Wenn Ueli Meyer ein Restaurant besucht, studiert er sofort die Speisekarte. Er sucht aber nicht kulinarische Leckerbissen wie unsereins, sondern grammatikalische. Der Mann kann nicht anders, er hat diese Witterung: Meyer sieht überall Fehler.

Journalisten und «Werbefritzen», wie er sagt, sind seine bevorzugten Opfer, Zeitungen, Zeitschriften und Reklameprospekte sein Jagdrevier. Die Beute markiert er mit gelbem Leuchtstift, zum Beispiel den folgenden Titel: «Fünfte Leiche geboren». Oder: «Millionen von Schneeflöhe ziehen durch die Wälder» - es schmerzt ihn, dass man diesen Tierchen das Dativ-n amputiert hat. Oder diesen: «CVP und FDP in heller Aufruhr». Trotz neuer Rechtschreibung, die Meyer im Übrigen ablehnt: Der Aufruhr ist immer noch männlich. Die Stücke legt der Fehlerfahnder in Bundesordnern ab, alphabetisch aneinandergereiht nach Fundort - mumifiziert hinter Plastikfolie wie Trophäen.

«Ein Graus»

Rentner Meyer holt den Reporter am Bahnhof ab. Er trägt Lederstiefel, Bluejeans, ein rotschwarzkariertes Hemd und einen Seehundschnauz, erinnert eher an einen Cowboy denn an einen Federfuchser - es fehlt nur der Stetson. Seine 73 Jahre gibt man ihm nicht. Schon auf dem Weg erzählt er atemlos, als seien Punkt, Komma und Gedankenstrich nie erfunden worden, ein Leben lang habe er sein Licht unter den Scheffel gestellt. Und bemerkt nebenbei: Das Notizbüchlein, das der Reporter aus der Tasche zieht, sei ziemlich klein.
Entdeckt Meyer einen Fehler, lässt er es nicht dabei bewenden, sondern geigt der Redaktion schriftlich die Meinung. Englischfehler sind Meyers Spezialität, die nimmt er sich schon vor dem Mittagessen vor. Liest er in der Zeitung von «Livestyle» statt von «Lifestyle», ein typisches meyersches Beutestück, dann juckt es ihn. «Leider ist es nachgerade Mode geworden, bei jeder Gelegenheit mit Wörtern aus dem Englischen um sich zu schlagen.» Von Leuten, die berufsmässig in Sprachproblemen waten, erwartet er solideres Handwerk.

Neulich erhielt er eine Einladung eines Countryklubs samt Speisekarte, die war gespickt mit Fehlern: «Chesse» statt «Cheese» oder «Backed Potatos» statt «Baked Potatoes» und so weiter. «Ein Graus für jeden, der eine Ahnung von Englisch hat», schrieb er dem Vereinsvorstand. Der reagierte und wollte ihn sofort als Sekretär engagieren.

Seine Leidenschaft: Cowboys

Was Meyer ärgert, ist nicht der Fehler an sich, sondern die Haltung dahinter: das Wichtigtuerische, das Pfund Eitelkeit, das sich hinter solchen Wortgirlanden verbirgt. Warum den «Lifestyle» bemühen, wo es auch der Lebensstil täte? Meyer ist gewissermassen eine Art Sprach-Derrick, das Psychologische ist ihm wichtig. Er geniesst es, die Leute mit ihren Fehlern zu konfrontieren.

Meyer war sein Berufsleben lang «mit der Sprache zugange», wie er sagt. Nach der kaufmännischen Lehre verkaufte er 16 Jahre lang Bäckereimaschinen. In dieser Firma stieg er zu einer Art − heute würde man sagen − «Art Director» auf. Er entwarf und textete Firmenprospekte und Inserate. Meyer brachte sich Französisch, Englisch und ein bisschen Spanisch bei. Später verkaufte er am Telefon Caterpillar-Bulldozer in die ganze Welt. «Ich hätte nach Tokio gehen können, Singapur, gopferdeckel.» Gelandet ist er in Burgdorf, Kanton Bern. Er hätte studieren können, sagt er, doch die Umstände, sie gestatteten es nicht, oder er wollte nicht − wie auch immer.

