Beobachter: 43 Prozent wollen den Reichen die AHV streichen. Sind die Schweizer im Herzen revolutionär geworden?
Michael Hermann: Nein, nein, es handelt sich ja auch nicht um eine Extremforderung. Der Vorschlag führt die AHV eigentlich bloss auf ihre ursprüngliche Bestimmung als Altersarmutsversicherung zurück. Das Umfrageergebnis zeigt, dass dieser un­konventionelle Ansatz in der Bevölkerung ernst genommen wird – über die klassi­schen politischen Grenzen hinweg.

Beobachter: Warum greift die Linke das Thema nicht auf?
Hermann: Sie hat Angst davor, dass die Reichen dann nicht mehr bereit wären, die Kosten der AHV mitzutragen. Eigentlich müssten FDP und CVP das Thema aufnehmen. Es wäre eine elegante und allenfalls auch mehrheitsfähige Lösung für das Finanzierungsproblem der AHV.

Beobachter: Gross ist auch die Zustimmung zur Erbschaftssteuer und dazu, dass hohe Einkommen stärker besteuert werden. Sind Beobachter-Leser ­besonders links?
Hermann: Sie sind in sozialpolitischen Fragen vielleicht etwas sensibler als der Durchschnitt. Aber sozial motivierte Forderungen finden heute generell wieder mehr Anklang – als Reaktion auf eine schleichende Entsolidarisierung, auf die Kultur der Millionenboni und der Steuerumgehung. Im Mittelstand macht sich das Gefühl breit, dass nur noch wenige vom Wachstum des Wohlstands profitieren.

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Beobachter: Warum stürzen sozialpolitische Anliegen an der Urne trotzdem so oft ab?
Hermann: Je näher der Abstimmungstermin rückt, desto stärker schwindet jeweils die Zustim­mung. Das konnte man bei der Steuergerechtigkeitsinitiative der SP beispielhaft beobachten. Am Schluss gaben Befürchtungen den Ausschlag: dass die Reichen wegziehen, die KMU Probleme bekommen und am Ende der Mittelstand die Rechnung zahlen muss. Solidarität war plötzlich zweitrangig.

Beobachter: Liegen SP, Grüne und EVP bei der Erbschaftssteuer ebenfalls falsch?
Hermann: Wenn sie eine Chance haben soll, müssten die Leute unmittelbar profitieren. Das ist nicht der Fall, wenn das Geld in den grossen AHV-Topf fliesst. Wenn man damit die Krankenkassenprämien verbilligte, wäre das anders. Mein Eindruck ist aber: Es geht gar nicht so sehr um Zusatzeinnahmen. Man will die Reichen strafen und ihren neuen «Feudalismus» aufbrechen.

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Beobachter: Will man deshalb Grossunternehmen zwingen, mehr IV-Bezüger anzustellen und mehr Lehrstellen zu schaffen?
Hermann: Man trennt auch hier zwischen gross und klein. KMU werden als Teil des helvetischen Grundkonsenses betrachtet, sie sind deshalb fast unantastbar. Die Forderung zielt gegen die Banken und die international tätigen Unternehmen, die sich in globalen Sphären bewegen.

Beobachter: Lauter Mehrheiten für linke Anliegen. Trotzdem kommt die Linke auf keinen grünen Zweig. Was ist ihr Problem?
Hermann: In der Sozialpolitik besteht die Furcht, dass eine Massnahme zwar gut gemeint ist, aber am Schluss der Wirtschaft und damit uns allen schadet. Sozialpolitik ist immer auch Wirtschafts­politik, und da trauen viele den Bürgerlichen mehr zu. Hinzu kommt, dass die Linke bei der Zuwanderungsfrage nicht bei den Leuten ist. Anders als in der Sozialpolitik glauben hier viele Stimmbürger an einfache Lösungen – davon profitiert die SVP.

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Beobachter: Warum dieser Widerspruch?
Hermann: Eigentlich unterscheiden die Leute auch hier sehr genau. Geht es nur darum, den Ausländern das Leben ungemütlicher zu machen, wie bei der Minarett- und der Ausschaffungsinitiative, dann traut sich eine Mehrheit, mit Ja zu stimmen. Sobald aber Wirtschaftsfragen ins Spiel kommen, wägen die Leute ab. Sie möchten zwar weniger Zuwanderung, sind aber nicht bereit, die Personenfreizügigkeit und die Bilateralen dafür zu opfern.

Beobachter: Hat der Wunsch, die Zuwanderung zu drosseln, nichts mit Ausländerfeindlichkeit zu tun?
Hermann: Er drückt vor allem ein Unbehagen an der sehr dynamischen Entwicklung der letzten Jahre aus. Man weiss nicht so recht, wohin die Reise geht. Wer findet, es gebe zu viel Zuwanderung, ist aber im Alltag noch lange nicht feindselig gegenüber Fremden eingestellt – das gilt insbesondere gegenüber Deutschen.

