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ReligionFrauen wollen einen neuen Islam

Echte Reformen fordern im Islam vor allem Frauen. Den Dialog mit Schweizer Behörden und Politikern prägen aber konservative muslimische Organisationen.

von und

Vom Minarettverbot völlig überrascht, waren sich Politiker und Religionsvertreter sofort einig: Jetzt müsse «der Dialog» intensiviert werden. So wird in zwei Wochen an der Universität Zürich zum interreligiösen Dialog aufgerufen. Initiant der Veranstaltung ist das Zürcher Dialog-Institut, eine Organisation türkischer Muslime, die sich dem Gedankengut des umstrittenen Predigers Fethullah Gülen verpflichtet fühlt. Das «Abrahamitische Symposium» steht unter dem Motto: «Ist Religion Privatsache?»

Fethullah Gülen ermuntert aus seinem Exil in den USA dazu, konservative islamische Glaubensinhalte und Lebensführung mit westlichen Demokratien in Einklang zu bringen. Kritiker warnen vor einer pseudomodernistischen Bewegung; in Tat und Wahrheit würden sich Gülens Anhänger jeder echten Reform verweigern. «Was an der Zürcher Tagung harmlos als ‹interreligiöser Dialog› daherkommt, verfolgt die Absicht, von namhaften Persönlichkeiten die Bestätigung zu erhalten, dass Religion nicht Privatsache sein darf. Die Trennung zwischen Staat und Religion ist den konservativen Muslimen nämlich ein Dorn im Auge», warnt Saïda Keller-Messahli, die Präsidentin des Schweizer Forums für einen fortschrittlichen Islam. Die Bestätigung diene militanten Islamanhängern dann als Argument, um gegen eine säkulare, weltliche Ordnung mobilzumachen.

«Das sind nur 15 Prozent der Muslime»

Als Mitorganisator für die Tagung im Februar konnte das Dialog-Institut die Theologische Fakultät der Uni Zürich gewinnen. Bereits zum zweiten Mal innert weniger Monate wird dann der Zürcher Regierungsrat Markus Notter an einer Veranstaltung dieses Instituts teilnehmen. «Ich führe auch mit eher konservativ gesinnten Religionsvertretern den Dialog», meint Notter dazu. «Von reformorientierten Muslimen bin ich bis jetzt nicht eingeladen worden. Ich sehe es auch nicht als meine Aufgabe, bestimmte religiöse Ausrichtungen zu bevorzugen oder zu bekämpfen. Der Staat soll sich in Glaubensfragen nicht einmischen.»

Auf Dialog setzt auch Eveline Widmer-Schlumpf. Drei Wochen nach der Minarettabstimmung traf sich die Justizministerin mit Vertretern islamischer Organisationen. Eingeladen: die Föderation islamischer Dachorganisationen in der Schweiz, die Koordination islamischer Organisationen Schweiz und die undurchsichtige Fondation de l’Entre-Connaissance, deren Sekretär Hafid Ouardiri die Berner Demonstration nach der Minarettabstimmung organisiert hatte. Fazit des Treffens: Der Bund sei für die Wahrung des Religionsfriedens und das ungestörte Zusammenleben zwischen den verschiedenen Kulturen im Land verantwortlich. Er wolle deshalb «den Dialog mit den Muslimen fortführen».

«Dialog» ist das Zauberwort – in der Realität versagt es. Denn Behörden und Politiker führen den Dialog mit Vertretern konservativer Organisationen, reformbereite Muslime bleiben aussen vor. Für Keller-Messahli ist deshalb klar: «Die Politiker und Behörden sollten ihre Fixierung auf die islamischen Organisationen endlich aufgeben. Sie repräsentieren nur 15 Prozent der muslimischen Bevölkerung.» Noch deutlicher formuliert es Necla Kelek, deutsche Soziologin türkischer Abstammung: «Dass die islamischen Organisationen als Vertretung der Muslime schlechthin angesehen werden, ist eine Katastrophe.» Zumindest auf Bundesebene scheint sich jetzt ein Umdenken abzuzeichnen. «Wir werden künftig den Kreis der Gesprächsteilnehmer erweitern», sagt der Sprecher des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements, Guido Balmer. Wer konkret eingeladen werde, sei aber noch nicht bekannt.

