Susanne Meures, Regisseurin, erzählt:

 

In England habe ich in der Zeitung einen Hinweis auf Technopartys im Iran gelesen und gedacht: «Wow, das ist ein gutes Filmthema!» Ich wollte wissen, wer die jungen Leute sind, die den Mut haben, in einem der restriktivsten Länder dieser Welt Raves in der Wüste zu veranstalten. Im Iran ist jede Party strikt verboten, und westliche Musik wird zensiert.

Anzeige

 

Das Thema «DJs trotz allem» wurde dann zu meinem Master-Abschlussfilm an der Zürcher Hochschule der Künste, wo ich Film studiert habe.

Das harmlose Girl mit Kopftuch

 

Kontakt zur Technoszene im Iran suchte ich via Facebook. Das war ziemlich kompliziert, weil die meisten Leute ein Pseudonym verwenden und wegen des hohen Risikos, verhaftet zu werden, zurückhaltend sind. Ich flog nach Teheran, und letztlich fand ich die zwei DJs, Anoosh und Arash. 

 

Insgesamt war ich in zwei Jahren sechsmal im Iran, immer mit einem Touristenvisum. Eine Drehbewilligung hatte ich nicht. Die Bedingungen waren nicht einfach, das begann schon beim Ort zum Übernachten. Die evangelische Kirche in Teheran setzte uns nach einer Nacht vor die Tür.

 

Ich drehte mit einem Smartphone und mit einer Touristenkamera. Für die Kamera hatte ich zwei Arten Speicherkarten vorbereitet, die einen für das Filmmaterial, die anderen voller Touristenfotos. Wann immer wir öffentlichen Raum betraten, setzte ich eine Karte mit den Touristenbildern in die Kamera ein und versteckte die andere im BH. 

 

Es war von grossem Vorteil, eine Frau zu sein. Du bist harmloser, das lächelnde Girl mit Kopftuch und Mantel auf dem Hintersitz des Autos. Wir wurden oft von der Polizei kontrolliert. Nicht gerade täglich, aber doch beunruhigend oft.

«Manchmal konnte ich es nicht fassen, was da alles vor der Kamera geschah.»

Susanne Meures, Regisseurin

Anzeige

Dass ich die Landessprache Farsi nicht sprach, war kein Hindernis. Für Anoosh und Arash und alle anderen Beteiligten rückte ich darum still und leise in den Hintergrund. Ich wurde so etwas wie eine Topfpflanze auf zwei Beinen, die einfach mit dabei war. 

Versteckte Kamera im Männerhemd

 

Ich habe nie eingegriffen und gesagt: Tut mal dies oder sagt mal das. Das würde man sofort merken, dann wäre die Magie der Authentizität weg. Die Jungs sind DJs und keine Schauspieler. Sie fragten immer: Was ist der Plan? Ich fragte zurück: Was läuft morgen, nächste Woche? Je nachdem war ich dabei – oder eben nicht. Manchmal konnte ich es nicht fassen, was alles vor der Kamera geschah. Etwa die Szene im Park, wo sich der eine DJ und seine Freundin trennen.

Szene aus dem Film «Raving Iran».

Quelle: Aus dem Film «Raving Iran» (Christian Frei Filmproductions GmbH)

 

Wir haben oft mit versteckter Kamera gefilmt. Einer der beiden trug beim Dreh ein Männerhemd, in dem ich ein Smartphone platzierte. Das Hemd hatte ich auf dem Basar nähen lassen. Gerade die Szenen im Ministerium für Kultur und islamische Führung lassen tief blicken, wie dieser Staat funktioniert. 

 

Das Material aus dem Land zu schaffen war eine Sache für sich. Ich konnte ja nicht mit 20 Festplatten ein- und wieder ausreisen. Ich habe die Festplatte verschlüsselt und Touri-Bilder draufgepappt. Iranische Studenten schafften sie aus dem Land. Der Film entstand letztlich im Schneideraum in der Schweiz. Ein Jahr Synchronisieren und Übersetzen, das war ein Vollzeitjob, das war echt, echt, echt mühsam.

Anzeige

Im Osten verschiebt sich der Humor

 

Ich finde es wichtig, solche Filme zu machen. Damit gibt man dieser jungen, unsichtbaren Generation Kraft und Macht und schwächt das Bild des autoritären Regimes. 

 

Ein paar Monate lang bin ich jetzt an Festivals unterwegs und erlebe, wie dieses Kind, mein Film, in der Welt aufwächst und von ihr aufgenommen wird. Vor ein paar Tagen sass ich unter Kokosnüssen in der Karibik, es war sehr heiss, und dann war ich mit einem Schnupfen mitten in Russland, in Perm, wo «Raving Iran» ebenfalls an einem Festival gezeigt wurde.

 

In Europa lachen die Leute immer an den gleichen Stellen, im Osten verschiebt sich der Humor – wobei ich nicht weiss, ob das an den Untertiteln liegt. Da bekommt jedes Komma eine neue Bedeutung. Doch immer haben die Leute Mitgefühl mit den DJs und ihrer Situation. Sie können sich mit der Zerrissenheit identifizieren und dem Streben nach etwas anderem, mit dem Wunsch, den man vielleicht nicht leben kann oder nicht lebt.

 

Wenn die Auswertung dieses Films beendet ist, gehe ich gleich an den nächsten. Auch wenn der Film dich mit Haut und Haar auffrisst. Du bist der Film, der Film bist du. Du bist mit dem Film verheiratet.