Eine Blaskapelle schmettert auf dem Marktplatz von Boulogne-sur-Gesse. Gebrechliche Männer mit Orden am Revers stehen schweigend vor einem kranzgeschmückten Denkmal. Die Nationalflagge weht auf halbmast. Rundherum spärliches Publikum. Sie alle gedenken der Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Es ist der 11. November, Frankreich erinnert sich kollektiv an den Waffenstillstand mit dem Deutschen Reich. Das war 1918. Auch fast 100 Jahre später kann ein nationaler Feiertag französischer kaum sein.

Anna Peter und Roland König kommen gerade von einem antiquarischen Flohmarkt. Von Literatur zu Napoleon, Hitler und Charles de Gaulle bis zu Nackedeiheftli aus den siebziger Jahren gabs alles, wonach es das Hobbyhistorikerherz gelüstet, muffeligen Geruch und Stockflecken inklusive. Nur die Kundschaft war dürftig, die Geschäfte wohl ebenso. Feiertags­bespassung in der Provinz.

Ärger über die Schweizer Flagge

Jetzt nähern sich die beiden der Menschenansammlung beim Denkmal. Zögerlich, fast scheu. Und vor allem leise. Man will, ganz schweizerisch, nicht auffallen und schon gar nicht stören. Das Paar weiss, wie es sich zu verhalten hat. Die beiden leben seit elf Jahren in Blajan, einem 500-Seelen-Dorf, knapp fünf Kilometer südlich des Städtchens Boulogne-sur-Gesse. «Ich passe mich gerne an, solange ich mich dabei nicht verbiegen muss», sagt die 59-jährige Anna Peter. «Ich schaue einfach, wie es die Einheimischen machen, und mache es dann gleich wie sie.»

Anzeige

Kaum ist die Schweigeminute vorbei, der letzte Ton der Blaskapelle verebbt, kommt Bewegung auf. Erst verhalten, dann immer entspannter wird begrüsst, geplaudert, getratscht. Auch «les Suisses» grüssen, parlieren. Mit Gilbert, dem Gärtner, mit der hochbetagten Nachbarin Dédé, mit einer Kollegin aus dem Töpferkurs, den Anna Peter seit Jahren besucht. Mit Charly, dem pensionierten Feuerwehr-Lieutenant, der sich heute den Gefallenen zu Ehren in seine alte Uniform geschmissen hat und sich immer über die Schweizer Flagge ärgert, die Roland König im Garten gehisst hat. Was diesen diebisch amüsiert, nicht zuletzt, weil Charly gar keine französischen, sondern italienische Wurzeln hat.

«Wir waren abgenützt, mochten einfach nicht mehr», erinnert sich Anna Peter an die Zeit vor dem Entschluss, der Schweiz den Rücken zu kehren. Beide hatten ihr Leben lang hart gearbeitet. Er als Metzger, sie ursprünglich als Zahntechnikerin, später im Büro. Für Anna, die ein Kind allein grossgezogen hat und immer werktätig war, hatte es zudem fast zwei Jahrzehnte lang geheissen: Doppelbelastung ohne Schützenhilfe. Und dann machten den beiden auch noch grössere Veränderungen am Arbeitsplatz zu schaffen.

Anzeige

Eines Feierabends in der Küche ist er dann plötzlich da, der Gedanke: Weg. Weg aus der Schweiz. Für immer. Einfach auswandern. Aber so richtig. Und zwar jetzt, nicht erst nach der Pensionierung. «Wer die Idee zuerst ausgesprochen hat, wissen wir nicht mehr», sagt Anna. Aber für beide ist Auswandern die Lösung, dort in der Küche im aargauischen Anglikon. Vier Jahre später tauschen sie die 1000-Einwohner-Gemeinde gegen das 500-Seelen-Dorf Blajan, 80 Kilometer von Toulouse und ebenso nah an der spanischen Grenze. Beide haben etwas Erspartes und lassen sich ihre Pensionskasse voll auszahlen. Roland verkauft sein Haus in Anglikon «zu einem guten Preis». Ein 40-Tönner wird mit allem Hausrat gefüllt. Sie graben sogar den Sockel des Stewi-Wäscheständers aus – um ihn im Garten ihres neuen Zuhauses, einer stillgelegten Bahnstation, wieder einzugraben.