Eine Islamkritikerin unter Polizeischutz

Die unverblümte und klare Sprache von Keller-Messahli und Kelek ist typisch für eine kleine Gruppe mutiger muslimischer Frauen in Europa (siehe die folgenden zwei Seiten). Sie gehen in ihrer Kritik am Islam viel weiter als die meisten ihrer männlichen Kollegen. «Die Frauen sind die ersten Opfer des Islams. Sie haben unter dieser Religion viel mehr zu leiden als die Männer», sagt Mina Ahadi, Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime. Die gebürtige Iranerin, die heute in Köln lebt, steht wegen ihrer exponierten Stellung im Zentralrat unter Polizeischutz: «Wer heute etwas Kritisches zu Mohammed oder zum Koran sagt, erhält sofort Morddrohungen.»

«Wir müssen aufhören, höflich zu sein»

Reformorientierten Muslimen fehlt jedoch eine Organisation, die auch von Behörden und Politikern als Gesprächspartner anerkannt wird. Das Manko ist erkannt: «Es gibt einen grossen Bedarf, dass sich die säkularen, liberalen Muslime besser organisieren. Aber ein stärkeres Engagement gelingt erst, wenn die schweigende Mehrheit die Notwendigkeit begreift, dass die Interpretation des Islams und die damit zusammenhängenden Fragen wie das Kopftuch für Kinder oder die Dispensation vom Schwimmunterricht nicht einer kleinen Minderheit überlassen werden dürfen», sagt die Berner Politikwissenschaftlerin Elham Manea, gebürtige Ägypterin.

Manea und auch Keller-Messahli wünschen sich statt des Austauschs von unverbindlichen Freundlichkeiten, wie er bisher meist stattgefunden hat, einen wirklichen Dialog zwischen den orthodoxen islamischen Kreisen und der liberalen Mehrheitsgesellschaft, zu der eben auch viele Muslime gehörten. «Wir müssen aufhören, höflich zu sein und Probleme zu verharmlosen. Wir müssen heikle Dinge wie Zwangsehen, die Verhüllung der Frau, die Vorgänge in den Moscheen und die patriarchalen Gewohnheiten auf den Tisch bringen und hart diskutieren», sagt Keller-Messahli.

Ein solcher Dialog dürfte die konservativen Muslime aber überfordern. So wollte die «Basler Zeitung» nach der Minarett-Initiative die progressive Keller-Messahli mit der konservativen Aynur Akalin, Vertreterin der islamischen Organisationen im Rat der Religionen, einem überkonfessionellen Diskussionsforum, an einen Tisch bringen. Akalin verweigerte das Gespräch. Es gehöre nicht zu ihren Prinzipien, eine öffentliche Diskussion mit Angehörigen des islamischen Glaubens einzugehen. Seltsam – Aynur Akalin sitzt im Vorstand des Zürcher Dialog-Instituts.

Saïda Keller-Messahli, Zürich

Mein Islam: Die Muslime müssen endlich über den menschlichen Ursprung des Korans nachdenken und diskutieren. Der Koran wurde von Menschen zusammengetragen und geschrieben. Nur diese Einsicht bringt uns die Freiheit für Reformen. Vom Gegenteil ­aus­zugehen führt zum Stillstand.

Denn wenn man davon ausgeht, dass der Koran von Gott geschrieben ist, sind Änderungen unmöglich, weil man es als Anmassung betrachtet, einen göttlichen Text an unsere Zeit anzupassen.

Ich träume davon, eine Moschee zu erleben, in der alles anders wäre: eine Moschee im Zeichen der Gleichberechtigung, der unverhüllten Geschlechter und der Solidarität auch mit Atheisten, Agnostikern, Andersgläubigen, Homosexuellen. In konservativen muslimischen Kreisen hält man leider nichts von den universalen Menschenrechten. Man sieht sie als imperialistisches Herrschaftsinstrument.

Biographie: Saïda Keller-Messahli, 52, wurde in Tunesien geboren und lebt seit ihrem achten Lebensjahr in der Schweiz. Sie studierte Romanis­tik und englische Literatur und war unter anderem als ­internationale Beobachterin in Hebron, als Journalistin und als ­Gymnasiallehrerin tätig. Saïda Keller-Messahli ist Gründerin und ­Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam.

