Löcher haben in der Schweiz eine lange politische Tradition. Nicht nur das Loch für den Gotthard-Strassentunnel war zu bohren, auch Löcher in den Kassen der Kantone sind mit Steuersenkungen aufgerissen worden. Nach längerem Meisseln gelang uns schliesslich auch die Durchlöcherung des Bankgeheimnisses – gestopft aber kriegen wir die Löcher selten. In den Sozialversicherungen oder im Luftraum der Landesverteidigung klaffen sie weiter. Andere wiederum erscheinen gar noch grösser, tiefer und schwärzer, so dass man in ihnen dunkle Massen vermutet, die einwandern könnten. Sich dieser Tradition bewusst, hätte die SVP wohl besser eine Lochstopf-Initiative lanciert. Wer weiss, vielleicht sähen Flüchtlinge schon bald kein Licht mehr am Ende des Tunnels. 

Da müssen wir durch

Am 28. Februar ist Stichtag. An der Urne entscheidet sich, ob wir am Gotthard ein neues Loch ausheben. Paradox: An den Grenzen ärgern uns die vielen Löcher, und am Gotthard können es nicht genug sein. Man stelle sich vor, wie nach der Eröffnungsfeier die südländischen Billiglohnarbeiter plötzlich aus zwei Röhren in die Deutschschweiz geschossen kommen. Und falls sich die Autoschlangen nach der Öffnung der zweiten Röhre tatsächlich auflösen sollten, muss der gemeine Schweizer schliesslich an den Gubrist fahren, um die Ästhetik des Staus zu geniessen.

Dagegen dürfen wir bei all dem politischen Geröhre die Sicherheit auf der Strasse nicht aus dem Tunnelblick verlieren. So heisst es beim Ja-zur-Röhre-Komitee: «Aus einem gefährlichen Tunnel mit Gegenverkehr wird ein sicheres Tunnelsystem.» Ob eine doppelte Röhre und damit doppelter Verkehr nicht eher zu einem Mehr an Unfällen führt? Reine Spekulation. Doch wir Schweizer vergessen die Statistik gern, wenn uns ein Nationalheld von einem weiteren Schweizer Loch überzeugen will: Bernhard Russi wirbt mit durchdringendem Lächeln für eine zweite Röhre, obwohl grad er eigentlich schneller drüberkäme.

Nun wollen wir also mittendurch. Daher sollten wir die Gotthardröhren auch gleich unterirdisch mit dem Zuger Stadttunnel verbinden, dann bräuchte man auch nicht mehr durch Uri zu fahren. Aber wenn die europäischen LKWs nicht mal mehr durch das schöne Uri dürfen, können sie direkt die ganze Schweiz umfahren. 

Ein Land voller Schlupflöcher

Doch eine zweite Röhre heisst auch eine zweite Chance. Eine Chance für den Staat, jede Menge Schotter zu verteilen. Die Bundespolitiker bündeln ihn zu hübschen Staatsaufträgen, mit denen dann befreundete Baufirmen betraut werden. Synchron lechzen die Medien danach, nachzubohren beim ganzen Filz, um dank Exklusivgeschichten ihre dünnen Blätter wieder mit Anzeigen zu stopfen.

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Vielleicht brauchen wir eine zweite Röhre schlicht für unsere Identität. Der Gotthard steht schliesslich für unsere Überzeugung, unser politisches System: standhaft, unfehlbar und voller Schlupflöcher. Nutzen also auch wir die Chance und verlegen zur zweiten Röhre noch ein Glasfaserkabel. So versorgen uns nicht nur die Italiener mit LKWs voller roter Tomaten, sondern wir sie im Gegenzug mit Paketen voller Daten über schwarze Kassen.