Er sagt das nicht bitter, denn er glaubt, dass «im Leben alles für etwas gut ist», er glaubt an die kleinen Zufälle, an Fügung. Durch eine solche habe er seine grosse Leidenschaft entdeckt: Cowboys. Er sei mal einem Bekannten auf einer Ranch zur Hand gegangen, daraus sei eine lebenslange Freundschaft geworden. Fortan tauschte er in den Ferien immer wieder den Bürostuhl gegen den Cowboysattel ein. Bildbände über Alaska, Utah und die Rockies füllen sein Büchergestell, Werke mit Titeln wie «You Too Can Canoe» oder «Camping’s Top Secrets» sind seine Lektüre. Wenn Meyer schon nicht im Wilden Westen lebt, so kann er wenigstens von dort träumen, wenn er die Sprache der Cowboys spricht. Im Kino notiert er sich schon mal eine englische Redewendung, die er nicht kannte.

Auch phonetischen Fehlern spürt er nach: Sie tun seinen Ohren weh. Dank Meyers Intervention spricht das Schweizer Fernsehen heute die amerikanische Stadt Tucson richtig aus. Der «Tagesschau»-Sprecher Leon Huber hatte sie einst «Taxen» genannt statt «Tuusson». Das schmerzte Meyer bis ins Mark, er deponierte seine Reklamation umgehend - und erhielt Antwort vom Chefredaktor persönlich. «Ich werde meine Redaktion, für alle künftigen Fälle, entsprechend informieren.» Das ist eines von Meyers kostbareren Stücken.

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«Schwobendeutsch» ist unerwünscht

Auch ärgert ihn, wenn hiesige Journalisten deutsche Bezeichnungen gebrauchen, wo es helvetische gäbe. So überfiel in einer Kurzmeldung einer Zeitung ein 20-jähriger Mann mit einem «Fleischermesser» eine Berner Papeterie. Hier aber gebe es keine Fleischermesser, sondern nur Metzgermesser, meint Meyer (ausser der Täter wäre ein Deutscher und hätte seine Waffe mitgebracht). Wir müssen nicht «Schwobendütsch» übernehmen, findet er.

Auch weil in einer Kurzmeldung der «Neuen Zürcher Zeitung» eine Horde Löwen einen Touristen getötet hatte, griff er in die Tasten. Die Wissenschaftredaktorin schrieb zurück: «Sie haben in der Tat recht. Der Ausdruck Horde ist im Zusammenhang mit Löwen nicht passend. Rudel oder auch Gruppe wäre besser gewesen.»

Überhaupt Tiere, mit Tieren kennt er sich aus, da gibt es für Meyer allerhand zu rügen. Ein Reisejournalist berichtete in der «Sonntags-Zeitung» über seine Übernachtung am Polarkreis: «Der Wind brüllt wie eine Herde brünstiger Elche, waagrecht kommt Schnee auf mich los, nädelt das Gesicht, reisst die Lippen schrundig.» Abenteuerlich formuliert, nur leider falsch. Meyer reklamierte schriftlich: Brünstige Elche brüllten überhaupt nicht, sondern gäben geradezu jämmerliche Töne von sich, die gar nicht zu diesem imposanten Tier passten. Eine Antwort erhielt er nie.

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Bitte bloss kein «Schtiik»

Einen Kurzkrimi-Autor in einer Wochenend-Beilage überführte er der Waffenignoranz; ein starkes Stück für einen Krimiautor. Der hatte nämlich ebenfalls gedichtet: «Nach neun Schüssen ist Christophers Revolvermagazin leer.» Ein so kurzer unschuldiger Satz, möchte man meinen, doch Sprachfahnder Meyer findet gleich zwei Fehler: «Ein Revolvermagazin gibt es nicht, jeder Revolver hat eine Trommel.» Erstens. «Und neunschüssige Revolver gibt es erst recht nicht.» Zweitens. Das sind so bedeutende Kleinigkeiten für Meyer.

Was ihn antreibt? «Ich sage mir, du musst diesen elitären Besserwissern zu merken geben, dass auch sie nicht unfehlbar sind.»

In diesen Wochen ist es wieder einmal so weit: Meyer bricht für eine Reise nach Amerika auf. Dort muss er im «Drive-in» nicht damit rechnen, dass ihm ein «Schtiik» den Appetit verdirbt.

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Quelle: Marco Zanoni