetzungen erstveröffentlicht. Er hat einen sperrigen Plot, der sich Stück um Stück erschliesst, und mit dem Lebemann Gastmann und dem Kommissär Bärlach zwei komplexe Hauptpersonen.

Auf der Freilichtbühne im bernischen Schernelz oberhalb von Ligerz spielen vor der atemberaubenden Bielerseekulisse Joey Zimmermann den wohlhabenden Hedonisten Gastmann und Ernst C. Sigrist den alternden, schwer kranken, auf eine verschlagene Art weisen Bärlach.

Ganz im Sinn Dürrenmatts

Drei Jahre lang hat der Verein Schluchttheater daran gearbeitet, eine theatergerechte Fassung des Romans aufzuführen. Regisseur Jürg Fankhauser lässt auf der beengten Rasenbühne den Dichter immer wieder persönlich auftreten. Die Idee ist ganz im Sinn Dürrenmatts, der so Gelegenheit erhält, das Weiterleben seines Texts aus nächster Nähe mitzuverfolgen.

Der Roman ist heute noch aktuell, vor allem durch seine unausgesprochene These, dass hinter allen scheinbar historischen Entwicklungen nichts anderes steckt als die Rechthaberei und Rachsucht einer zu allem entschlossenen Person, die buchstäblich über Leichen geht.

Es ist eine Art Gesamtkunstwerk

Zu Zimmermann und Sigrist als Gastmann und Bärlach gesellt sich ein ebenbürtiger Matthias Britschgi als junger, ehrgeiziger Tschanz. Laienschauspieler begleiten das professionelle Trio. «Die Laien haben völlig anders funktioniert als die Berufsschauspieler. Sie haben sich ihren Rollen langsam angenähert, während die Profis ihren Part gleich voll nach allen Möglichkeiten ausgelotet haben. Laien proben, Profis probieren», sagt Regisseur Fankhauser.

«Der Richter und sein Henker» ist für das winzige Schernelz ein Erfolgsereignis. Der Andrang auf die Tickets war so gross, dass die Tribüne in letzter Minute vergrössert werden musste. Die 20 Aufführungen zu je 300 Besuchern waren im Nu ausverkauft.

Vieles trägt dazu bei, aus diesem Theaterevent eine Art Gesamtkunstwerk zu machen: die zwei Stationen Fahrt mit der Standseilbahn, der Spaziergang durch Dürrenmatts Garten, wo noch seine Liegestühle stehen, und nicht zuletzt der Blick hinunter auf die St. Petersinsel. Hier glaubt man Dürrenmatt nur zu gern, dass er kein pedantisches Storyboard brauchte und seine Eingebungen zum einzig richtigen Ziel führten.

Veröffentlicht am 16. August 2016