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ReligionWarum Gott die Welschen nicht mehr in Versuchung führt

Die Romands haben den Wortlaut des Vaterunsers geändert. Die Reformierten protestierten erst – und lenkten schliesslich ein.

Beim bekanntesten Gebet wurde der Text abgewandelt.
von aktualisiert am 14. Februar 2018

Vom Religionsunterricht mag nicht mehr viel in Erinnerung sein. Doch das Vaterunser ist allen präsent. Und nun soll ausgerechnet dieses bekannteste Gebet geändert werden. Warum nur?

Der Papst stört sich am «Führe uns nicht in Versuchung». Nicht, weil das Wort höchstens noch mit Schokolade in Verbindung gebracht wird. Nein, dem Heiligen Vater missfällt, dass es in diesem Wortlaut Gott ist, der den Gläubigen auf die Probe stellt.

«Ein Vater tut so etwas nicht», sagte Papst Franziskus im italienischen Fernsehen. «Wer dich in Versuchung führt, ist Satan.»

Darf man das überhaupt?

Dieser Meinung sind auch die französischen Bischöfe. Deshalb haben sie den Satz mit der Versuchung neu übersetzt. Seit dem ersten Advent 2017 betet man in Frankreich: «Lass uns nicht in Versuchung geraten.» Damit ist Gott als Versucher aus dem Spiel. Verständlich, dass der Papst mit dieser überarbeiteten Version sympathisiert.

Doch darf man ein Gebet, das die ganze Christenheit verbindet, einfach mal so ändern? Die Formulierung ein bisschen zurechtbiegen, weil einem die Art, wie Gott sonst daherkommt, nicht mehr in den Kram passt? 

Das Vaterunser ist ja nicht irgendein alter Text. Es sollen göttliche Worte sein. Jesus selbst habe das Gebet seinen Nachfolgern vorgesprochen. Und das «Führe uns nicht in Versuchung» ist identisch in den Evangelien Matthäus und Lukas überliefert.

Dass der Papst die Worte Jesu verändern will, alarmierte viele Theologen. Man könne Gott nicht zurechtrücken, wie man wolle, argumentierten sie. Es entspreche nicht der Bibel, dass nun mit dem lieben Gott und dem hinterlistigen Satan die Welt so klar in Gut und Böse aufgeteilt wird. Die Heilige Schrift erzähle oft auch von Unverständlichem, das Gott mache. Zum Beispiel, als er mit der Sintflut die Menschen für ihre Bosheit strafte und nur Noah, seine Familie und ein paar Tiere rettete. Da war nicht der Satan am Werk. Diese Theologen fordern daher, die alte Formulierung des Vaterunsers zu belassen, selbst wenn sie anstössig sei.

Vor vollendete Tatsachen gestellt

Anstoss an der Neuformulierung der französischen Bischöfe haben auch die Reformierten in der welschen Schweiz genommen. Doch bei ihnen standen nicht theologische Gründe im Vordergrund. Problematisch fanden sie, dass sie vor vollendete Tatsachen gestellt wurden. Denn im Sommer kündigte die Schweizer Bischofskonferenz dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund an, man werde die neue Version aus Frankreich ab dem ersten Advent in den französischsprachigen Kantonen einführen. Gott soll die Gläubigen auch dort nicht mehr in Versuchung führen, sondern sie im Gegenteil vor ihr bewahren.

Die Kirchendiplomatie brachte es nun fertig, dass mit der Neuversion bis an Ostern zugewartet wird. So konnten die Synoden der reformierten Kantonalkirchen dem veränderten Vaterunser zustimmen – was sie wie im Waadtland teils nur zähneknirschend und mit knapper Mehrheit taten.

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Jasmine Helbling, Online-Redaktorin

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