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Beobachter: Jetzt beschönigen Sie aber.
Hermann: Die Deutschen sind deutlich besser integriert als etwa die Amerikaner, die unsere Sprache nicht lernen, ihre Kinder in Privatschulen stecken und in Parallelgesellschaften leben. Der Vorwurf an die Deutschen, sie seien laut und arrogant, ist eigentlich derselbe, den die Zürcher jahrelang von den Restschweizern hören mussten. Es sind die feinen Unterschiede, die man gerne zelebriert. Man lässt Dampf ab, weiss aber, dass uns die Deutschen sehr ähnlich sind.

Beobachter: Sind die Deutschen die neuen Zürcher?
Hermann: (lacht) Das könnte man so sagen.

Beobachter: Verbergen sich hinter der Ablehnung grösserer Bauzonen dieselben Ängste?
Hermann: Gut möglich. Weil das Mittelland zugebaut wird, sehen viele die idyllische Schweiz von früher in Gefahr. Die Kritik daran drückt ein ähnliches Gefühl aus wie die Kritik an den Superreichen oder den Zuwanderern. Hier Gemeinschaftsorientierung, Kleinräumigkeit, Übersichtlichkeit und Intaktheit, dort das Unüberschaubare, Individualisierte, Egoistische, Anonyme.

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Beobachter: Ist das nicht einfach eine Reaktion auf die Globalisierung?
Hermann: Kritik an der Globalisierung ist hierzulande immer Kritik am Urbanen. Das hat historische Gründe: Die Schweiz ist eines der wenigen Länder, die nicht um ­eine grosse Stadt herum entstanden, sondern sich aus der Peripherie heraus entwickelten. Stadtkritik ist etwas Urschweize­risches. Daher waren die neunziger Jahre, als man plötzlich stolz auf das urbane Zürich war, eine Ausnahme. Heute macht wie­der das Bild einer anonymen, dichten, zugebauten Schweiz vielen Angst – nicht nur Rechts­konservativen, auch Grünen und Linken.

Beobachter: Wieso profitiert davon nur die SVP?
Hermann: Weil sie als einzige Partei das Bild der tradi­tionellen Schweiz hochhält. Alle andern ha­ben den Prozess der Öffnung mitgetragen.

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Beobachter: Was bedeutet das für die Politik?
Hermann: Je dynamischer sich die Gesellschaft entwickelt, desto mehr gewinnen in der Politik die konservativen Kräfte die Oberhand. Die Politik ist das Rückzugsgebiet, wo man sein Missfallen ausdrücken kann. Gegen­über den gesellschaftlichen und wirtschaft­lichen Trends ist die Politik aber letztlich machtlos. Dass die Schweiz immer internationaler, vernetzter und urbaner wird, kann niemand aufhalten.

Beobachter: Was sind die Folgen?
Hermann: In vielen Bereichen geht die gesellschaftliche Entwicklung in eine Richtung, die po­litischen Tendenzen gehen in eine andere. Das zeigt das Beispiel Harmos: Der Kanton Thurgau hat alle Harmos-Forderungen um­gesetzt, auch Konservative schicken ihre Kinder zwei Jahre in den Kindergarten. Trotzdem wurde Harmos an der Urne verworfen. Ein anderes Beispiel: Es werden immer mehr binationale Ehen geschlossen, viele haben ausländische Freun­de, und wir wissen, dass wir ausländische Arbeitskräfte brauchen. Gleichwohl gewinnt in der Politik, wer sich für eine möglichst restriktive Ausländerpolitik einsetzt. Die Politik ist vor allem auch ein Ventil.

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Beobachter: Wird die Atomkatastrophe in Japan die politische Geographie der Schweiz verändern?
Hermann: Die Wirkung ist vorläufig auf die AKW-­Frage begrenzt. Auch Tschernobyl wirkte damals nur so stark, weil zuvor schon das Waldsterben ein grosses Thema war und es der in den achtziger Jahren verbreiteten Angst vor einem ökologischen Super-GAU ein Gesicht gab. Die Grünen gewinnen wo­möglich auf Kosten der SP, die Grünliberalen auf Kosten von FDP und CVP. Aber ein SVPler wird nicht plötzlich ein Grüner. Gleichzeitig helfen die Umwälzungen in der arabischen Welt vor allem der SVP – wegen der Angst vor Flüchtlingen.

Beobachter: Lassen die Freiheitsbewegungen das Feindbild Islam bröckeln?
Hermann: Die Umwälzungen werden das Bewusstsein wohl nur kurzfristig beeinflussen. Nach einem Monat werden solche Erkennt­nisse von den alten Bildern zugedeckt. Der Islam bleibt für viele ein Feindbild.

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