Über das Treiben im Hof zur Kirschblüte kursieren wilde Gerüchte. Hier, im kleinen Dorf Lüsslingen SO, arbeitet der Arzt und Psychiater Samuel Widmer mit einigen seiner Anhängerinnen und Anhänger. Auch die «Solothurner Zeitung» hat schon über den umstrittenen Arzt berichtet. Nun haben sich beim Beobachter besorgte Leser gemeldet, die über die fragwürdigen Therapiemethoden Widmers irritiert sind.

Widmer ist ein umtriebiger Mann, er hält Vorträge und schreibt Bücher. Die meisten greifen eines seiner Steckenpferde auf: die psycholytische Psychotherapie. Das ist eine Behandlungsform, bei der der Therapeut den Patienten bewusstseinserweiternde Stoffe abgibt. Widmer hatte früher vom Bundesamt für Gesundheit eine Bewilligung für die Psycholyse mit LSD und Ecstasy. 1993 wurde die Abgabe dieser Drogen aber generell verboten.

Noch immer wende er die Psycholyse an, schreibt Widmer dem Beobachter, jetzt aber mit «Medikamenten, die sich im Medizinschrank jedes Arztes befinden». Diese Behandlungen könne er auch über die Krankenkasse abrechnen. Weiter schreibt Widmer: «Menschen, die sich aus Selbsterfahrungs- und nicht aus Krankheitsgründen für eine solche Behandlung interessieren, berappen sie natürlich selbst.»

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«Sehr bedenklich»

Das macht schon stutzig. Konkret heisst das nämlich: Widmer gibt als Arzt offenbar «bewusstseinserweiternde Substanzen» an völlig gesunde Menschen ab. Ein Arzt darf solche Substanzen aber nur im Rahmen eines bewilligten klinischen Versuchs an Gesunde oder als Therapie an kranke Menschen verabreichen.

«Wenn Widmer bewusstseinserweiternd sagt, gibt er ja nicht Kamillentee ab. Solche Substanzen wirken auf das zentrale Nervensystem und damit auf die psychischen Funktionen», sagt Robert Kenzelmann, Leiter der Abteilung Klinische Versuche des Swissmedic, Nachfolgeorganisation der Interkantonalen Kontrollstelle für Heilmittel. «Dass ein Arzt das in dieser Form macht, ist sehr bedenklich und sollte von den zuständigen lokalen Behörden genauestens angeschaut werden.»

Widmers zweites Lieblingsthema ist die Liebe, und zwar die von allen Tabus und Zwängen befreite Liebe. Wer sein Buch «Von der unerlösten Liebe zwischen Vater und Tochter vom Inzesttabu und seinen Folgen» zur Hand nimmt, erschrickt über Widmers Aussagen. Seine Theorie: Nicht der Inzest, sondern das Tabu sei das Problem. So kommt Widmer unter anderem zu folgendem Schluss: «Wenn zwei derart befreite Menschen miteinander schlafen wollen, ist es in Ordnung, (...) sogar dann, wenn sie zuerst Vater und Tochter oder Therapeut und Klientin waren.»

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Auf die Frage, ob er tatsächlich Sex mit seinen Klientinnen habe, reagiert Widmer entsetzt: «Halten Sie mich für ein Monster?» Die Worte «Vater/Therapeut» und «Tochter/Klientin» brauche er im übertragenen Sinn für eine Beziehung irgendeiner Art.

«Sektenhafte Züge»

Auch Widmers Berufskollege Peter Gehrig, Psychiater und klinischer Sexologe in Zürich, hat das Buch gelesen: «Es ist das alte Lied von der Liebe des Mächtigen, Wissenden, Führers und Erlösers, die eigensüchtiges Handeln verklärt und letztlich zu jeder Untat berechtigt.» Das Ganze sei verpackt in eine Mischung abstruser Theorien um Inzesttabu und befreite Sexualität. Die sexuelle und narzisstische Ausbeutung in Psychotherapien werde so fatalerweise als «beglückende Beziehung zwischen endlich befreiten Menschen» dargestellt. «Leider reagieren die Fachgesellschaften meistens viel zu spät», sagt Gehrig.

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Auch die Sektenberatungsstelle Infosekta ist über die Aktivitäten von Widmer informiert. Für Dieter Sträuli, Psychologe und Koleiter der Infosekta, ist vor allem problematisch, dass Widmer die sexuelle Freiheit propagiere, psychotrope Substanzen anwende und ein messiasähnliches Auftreten habe. «Dieses Gemisch ist sehr gefährlich, das Ganze hat sektenhafte Züge», sagt Sträuli.

Aufgrund des Buchs über den Inzest ist nun die Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGP) aktiv geworden. Widmer ist zwar selber aus der SGP ausgetreten. Diese wird aber bei der Ärztegesellschaft FMH beantragen, Widmer die FMH-Zugehörigkeit abzusprechen. Zu mehr ist sie nicht befugt.

Anders der Kanton Solothurn: Er könnte Widmer die Praxisbewilligung entziehen. Immerhin ist Widmers Brief an den Beobachter zu entnehmen, dass er psychoaktive Substanzen an gesunde Menschen verabreicht. «Wir sind an die Gesetze gebunden. Die Bewilligung für die Praxis können wir nur entziehen, wenn Fakten vorliegen. Anonyme Anschuldigungen und Buchpassagen reichen nicht aus», sagt Beat Pfluger, Jurist des Gesundheitsamts. «Hätten wir aber handfeste Aussagen von Zeugen, könnten wir handeln.»

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