Anzeige
Quelle: Dominic Büttner

Vier Hektar Boden, französische Weite und mehr Wärme: das Anwesen der beiden Schweizer

Quelle: Dominic Büttner
Anzeige

Die AHV reicht hier viel weiter

Als sie 2004 der Schweiz Adieu sagen, ist Anna 48, Roland 55. Mittlerweile hat sich Roland vorzeitig pensionieren lassen und lebt von der AHV. Das Haus ist abbezahlt, die grössten Posten sind die Steuern und das Heizöl. «Die 1700 Franken AHV reichen hier viel weiter als in der Schweiz», sagt er. Und für Notfälle hat er noch etwas auf der ­Seite. Anna, die noch etliche Jahre von der Pensionierung entfernt ist, lebt von ihrem Ersparten und bietet über ihre Website Horoskope an.

Tatsächlich sind die Lebenshaltungskosten in vielen Belangen tiefer als in der Schweiz. «Ich war ziemlich verblüfft, als ich beim Zahnarzt die Rechnung für einmal Zahnziehen samt Röntgenbildern und Spritze beglich», erzählt Anna Peter. 20 Euro kostete das. «Doch wirklich perplex war ich, als später ein Rückerstattungs­check der Krankenkasse über 13 Euro im Briefkasten lag.»

Anzeige

Die zwei hatten zuerst weiter nördlich eine Liegenschaft gefunden. Doch daraus wurde nichts, weil ihre Baueingabe abgelehnt wurde. Die Suche führte sie immer weiter weg von der Schweiz. Auch von Annas Tochter. «Sie war damals zwar schon 28. Trotzdem hatte ich ein schlechtes Gewissen, sie so allein zurückzulassen.» Und so führten die beiden stundenlange Gespräche, bis für Anna klar war: «Es ist gut. Ich kann gehen.»

Entfernung zur Schweizer Heimat

Allerdings ist da auch noch Annas Mutter, 83. Gerade jetzt sind die 1000 Kilometer, die zwischen ihnen liegen, nicht einfach zu ertragen. Die alte Dame wurde vor kurzem notfallmäs­sig ins Spital eingeliefert. «Ich habe kein schlechtes Gewissen, meine Geschwister kümmern sich gut um sie», sagt Anna. Sie fühle sich jedoch ein wenig ausgeschlossen, so weit weg von allem. Der Gedanke «Wäre ich doch daheimgeblieben» sei ihr aber trotz allem fremd. Sie könne ja bei Bedarf jederzeit in den nächsten Flieger steigen. «Zudem bin ich im Herzen bei ihr, egal, wie weit weg ich bin.»

Anzeige

Weit weg sind auch die alten Freunde und Bekannten. Anfangs vermissten sie die sozialen Kontakte nicht so sehr. «Man hat unendlich viel zu tun, mit dem Haus, der Renovation, dem riesigen Garten.» Wie verrückt hätten sie gekrampft. Mehr als vier Hektar Boden, Hühner und Schafe geben zusätzlich zu tun. Heute freuen sie sich über Besuch aus der Heimat.

Frisch zugezogen, nahmen sie an verschiedenen Anlässen im Dorf teil. Meist bestehen die Festivitäten aus ausgedehnten Gelagen, die gut und gern auch mal fünf Stunden dauern können: die «Fête du Cochon», eine Art Metzgete, dann der Anlass am Ostermontag oder das Wild-Essen im Herbst. Roland, der Metzger, hat auch schon mal gekocht an solchen Anlässen. «Aber eigentlich bin ich kein Klubmensch.» Das Schönste sei ja, dass er hier nichts mehr müsse, auch gesellschaftlich nicht. Der bekennende Einzelgänger ist sich selber genug, pflegt ausser beim Einkaufen kaum Kontakte. Dafür kümmert er sich um die Hühner und Schafe, den Rasen und seinen Oldtimer, einen Peugeot 402 mit Baujahr 1936, den er liebevoll restauriert hat. Französisch gehört ohnehin nicht zu seinen Kernkompetenzen. Dass er nicht mehr so gut hört, hilft auch nicht.