Necla Kelek, Hamburg

Mein Islam: Der Islam muss sich demokratisieren. Die Muslime müssen aufhören, Kollektivrechte einzufordern und als geschlossene Gemeinschaft aufzutreten. Stattdessen sind die Einzelrechte zu stärken, etwa die Freiheit, sich vom Islam abzuwenden, ohne ­deswegen bedroht zu werden.

Der Koran muss als historischer Text gelesen werden, und die ­Scharia gehört als gesellschaftliche und gesetzliche Norm geächtet. Die Muslime sollten sich von ihren Übervätern befreien, von Allah, ­Mohammed, dem Imam. Sie müssen wegkommen von diesem ­Denken in Hierarchien, diesem Gehorchen nach oben. Wir müssen uns vernetzen, eine Form der Organisation finden, mehr mit den Unis und Wissenschaftlern zusammenarbeiten.

Biographie: Necla Kelek wurde 1957 in Istanbul geboren und kam mit neun ­Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland. Sie studierte Volkswirtschaft und Soziologie und forscht zum Thema Parallel­gesellschaften. Sie ist Mitglied des Plenums der Deutschen ­Islamkonferenz.

Bücher: «Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland»; «Die verlorenen Söhne. Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes»

Mina Ahadi, Köln

Mein Islam: Der Islam verletzt die Rechte der Kinder, der Frauen, der Homosexuellen, der «Ungläubigen» und bestraft den Glaubensabfall nach wie vor mit dem Tod. Das ist mittelalterlich. Ein grosser Teil dieser Religion muss abgeschafft werden, der Rest in die Privat­sphäre zurückgedrängt werden. Der Glaube der Muslime muss Privatsache werden. Leider solidarisieren sich vor allem linke Medien immer wieder mit den Islamisten, weil sie deren Kampf als anti­imperialistisch werten. Sie haben ein Herz für islamische Hardliner und schauen weg, wenn eine Frau gesteinigt wird.

Biographie: Mina Ahadi, geboren 1956 im Iran, studierte Medizin und war aktiv in der linken Opposition gegen den Schah und gegen Khomeini. Ahadis damaliger Mann wurde hingerichtet, sie konnte fliehen. Nach zehn Jahren Kampf in Kurdistan flüchtete sie nach Wien. Seit 1996 lebt Mina Ahadi in Köln. Sie gründete das Inter­natio­nale Komitee gegen Steinigung, ein weltweites Netzwerk mit 200 Organisationen. Seit 2007 ist sie Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime. Im März 2009 wurde der Schweizer Ableger gegründet.

Buch: «Ich habe abgeschworen. Warum ich für die Freiheit und gegen den Islam kämpfe»

Elham Manea, Bern

Mein Islam: Die «islamische Identität» ist der Kern der Botschaft der Islamisten: «Wir sind in erster Linie Muslime.» Manche Jugendliche, die in Europa und in den arabischen Gesellschaften leben und aus verschiedenen Gründen desorientiert sind, finden Trost in einer solchen Identität. Ich nenne sie die «Weglauf-Identität».

Im Gegensatz dazu schlage ich eine «humanistische Identität» vor. Ein humanistischer Islam muss auf den Grundsätzen der Wahl­freiheit und der Rationalität beruhen: Selbst wenn ich das Wesen des ­Korans in Frage stelle, bin ich immer noch ein Muslim. Geklärt werden muss auch die Geschlechterfrage: In der islamischen Realität ist eine Frau einem Mann in ihren Rechten nicht gleichgestellt, ­insbesondere im Bereich der Familie.

Biographie: Elham Manea wurde 1966 in Ägypten geboren und wuchs als Tochter eines Diplomaten in verschiedenen arabischen und westlichen Ländern auf. Sie ist Dozentin am Institut für Politikwissenschaft der Uni Zürich. Bei ihren Reisen in der ­islamischen Welt hat sie Kontakt mit Frauen unterschiedlicher ­Herkunft. Sie ist ­Mitglied im Vorstand des Forums für ­einen fortschrittlichen Islam.

Buch: «Ich will nicht mehr schweigen»

Veröffentlicht am 18. Januar 2010