Beobachter: Hatten Sie schon Kontakt mit Hinterbliebenen oder Opfern des Bosnienkriegs?
Roman Graf: Noch nicht, aber in zwei Wochen werde ich eine Zeugin der Anklage befragen, die hier in der Schweiz wohnt. Es handelt sich um ein Kriegsopfer, das Angehörige im Bürgerkrieg verloren hat.

Beobachter: Wie erklären Sie dieser Frau, dass Sie ausgerechnet den Mann verteidigen, dem die Gräueltaten im Bosnienkrieg und insbesondere das Massaker von Srebrenica angelastet werden?
Graf: Gleich wie anderen Menschen auch. Dass nämlich auch jemandem wie Karadzic eine Verteidigung zusteht und dass ich eben für diese arbeite. Was es für mich etwas angenehmer macht, ist, dass ich die Zeugin lediglich befragen muss und es nicht das Ziel ist, ihre Glaubwürdigkeit zu «zerpflücken».

Beobachter: Bei Ihrer Arbeit müssen Sie unzählige Berichte und Dokumentationen mit Bildern durchackern. Haben Sie schon einmal von all dem Schrecklichen, das Sie lesen und sehen, geträumt?
Graf: Nein. Tatsache ist, dass man etwas abstumpft gegen all das Grauen. Einerseits ist das schlimm, anderseits muss ich sagen: glücklicherweise.

Beobachter: Glücklicherweise?
Graf: Man kann dadurch etwas besser umgehen mit dem, was man liest – und mit den Bildern der Leichen, der verstümmelten, missbrauchten, misshandelten Menschen. Das gehört zu dieser Arbeit dazu. Trotzdem kann ich das Leid der Betroffenen nachvollziehen. Ich verstehe, dass sie Gerechtigkeit verlangen und wollen, dass die Schuldigen zur Rechenschaft gezogen werden.

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Beobachter: Was genau ist das Ziel der Verteidigung?
Graf: Einen Freispruch zu erwirken.

Beobachter: Und glauben Sie an den Erfolg?
Graf: Ich sage jetzt mal ja. Der Punkt ist: Karadzics Gesinnung und seine Äusserungen damals kann man moralisch werten. Ob er dadurch im juristischen Sinn schuldig ist, muss sich erst weisen. Die Anklage hat einen schweren Stand: Da Karadzic «nur» ziviler Anführer der bosnischen Serben war, ist es sehr schwierig, ihm die Schuld an den begangenen Gräueltaten zu beweisen.

Beobachter: Zweifeln Sie denn daran, dass all die Taten begangen wurden?
Graf: Ich bezweifle nicht, dass Kriegsverbrechen begangen wurden. Nur ist es sehr schwierig, juristisch eine Brücke zu Karadzic zu schlagen. Das wäre anders, wenn er in einer militärischen Struktur gestanden hätte.

Beobachter: Haben Sie Radovan Karadzic schon getroffen?
Graf: Nein. Es ist sehr schwierig, von den Gefängnisbehörden Zugang zu erhalten. Aber es ist mir auch nicht so wichtig, ihn persönlich kennenzulernen. Mir gehts ums Rechtliche, nicht um seine Person.

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Beobachter: Was erhalten Sie für Ihre Arbeit?
Graf: Wie fünf weitere der derzeit insgesamt 14 Juristen der Verteidigung arbeite ich unentgeltlich, die andern werden vom Tribunal entschädigt. Alexander Zahar, ein australischer Professor, mit dem ich schon früher am Tribunal in Den Haag gearbeitet habe, hat mich zusätzlich an Bord geholt. Er wollte mich auch für meine Arbeit bezahlen, aber ich wollte das nicht.

Beobachter: Wieso machen Sie den Job trotzdem?
Graf: Schon damals, als ich auf der Richterseite arbeitete, war es extrem spannend. Jetzt ist es nicht viel anders, nur die Perspektive hat gewechselt. Vermutlich kann man sich auf Anklageseite emotional mehr engagieren. Aber wie gesagt, die Arbeit ist spannend.

Beobachter: Aber so werden Sie später durchs Leben gehen als einer von denen, die den Serbenführer Karadzic verteidigt und möglicherweise gar rausgepaukt haben.
Graf: Damit habe ich kein Problem. Ich halte mich daran fest, dass es sich um einen korrekten, fairen Prozess handelt, dass Recht gesprochen werden wird. Das würde ich auch sagen, wenn er schuldig gesprochen würde. Zudem kann ich so weiter mit dieser Welt in Den Haag in Kontakt bleiben.