Anzeige

Anna hingegen hat sehr schnell Bekanntschaften geschlossen und Freundinnen gefunden. Etwa Anne und die 85-jährige Suzette, mit denen sie sich jeden Samstag zum Häkeln und Stricken trifft. Und natürlich Nachbarin Dédé, 93, seit kurzem verwitwet. Sie und ihr verstorbener Mann hatten anfangs ein Auge auf die Handwerker, wenn die in Annas und Rolands Abwesenheit am Haus arbeiteten. Jetzt freut sich die rüstige Frau, die für sich allein noch immer jeden Mittag ein Drei-Gänge-Menü kocht, über jeden Besuch und führt stolz auch Fremde durch ihr Haus. Keine Spur von Fremdeln.

«Am Anfang ein wenig frustrierend»

«Es ist einfach, Einheimische kennenzulernen. Man kommt schnell ins Gespräch, sei es auch nur über das Wetter, einen Unfall oder die Hunde des Nachbarn», sagt Anna. «Vermutlich hat auch geholfen, dass wir unser Anwesen, unsere Hühner und Schafe sehr ordentlich halten. Das schafft Respekt bei der Landbevölkerung.»

Anzeige

Meist bleibt es aber beim oberflächlichen Smalltalk, auch nach all den Jahren. «Anfangs war es schon ein wenig frustrierend, dass sich niemand dafür interes­sierte, was ich denn sonst so im Leben gemacht habe, wer ich eigentlich bin.» Die Männer würden zwar viel eher Komplimente verteilen als Schweizer, seien aber auch ziemliche Machos. Und obwohl die Abstimmungsergebnisse oft «links» ausfallen, spüre man doch einen latenten selektiven Rassismus. «Aber wenn man anfängt, mit den Menschen zu Hause zu vergleichen, macht man sich nur unglücklich», sagt Anna. Dafür sei es völlig egal, wie man sich kleide, kontert Roland. «Niemand schaut krumm, wenn man im Trainingsanzug einkaufen geht.»

Alison, die englische Professorin, die sich in der Nähe ein Häuschen gekauft hat, hatte wohl Mühe mit der gleichmachenden Oberflächlichkeit der ländlichen Kommunikation. Meint zumindest Anna: «Sie ist hier eben nur eine ganz normale Frau.» Mag sein. Die Engländerin ist jedenfalls wieder nach London gezogen und vermietet das Haus jetzt. Dafür bringt sie ihrer Schweizer Freundin britische Spe­zialitäten mit, wenn sie mal wieder, wie gerade eben, nach Blajan kommt.

Anzeige

Keine Schweizer im Bekanntenkreis

«Alison ist eher eine Ausnahme. Die meisten unserer Freunde und Bekannten sind Franzosen», sagt Anna. Dann sind da noch David und Kerry, ein englisches Paar, das sich im Dorfkern von Blajan aus einem alten Gehöft mit enormem Zeitaufwand und viel Geld einen Schöner-Wohnen-Traum im Landhausstil geschaffen hat. Oder Jos und Anja, die holländischen Wirte einer kleinen Herberge mit Restaurant im Nachbardorf. Nur Schweizer sind nicht dabei. «Wir sind ja nicht aus der Schweiz weggezogen, um hier mit Schweizern zu verkehren. Dann hätten wir ja gleich zu Hause bleiben können», sagt Roland.

Und trotzdem. Wenn man Anna und Roland fragt, was ihnen an dieser Ecke Frankreichs gefällt, sagen beide: «Es sieht ein bisschen aus wie in der Schweiz.» Stimmt. Die Region mit ihrer sanften Hügellandschaft und den verschneiten Kuppen der Pyrenäen am Horizont ähnelt so manchem helvetischen Landstrich. Wäre da nur nicht die unschweizerische Weite und das südliche Licht, das alles viel klarer erscheinen lässt. Und die Tat­sache, dass hier Bananenstauden auch unverpackt den Winter überleben.

Anzeige

Sollte das Haus dereinst zu gross werden und die Kraft nicht mehr reichen für die Bewirtschaftung, hat Roland, ganz der Praktiker, schon einen Plan: «Ich verkaufe das Haus hier und kaufe ein gut erschlossenes Stück Land und zwei Mobilhomes, für jeden eines. Die werden dann an Strom, Wasser und Abwasser angeschlossen und sind viel leichter im Schuss zu halten als dieses grosse Haus.»

Und was, wenn die Beziehung auseinandergeht? Roland kann sich das nicht vorstellen, sagt er. Aber: «Eins ist sicher für mich: Zurück in die Schweiz, das kommt nicht in Frage. Ich bleibe.» Auch Anna ist gekommen, um zu bleiben.