Jesus war sein grosses Vorbild. Ihm versuchte Pfarrer Ernst Sieber sein Leben lang nachzuleben, seiner Lehre der gelebten Nächstenliebe und Solidarität. Wer sich erinnert, wie er mit Schlapphut und im langen Mantel in bitterkalten Nächten durch Zürichs Strassen streifte, Randständige und Obdachlose mit Namen begrüsste, herzlich in die Arme schloss, ahnt, wie nahe Sieber seinem Vorbild wohl gekommen ist. Sieber predigte nicht nur Menschenliebe, er lebte sie Prix Courage Pfarrer Sieber lebte Zivilcourage Tag für Tag. Mit der ihm eigenen Sturheit kämpfte und sorgte er bis ins hohe Alter für die sozial Schwachen.

Der Showman von Gottes Gnaden

Ernst Sieber wurde 1927 in der Zürcher Seegemeinde Horgen geboren. Nach Erfahrungen als Bauernknecht in der Westschweiz studierte er an der Universität Zürich Theologie. Dann zog es ihn für ein Jahr nach Paris, wo er als Vikar in den Slums arbeitete. 1956 übernahm er für zehn Jahre die Pfarrei in Uitikon-Waldegg ZH. Schlagzeilen machte Sieber zum ersten Mal im Winter 1963/64. Eine Kältewelle hatte die Schweiz seit Wochen im Griff, der Zürichsee war zugefroren. Sieber organisierte umgehend eine Betreuung der Obdachlosen im Kriegsbunker am Zürcher Helvetiaplatz. «Ein Stück Himmelreich» wolle er zu Weihnachten hier unten verwirklichen, sagte er in einem eindringlichen Spendenappell im Schweizer Fernsehen.

 

Anzeige

«Immer wieder/ gibts beim Sieber/ einen Fünfliber»

Pfarrer Ernst Sieber

 

Wenn Journalisten ihn nach den Wurzeln seines Glaubens fragten, führte er sie zu einer mächtigen Linde auf dem Hirzel zwischen Wädenswil und Sihlbrugg. Hier sei er aufgewachsen, «im Paradies», wie er dann sagte, zwischen Himmel und Erde, als Hirte inmitten einer weidenden Herde. Hier habe er vor einer Blume gekniet. «Ich habe über die Natur zum Glauben gefunden», sagt er in einem Dokfilm von SRF. «Der Showman von Gottes Gnaden» haben die Macher den Film betitelt.

Sieber störte sich nicht daran. Sein Lehrer habe ihm seinerzeit nur einen Beruf zugetraut: Schauspieler. Die Lust am Komödiantischen zog sich durch sein ganzes Leben. «Immer wieder/ gibts beim Sieber/ einen Fünfliber», sang er bestens gelaunt gemeinsam mit seinen Schutzbefohlenen auf Zürichs Strassen.

Er scheute keine Grenzen

Einmal sprach er ein ganzes «Wort zum Sonntag» auf Stelzen, sinnbildlich für das Streben der Menschen nach Aufstieg, Geld und Macht. Ein andermal trat er als Strassenwischer auf und demonstriert damit seine unbedingte Solidarität mit den Benachteiligten der Gesellschaft.

Sieber machte keine Kompromisse und scheute keine Grenzen. In den achtziger Jahren war er einer der ersten, die sich um die Drogenabhängigen auf dem Platzspitz und am Letten in Zürich kümmerten. Bis zu 5000 Menschen versorgten sich im «Needle Park» mit Heroin, spritzten, dealten und prostituierten sich. Während sich andere empört abwandten, gründete Sieber den «Sune-Egge», das Spital für Suchtkranke.

«Der Sune-Egge» war nur der Anfang. Die Stiftung hat sich in den vergangenen Jahren zu einem professionellen, mit viel Herzblut geführten Sozialwerk entwickelt. Die 180 Mitarbeitenden seiner 16 Einrichtungen und Angebote betreuen im Sinn von Pfarrer Sieber sozial desintegrierte Menschen. Sie werde das auch weiterhin tun, seine Werke sollen weiterleben, verspricht Gesamtleiter Christoph Zingg.
 

«Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox»

Martin Vetterli, stv. Chefredaktor

Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox

Der Beobachter Newsletter

Anzeige