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Beobachter: Sie machen es also auch aus Karrieregründen?
Graf: Ich denke nicht, dass es ein Karriereschritt ist. Dafür müsste ich mir damit einen Namen machen können, und das glaube ich nicht. Aber ich kann sicher viele Erfahrungen sammeln, kriege mit, wie eine solche Verteidigung vorgeht, wie die Abläufe sind.

Beobachter: Der Fall erregt aber öffentliches Interesse.
Graf: Natürlich imponiert es mir auch, an diesem Prozess mitzuarbeiten. Es ist immerhin das bedeutendste Verfahren dieser Art seit den Nürnberger Prozessen. Bei den meisten von uns spielen das Prestige, dabei sein zu können, sowie das Interesse an der Materie die Hauptrolle.

Beobachter: Was würde ein Freispruch für die Öffentlichkeit bedeuten?
Graf: Karadzic hat sich eben mit seiner Politik sehr weit aus dem Fenster gelehnt. Allerdings ist das, wie schon gesagt, kein Schuldbeweis für die ihm angelasteten Straftatbestände. Trotzdem wäre ein Freispruch für die Öffentlichkeit völlig unverständlich und würde schwer am Ruf des Tribunals kratzen. Aber wenn Karadzic im juristischen Sinn nicht schuldig gesprochen werden kann, muss er freigesprochen werden.

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Beobachter: Karadzic, von Haus aus Psychiater, will sich selber verteidigen und weigert sich gleichzeitig, vor Gericht zu erscheinen. Wie viel Ihrer Arbeit besteht darin, den Angeklagten zu vernünftigem Handeln zu bewegen?
Graf: Sagen wir so: Es ist sicher nicht unsere Strategie, den Prozess zu verzögern. Auch innerhalb der Verteidigung spalten sich zuweilen die Meinungen über das weitere Vorgehen, so zum Beispiel in der Frage, ob Karadzic beim Prozessbeginn anwesend sein sollte.

Beobachter: Wieso will Karadzic sich selber verteidigen?
Graf: Er will einfach seine Version der Dinge darlegen. Er sagt: «Niemand kennt die Fakten so gut wie ich. Schliesslich war ich dabei.»

Beobachter: War das seine Idee oder die der Verteidigung?
Graf: Diesen Entscheid traf er, bevor er einen Verteidigerstab hatte.

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Beobachter: Was geschieht jetzt, da das Tribunal wegen Karadzics Fernbleiben Richard Harvey als zusätzlichen Pflichtverteidiger eingesetzt hat?
Graf: Das Ganze ist etwas aus den Fugen geraten, läuft auf Konfrontation hinaus. Karadzic wird vorerst nicht mit Harvey zusammenarbeiten. Und das Risiko besteht, dass Karadzic das Gericht nutzen wird, um seine ideologischen und politischen Ansichten zu vertreten. Das wäre aber seiner Verteidigung nicht unbedingt dienlich.

Beobachter: Eine Aufgabe der Verteidigung ist es also, ihn davon abzuhalten, sich selber zu vertreten?
Graf: Es steht der Verteidigung keinesfalls zu, sich so direkt gegen den Willen des Angeklagten zu richten. Es geht eher darum, ihn in seiner Verteidigung bestmöglich zu unterrichten und zu beraten.

Beobachter: Was halten eigentlich Ihre Freunde und Bekannten davon, dass Sie Karadzic verteidigen?
Graf: Wer sich näher damit befasst, kann mich verstehen. Ich habe auch Bekannte aus der Region und auf Seiten der Bosniaken. Nicht einmal die nehmen mir das übel. Und eben, alle haben das Recht auf eine gute Verteidigung.

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Beobachter: Der Prozess geht erst am 1. März nächsten Jahres weiter. Was machen Sie bis dahin?
Graf: Wir bereiten uns vor. Wir müssen diese vier Monate gut nutzen, schliesslich hatten wir angesichts der Beweismittel, die mittlerweile eine Million Seiten umfassen, zehn Monate gefordert.

Roman Graf ist Doktorand an der juristischen Fakultät in Lausanne und gibt dort auch Seminare. Seine Dissertation behandelt die Frage, wann ein in Kriegszeiten verübtes Verbrechen ein Kriegsverbrechen ist und wann nicht. Seit November letzten Jahres gehört er zu Karadzics Verteidigerstab. Graf stammt aus Frauenfeld und lebt in Lausanne.

Radovan Karadzic

Im Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 war er das Oberhaupt der bosnischen Serben und Präsident der «Republika Srpska». Radovan Karadzic, 64, gilt als einer der Hauptverantwortlichen für den Tod von Zehntausenden von Menschen. Nach 13 Jahren Flucht wurde er im Juli 2008 verhaftet. Die Anklagepunkte in Den Haag: Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Wird er schuldig gesprochen, droht ihm lebenslange Haft.

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